Erneut Morde an US-Polizisten Amerika blutet, Amerika betet

Wieder wurden in den USA Polizisten erschossen, diesmal in Baton Rouge, Louisiana. Die Motive des mutmaßlichen Täters sind noch diffus. Doch die Verzweiflung im Land wird immer spürbarer.

Polizistin bei Trauergottesdienst in Baton Rouge
REUTERS

Polizistin bei Trauergottesdienst in Baton Rouge

Aus Baton Rouge, Louisiana, berichtet


"Ich liebe diese Stadt", schrieb Montrell Jackson, ein Cop aus Baton Rouge, der Hauptstadt des US-Bundesstaats Louisiana. "Aber ich frage mich, ob diese Stadt mich liebt."

Der Facebook-Eintrag, kurz nach den Attentaten auf Polizisten in Dallas, beschrieb einen Mann zwischen zwei Welten. Jackson, 33, war schwarz und ein Cop: "In Uniform bekomme ich hasserfüllte Blicke, und ohne Uniform sehen mich manche als Bedrohung." Trotzdem habe er Hoffnung: "Diese Stadt MUSS und WIRD besser werden."

Mutmaßlicher Schütze identifiziert

Doch am Sonntag wurde Jackson selbst zum Opfer: An einer tristen Straßenecke, zwischen einem Mini-Markt und einer Tankstelle, begann ein vermummter Attentäter, auf Polizisten zu schießen. Drei der Cops starben, darunter Jackson. Er hinterlässt eine Frau und einen vier Monate alten Sohn.

Abends identifizierten die Behörden den mutmaßlichen Todesschützen als Gavin L., einen seinerseits schwarzen Irak-Veteranen aus Kansas City im Bundesstaat Missouri, 1200 Kilometer von Baton Rouge entfernt. Auch er kam bei dem Feuergefecht um. Am Sonntag war sein 29. Geburtstag.

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Baton Rouge: Schütze tötet mehrere Polizisten

Seine Motive könnten komplexer sein, als es die ersten Fakten nahelegen. Long war Marineinfanterist a.D., er diente "ehrenhaft" im Irak-Krieg. Später bezeichnete er sich als "Guru", postete spirituelle Ratschläge, aber auch teils wirre Online-Tiraden gegen Rassismus und Polizeigewalt, welche wiederum nur durch Gewalt gesühnt werden könne. Er lobte den Attentäter von Dallas.

In der Nacht zu seinem Geburtstag dann eine kryptische Twitter-Nachricht: "Nur weil du jeden Morgen aufwachst, heißt das nicht, dass du lebst. Und nur weil du deinen physischen Körper abwirfst, heißt das nicht, dass du tot bist."

Damit beginnt in dieser ohnehin angespannten, seit Wochen von Protesten geschüttelten Stadt ein Sonntag, der für die Beamten eigentlich Routine sein sollte, sich aber im Polizeifunk dann als längst allzu üblicher Horror entfaltet.

8.40 Uhr: Ein Notruf bringt die Cops zum B-Quick-Markt an besagter Straßenecke - da laufe ein bewaffneter Mann mit Maske rum. 8:42 Uhr: Die ersten Schüsse fallen. 8:44 Uhr: "Officers down!" - Beamte verwundet. 8:46 Uhr: "Der Verdächtige ist an der Autowaschanlage." 8:48 Uhr: Ambulanzen rasen her.

In nicht mal zehn Minuten ist alles vorbei - und drei Polizisten sind tot: Brad Garafola, 45, ein Hilfssheriff aus East Baton Rouge; Matthew Gerald, 41, ein ehemaliger Soldat, der erst seit einem Jahr beim Baton Rouge Police Department war; und Montrell Jackson, seit zehn Jahren ein Cop hier.

Video: Marc Pitzke über die Ereignisse in Baton Rouge

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Amerika blutet. Erst die schier endlose Abfolge von erschossenen Schwarzen - darunter Alton Sterling, der ebenfalls in Baton Rouge starb. Dann der Terroranschlag von Dallas, wo ein schwarzer Heckenschütze am Rand einer Demonstration gegen Polizeigewalt fünf Cops tötete. Und nun Baton Rouge.

"Hier gehts nicht mehr um Schwarz gegen Weiß, um Zivilist gegen Cop", sagt einer der müden Beamten, die den Schauplatz, an dem ihre Kollegen starben, mit blinkenden Streifenwagen abgesperrt haben. "Hier gehts nur noch um Gut gegen Böse."

Dieser Satz und Montrell Jacksons Facebook-Post umreißen die Stimmung hier besser als jede offizielle Verlautbarung. Die Fronten verwischen und verhärten sich zugleich, die Waffengewalt trifft längst alle, Schwarze wie Weiße, Bürger wie Ordnungshüter. Zurück bleiben nur zerstörte Familien, gebrochene Herzen, verschreckte Gemeinden - und schiere Verzweiflung.

