Was steckt hinter Zschäpes Erklärung im NSU-Prozess? Strategie Strafminderung

Jetzt spricht sie also - oder lässt sprechen: Beate Zschäpes Anwalt verkündete vor Gericht, sie sei an den Morden und Sprengstoffanschlägen des NSU nicht beteiligt gewesen. Wie erfolgversprechend ist diese Strategie?

Von Wiebke Ramm, München


Selten war die Einlassung einer Angeklagten von größerem Interesse: Nach zweieinhalb Jahren Schweigen hat sich Beate Zschäpe im NSU-Prozess geäußert. Ihr Anwalt Mathias Grasel verlas eine 53 Seiten lange Erklärung Zschäpes in Ich-Form. (Die wichtigsten Punkte finden Sie hier im Überblick. Das Minutenprotokoll der Aussage lesen Sie hier).

Das Ziel der Hauptangeklagten ist ziemlich klar: Zschäpe will offenbar vom Vorwurf der Mittäterschaft weg. Übrig bliebe Beihilfe. Hätte sie damit beim Senat Erfolg, drohten theoretisch nicht mehr etwa 20 Jahre Gefängnis, sondern deutlich weniger.

Dass diese Taktik funktioniert, darf aber bezweifelt werden. Zschäpe selbst ließ über ihren Anwalt erklären, sie sei nicht zur Polizei gegangen, weil sie schließlich jahrelang mit zwei Serienmördern im Verborgenen zusammengelebt habe - niemand hätte ihr also geglaubt. Mit dieser Einschätzung dürfte sie Recht behalten.

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NSU-Prozess: Anwalt verliest Zschäpes Aussage
Zschäpes Aussage zufolge hat sie quasi irgendwann alles gewusst, aber nichts gewollt. Von den Morden habe sie immer erst hinterher erfahren, sie sei entsetzt und fassungslos gewesen. Gegen die Raubüberfälle habe sie kaum Einwände gehabt, da sie diese als einzige Möglichkeit gesehen habe, Geld zu beschaffen.

Geständnis zu Brandstiftung, die schon als erwiesen gilt

Bemerkenswert ist: Zschäpe hat tatsächlich eingeräumt, dass Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt alle zehn Morde, 15 Raubüberfälle und zwei Sprengstoffanschläge begangen haben, die dem NSU zugeschrieben werden. Sie gibt Geheimdiensten nur indirekt eine Mitschuld, indem sie den ehemaligen V-Mann und führenden Thüringer Neonazi Tino Brandt als Geldgeber der rechten Szene hervorhebt.

Sich selbst belastet Zschäpe, indem sie die Brandstiftung in der vergangenen NSU-Wohnung in Zwickau einräumt. Es dürfte kaum ein Zufall sein, dass dieser Tatvorwurf bereits als bewiesen gilt. Ihre alte Nachbarin habe sie nicht gefährden wollen, sagte Zschäpe. Sie habe geklingelt und geklopft - ein Versuch, den Vorwurf des Mordversuchs aus dem Raum zu schaffen. Fraglich, ob ihr das gelingt.

Zschäpe bietet auf den ersten Blick wenig eindeutig Beweisbares an. Es ist vielmehr eine neue Deutungsfolie der Indizien. Brandt könnte nun erneut als Zeuge geladen werden, genauso wie ein weiterer Freund aus Zschäpes Vergangenheit.

Zschäpes Erklärung sei "ein Beweismittel unter vielen", sagte Bundesanwalt Herbert Diemer. Nun ist die Frage, zu welcher Einschätzung das Gericht bei der Beweiswürdigung kommt - und ob der Senat dabei eher der Angeklagten als der Bundesanwaltschaft folgen wird.

Video-Analyse: Gisela Friedrichsen über die Zschäpe-Aussage

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Die Angeklagten im NSU-Prozess
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Fotos: BKA/DER SPIEGEL

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