Beilmord von Lübeck "Ich habe Schreckliches getan"

Brutales Ende einer gescheiterten Ehe und eines zermürbenden Sorgerechtsstreits: Efstratios K. erschlug seine Ex-Frau auf offener Straße mit einem Beil. Vor dem Landgericht Lübeck brach der 38-Jährige nun in Tränen aus - die Waffe will er aber nur zufällig dabei gehabt haben.

Von , Lübeck


Lübeck - Durch seine dunklen, lichten Haare schimmert Schweiß. Efstratios K. blickt aufgeregt in den vollen Zuschauerraum, er scheut die Blicke der Verwandten, Freunde und Nachbarn, die in den Saal 163 des Lübecker Landgerichts gekommen sind. Tiefe Schatten liegen unter seinen dunkelbraunen Augen.

Efstratios K. (li.): "Ich hoffte, sie lebt noch"
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Efstratios K. (li.): "Ich hoffte, sie lebt noch"

"Die Trennung von meiner Familie war das Schmerzhafteste, was ich je erlebt habe", liest der gebürtige Grieche aus einer dreiseitigen Erklärung vor, die er gemeinsam mit seinen beiden Verteidigern formuliert hat. Immer wieder versagt ihm die Stimme, er weint, entschuldigt sich für seine Tränen.

Der 38-Jährige soll laut Anklageschrift am 28. Dezember 2007 seine von ihm getrennt lebende und geschiedene Frau Kalliopi T. aus "niedrigen Beweggründen", wie es heißt, mit einem Beil ermordet haben.

Trotz Scheidung habe er seine ehemalige Frau als seinen Besitz angesehen, eine Beziehung zu einem anderen Mann vermutet und gewusst, er würde ihr im Streit um das alleinige Sorgerecht für die Kinder unterliegen, erklärte Staatsanwältin Ulla Hingst.

Das tödliche Beziehungsdrama ereignete sich im Lübecker Stadtteil Marli - in der belebten Walderseestraße zwischen Kaufhof und Bertramshof. Kalliopi T. war nur schnell zum Supermarkt geradelt, was sie selten tat, denn die Angst vor ihrem Ex-Mann hatte ihren Lebensalltag bereits zu sehr beeinträchtigt.

"Ich war nicht ich selbst"

Doch an jenem Dezembertag hatte sich kurzfristig Besuch angekündigt. Kalliopi T. ließ die beiden Kinder, ein sieben Jahre altes Mädchen und einen vierjährigen Jungen, beim Großvater und fuhr mit ihrem weißen Fahrrad einkaufen.

Als sie auf dem Rückweg um 11.15 Uhr den Radweg der Walderseestraße entlangfährt, trifft sie auf ihren Ex-Mann, ebenfalls auf dem Fahrrad. "Sie überholte mich, sagte auf Griechisch zu mir: 'Wichser!' Ich versuchte, sie einzuholen, um mit ihr über die Kinder zu reden", erinnert sich Efstratios K.

Doch Kalliopi T. soll ihm auf Griechisch zugerufen haben: "Ich werde dich so weit kriegen, dass du auf Krücken gehst." Da schlägt er zu.

Laut Anklageschrift wuchtet Efstratios K. das Beil zweimal gezielt auf den Nacken seiner Ex-Frau, sechs weitere Hiebe folgen auf den Oberkörper. Die 36-Jährige stirbt noch am Tatort.

Efstratios K. will fliehen - ohne Rad und ohne Beil. Die zufällig vorbeifahrende Polizistin Anja S. - in Zivil - erkennt die Situation. Sie parkt ihr Auto mit ihren beiden Kindern, acht und zehn, und stürzt dem flüchtenden Täter zu Fuß hinterher. Der 31-jährigen Polizeiobermeisterin gelingt es, den 37-Jährigen zu überwältigen, obwohl sie weder eine Waffe noch Handschellen bei sich trägt oder ein Handy, um Verstärkung herbeizurufen. Alarmierte Polizisten nehmen K. schließlich fest.

"Ich hoffte, sie lebt noch", schluchzte Efstratios K. heute vor Gericht. "Ich erinnere mich nur an einen Schlag auf den Oberarm und an einen Schrei", behauptet er. Dass er das Beil überhaupt bei sich gehabt habe, stellte er als Folge unglücklicher Zufälle dar. Eigentlich habe er es für eine Reparatur in dem Lokal gekauft, in dem er als Kellner arbeitete.

"Ich habe Schreckliches getan und trage dafür die alleinige Verantwortung. Ich war nicht ich selbst." Er versuche immer wieder, Erklärungen zu finden, warum er das getan habe. Er träume von der Tat, würde sie gern rückgängig machen.

Immer wieder versagt Efstratios K. die Stimme, er weint. "Ich habe meiner Frau das Leben genommen - und meinen Kindern die Mutter." Er habe drei Familien zerstört: Die seiner Frau, seine eigene und die gemeinsame. "Ich weiß, es gibt keine Entschuldigung dafür. Ich möchte mich auch bei meiner Frau, die es nicht mehr hören kann, entschuldigen."