"Wir sind ein friedliches Volk"

Die offenbart sich an Veda Washington-Abusaleh, die am Sonntag vor dem Mini-Markt, wo ihr Neffe Alton Sterling nicht weit entfernt vom jüngsten Tatort verblutet war, zusammenbricht: "Wir sind ein friedliches Volk", sagt sie laut heulend. "Wir wollen kein weiteres Blutvergießen. Beendet dieses Töten!"

Sie offenbart sich an den entsetzten schwarzen Protestlern, die ihre täglichen Demonstrationen gegen Polizeigewalt hier erst mal abgesagt haben: "Gewalt hilft uns nicht, sie macht die Probleme nur noch schlimmer."

Sie offenbart sich an John Bel Edwards, dem Gouverneur von Louisiana, der, nachdem er die Hinterbliebenen trösten musste, selbst die Tränen kaum zurückhalten kann und zum gemeinsamen Gebet aufruft.

Amerika betet. Von Präsident Barack Obama über die Demokraten-Kandidatin Hillary Clinton bis hin zu Kip Holden, dem ersten schwarzen Bürgermeister von Baton Rouge, intonieren sie wieder "thoughts and prayers" - jene Floskel, die kommt, wenn Worte und Taten nichts mehr bewirken. Sie hilft, zumindest für die, die daran glauben, doch ändern wird sie wohl wenig.

Montrell Jackson
REUTERS/Montrell Jackson/Facebook

Montrell Jackson

Nur einer verweigert sich der Pietät. Donald Trump, der diese Woche beim Parteitag der Republikaner in Cleveland als Law-and-Order-Kandidat punkten will, begründet die jüngste Bluttat mit der "Führungsschwäche in unserem Land". Das passt ihm bestens ins Konzept - der erste Tag des Treffens steht denn nun auch unter dem Motto: "Make America safe again" (Machen wir Amerika wieder sicher).

Am Ende hallen aber nur die Worte des erschossenen Polizisten Montreal Jackson nach. "Wenn ihr mich seht und eine Umarmung braucht oder ein Gebet sagen wollt", schrieb der in seinem Facebook-Eintrag, "ich bin für euch da."

insgesamt 72 Beiträge
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Winniethepuuh 18.07.2016
1. Richtig übel wird es erst
wenn die Virtual Reality-Spiele nicht mehr Pokemon Go sondern Headshot heissen und mit VR-Brillen und richtigen Waffen gespielt werden. Man kann doch nicht einem Volk mit einer durchschnittlich so geringen Bildung und sozialer Absicherung freien Zugang zu Waffen lassen, auch wenn das vor 200 Jahren mal einer in die Verfassung geschrieben hat.
Walter Sobchak 18.07.2016
2.
Ich zitiere da mal ganz wertfrei Rambo "They drew first blood". Ich wundere mich eher, dass da nicht noch mehr passiert dort.
Leserbrief 18.07.2016
3. Hautfarbe oder Religion reicht nicht zur Welterklärung
Für ein Verständnis sozialer Probleme wäre es sehr hilfreich, wenn Welterklärer (z.B. Journalisten) Wörter bewusster wählen. Es geht nicht um "Schwarze gegen Weiße" (damit "Die Schwarzen" kollektiv mit "die Unterdrückten" assoziiert werden können), sondern um politische Bewegungen, die Konflikte nutzen und ausbauen (z.B. islamistische und nationalistische Kräfte, deren Ideologie auf Hautfarben basiert). Solche Anschläge verfolgen wie immer politische Ziele, auch wenn die Ausführer keinen Mitgliedsausweis bei Black Nationalists haben.
20InchMovement 18.07.2016
4. Beten
scheint nicht zu funktionieren.
kernspalter 18.07.2016
5. Immer die Ursache des Problems angehen ...
Zitat von Winniethepuuhwenn die Virtual Reality-Spiele nicht mehr Pokemon Go sondern Headshot heissen und mit VR-Brillen und richtigen Waffen gespielt werden. Man kann doch nicht einem Volk mit einer durchschnittlich so geringen Bildung und sozialer Absicherung freien Zugang zu Waffen lassen, auch wenn das vor 200 Jahren mal einer in die Verfassung geschrieben hat.
Verstehe ich Sie richtig, daß sie mit der Entwaffnung bei der Polizei anfangen wollen? Die bringt nämlich deutlich mehr Schwarze um als umgekehrt, und, wie man hinterher feststellt, meist grundlos und überwiegend folgenlos. Falls Ihnen die Idee jetzt absurd vorkommt, sie ist es im umgekehrten Fall auch. Gewalt hat soziale Ursachen, Tatmittel sind nur Werkzeuge. Das konnte man neulich in Nizza an der Verwendung eines LKW ganz offensichtlich sehen.
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