Zerstörte Planschbecken Die schwierige Suche nach dem Poolschlitzer von Münnerstadt

Der Poolschlitzer von Münnerstadt ist nicht zu fassen: Seit 2009 hat er Dutzende Planschbecken zerstört. Der örtliche Polizeichef spricht über die schwierige Suche nach einem Serientäter - und Spekulationen zu dessen Motiv.

DPA/ Polizei Bad Kissingen

Ein Interview von


Wer klettert nachts in Münnerstadt in Gärten und schlitzt aufblasbare Planschbecken auf? Seit 2009 stellt sich in der fränkischen Gemeinde diese Frage. Insgesamt 37 Fälle hat die Polizei bislang registriert. Die Ermittler dachten schon, der Spuk sei vorbei, als nach der Zerstörung eines Planschbeckens im September 2013 rund 22 Monate Ruhe war. Doch in der vergangenen Woche wurden erneut drei Planschbecken aufgeschlitzt.

Stefan Haschke ist ganz besonders daran interessiert, den Fall zu klären. Er leitet seit 2008 die Polizeiinspektion Bad Kissingen, in deren Gebiet Münnerstadt liegt. Im Interview spricht der 53-Jährige über schwierige Ermittlungen und Spekulationen zum Tatmotiv.

SPIEGEL ONLINE: Der Poolschlitzer von Münnerstadt - ein Einzeltäter?

Haschke: Davon gehen wir aus. Zum einen, weil es bundesweit quasi keine vergleichbaren Fälle gibt. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal für Münnerstadt und die Teilorte. Die Tatorte liegen nur wenige Kilometer auseinander. Und die Vorgehensweise wiederholt sich auch.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Sorge vor Nachahmern?

Haschke: Ich will nicht ausschließen, dass vielleicht auch mal ein Trittbrettfahrer verantwortlich war - oder in Zukunft sein könnte. Möglicherweise sagt sich jemand angesichts des öffentlichen Interesses: Da kann ich die Medien relativ schnell zum Laufen bringen. Aber das ist Spekulation.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist der Druck, den Fall zu lösen?

Haschke: Es ist für uns nicht der große Kriminalfall, hinter dem ein Mord steht. Es geht immer noch um Sachbeschädigung, in der Regel um Beträge von 50 bis 100 Euro. Andere Delikte hat es noch nie gegeben. Und es spricht auch nichts dafür, dass jemand an Leib oder Leben gefährdet ist. Aber auf unserer Liste der Fälle, die wir aufklären wollen, steht der Poolschlitzer trotzdem ganz oben. Wir wollen, dass Frieden einkehrt.

SPIEGEL ONLINE: Dazu bräuchten Sie einen konkreten Anhaltspunkt. Aber den gibt es nicht, oder?

Haschke: Leider ist die Spurenlage ganz dünn. 2013 wurde der Täter von einer aufmerksamen Anwohnerin gesehen. Sie beschrieb ihn als männlich, 25 bis 30 Jahre alt und 1,70 bis 1,80 Meter groß. Und einmal hinterließ der Täter einen Schuhabdruck in der Erde. Wir gehen zudem davon aus, dass es sich um einen sportlichen Menschen handelt. Immerhin werden Zäune und Mauern überwunden, um in die Gärten zu kommen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ermittlungsansätze verfolgen Sie?

Haschke: Die Fälle sind so verstreut, dass Überwachungsmaßnahmen kaum Aussicht auf Erfolg bieten. Der Täter ist sehr vorsichtig, immerhin ist er viele Jahre unerkannt geblieben. Wenn Kollegen hier auf dem Land nachts mit dem Streifenwagen unterwegs sind, sieht der Täter die quasi schon, wenn sie ins Dorf fahren. Deshalb machen wir andere Dinge. Aber dazu werde ich nichts sagen.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren die Betroffenen?

Haschke: Die Taten beunruhigen natürlich die Familien und vor allem die Kinder. Die nehmen das noch einmal ganz anders wahr: Mensch, ich habe ein Planschbecken, und da ist ein böser Mann, der das kaputtmacht. Und Eltern wie auch andere Leute hier in der Region stellen sich die Frage, welche Motivation hinter den Taten steht.

SPIEGEL ONLINE: Was bekommen Sie da zu hören?

Haschke: Wenn einer nachts mit einem Messer in Gärten herumläuft und Pools zerschlitzt, regt das die Fantasie an. Manche glauben, dass der Täter sich von planschenden Kindern und deren Geschrei gestört fühlt. Das ergibt für mich aber keinen Sinn, weil ja nicht nur ein Wohnviertel oder eine Straße betroffen sind. Mir hat eine Psychologin geschrieben. Die glaubt, die Taten seien möglicherweise von einem Elternteil begangen worden, dessen Kind ertrunken ist. Andere sagen, das Schlitzen sei ein Ventil des Täters für unterdrückte Süchte. Ich habe auch schon gehört, es handle sich um einen sexuell Verklemmten oder jemand mit Ödipus-Komplex.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Sorge, dass die Leute zur Selbstjustiz greifen?

Haschke: Ich habe nicht das Gefühl, dass die Stimmung hier so aufgeheizt ist. Wir appellieren an die Bevölkerung: Seid aufmerksam, aber stellt nicht den Täter, sondern ruft die Polizei. Insofern ist das Medieninteresse positiv. Das steigert die Motivation, derjenige zu sein, der den entscheidenden Hinweis gibt.

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