"Drei Stunden ließ man ihre Leiche auf dem Asphalt"

Es ist ein Verbrechen, das die Lübecker schockierte - und das viele Menschen beobachteten: Ein Großteil der 38 Zeugen, die vor der 9. Großen Strafkammer aussagen werden, sind Augenzeugen. Viele Neugierige sind zum Prozess-Auftakt gekommen.

"Wie sie da neben ihrem Fahrrad mit dem blauen Kindersitz liegt - das vergisst man nicht", erzählt Diana K. SPIEGEL ONLINE. "Drei Stunden lang ließ man ihre Leiche auf dem Asphalt liegen."

Für ihre Familie kam der Anschlag auf Kalliopi T. nicht überraschend: Jeder Schritt vor die Haustür habe die gebürtige Griechin mit den langen dunkelbraunen Haaren Überwindung gekostet. Nach Angaben ihrer Familie traute Kalliopi T. ihrem Ex-Mann vieles zu. Monatelang soll er die Mutter seiner Kinder terrorisiert haben. Im Treppenhaus habe sie wenige Wochen vor ihrem Tod einen Zettel aufgehängt: In dem Schreiben bat sie die Nachbarn, ihrem Ex-Mann keinen Einlass ins Haus zu gewähren.

Die geschiedenen Eheleute wohnten in derselben Straße, direkt vis-à-vis. Efstratios K. war nach einer zweijährigen Haftstrafe wegen Drogendelikten von Stuttgart nach Lübeck gezogen - dorthin, wo Ex-Frau und Kinder lebten. "Er ließ Kalliopi nicht aus den Augen", sagt ein Familienangehöriger SPIEGEL ONLINE.

Efstratios K. lebt seit seinem zehnten Lebensjahr in Deutschland. Er wuchs mit seinem Vater und dessen zweiter Frau in Stuttgart auf. Mit 16 Jahren machte er den Hauptschulabschluss, arbeitete in einer Fabrik, versuchte eine Lehre als Fliesenleger. "Ich hatte keine Probleme mit Integration", sagte der 38-Jährige vor Gericht.

Gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen dem Ex-Paar

Seine zukünftige Frau lernte er in Griechenland kennen. Als er wegen Drogenhandels zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde, trennte sich Kalliopi T. von ihm. Sie brach den Kontakt zu K. ab, während er in Stuttgart im Gefängnis saß, und zog ans andere Ende Deutschlands.

Mehrfach soll Efstratios K. laut Aktenlage der Staatsanwaltschaft wegen Bedrohung, Körperverletzung und Nötigung gegen seine Frau in Erscheinung getreten sein. So soll K. ihr am 22. September 2007 ein Messer an die Kehle gehalten und versucht haben, 100.000 Euro von Kalliopi T. und ihrer Familie zu erpressen. Die Polizei bestätigte, dass es häufiger gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen dem getrennt lebenden Ex-Paar gab. Efstratios K.s Verteidiger wollten sich zu diesen Vorwürfen gegenüber SPIEGEL ONLINE nicht äußern.

Immer wieder soll es auch Streit um das Sorgerecht für die beiden gemeinsamen Kinder Stella und Marios gegeben haben.

Efstratios K. klagte gegen die Entscheidung des Amtsgerichts Lübeck, wonach das alleinige Sorgerecht Kalliopi T. zugesprochen worden war. In zweiter Instanz zog er vor das Oberlandesgericht Schleswig. Doch auch hier wiesen die Richter seine Klage ab, sprachen allein der Mutter das Sorgerecht zu und gestatteten dem vorbestraften Vater lediglich, seine Kinder einmal pro Woche zu sehen.

"Ich habe meine Frau geliebt"

"Die Entscheidung fiel vor der Tat, kurz vor Weihnachten. Unserem Mandanten war der Beschluss jedoch noch nicht zugestellt worden", sagen Efstratios K.s Verteidiger Christian Schumacher und Oliver Dedow SPIEGEL ONLINE.

Da der Angeklagte die Tat eingeräumt hat, steht im Zentrum des Prozesses die Frage, ob es sich um Mord aus niedrigen Beweggründen oder um Todschlag handelt, sagt Staatsanwältin Hingst SPIEGEL ONLINE. Ob ihm der Tod seiner Ex-Frau leid tue, wollte sie anhand seiner vorbereiteten Erklärung nicht beurteilen. In dem bevorstehenden Prozess werde man hoffentlich einen "ungefälschten Eindruck seines Gemütszustandes" gewinnen.

Efstratios K. habe Angst gehabt, seine Frau könne Deutschland verlassen, vielleicht sogar mit einem neuen Partner, sagt er. Trotzdem sei er in seiner "Ehre als griechischer Mann" nicht gekränkt gewesen.

"Ich habe meine Frau geliebt", betont Efstratios K. immer wieder. "Die Trennung von meinen Kindern hat mich zerrissen."



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