Bekenntnis eines Polizisten "Ich habe getötet"

30 Jahre lang musste Polizist Michael Muche nicht auf einen Menschen schießen. Doch dann bedroht ihn eines Nachts ein Betrunkener mit einer Pistole - und Muche drückt ab. Als der Mann stirbt, stellt sich heraus: Er war der Bruder eines Freundes. Eine Geschichte über Schuld, Verzweiflung und das Trauma des Tötens.

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Schweinfurt - "Der Vorfall", wie Michael Muche die Nacht nennt, in der er einen Menschen tötete, begann mit heiseren Worten am Telefon. 110. Polizeinotruf. "Ja, hallo", flehte eine junge Frau, "mein Freund tickert aus. Ich bräucht Hilfe." Sie nannte ihren Namen, eine Adresse im Schweinfurter Norden, dann legte sie auf. Das Gespräch hatte auf die Sekunde genau eine Minute gedauert. Es war der 1. März 2004. Die Uhr in der Leitstelle zeigte 22.54 Uhr.

Ex-Polizist Muche: "Ich kann nicht mehr"

Ex-Polizist Muche: "Ich kann nicht mehr"

Im Streifenwagen der Polizeihauptmeister Michael "Mike" Muche und Gustav G.* knackte das Funkgerät: Einsatz. Häusliche Gewalt in der Friedhofstraße. Mit Blaulicht glitten die Beamten durch die einsamen Straßen der Kleinstadt. Montagabend, es schneite in dicken Flocken. Wir kriegen das in den Griff, dachten die beiden. Passt schon. "Ich mach den Schreibkram", sagte Mike.

Jahre später schreibt der Polizist Muche tatsächlich, monatelang hackt er auf seinen Laptop ein. Doch es entsteht kein Protokoll, wie er vor dem verhängnisvollen Einsatz im März 2004 noch gedacht hat, sondern ein schonungsloses, bewegendes, 196-seitiges Taschenbuch im Selbstverlag, auf dessen Titel eine Pistole prangt und der Schriftzug: "Ich habe getötet."

Der heute 51-jährige Muche gehört zu den wenigen Polizisten, die den Mut und die Kraft gefunden haben, sich öffentlich zu bekennen: Ja, ich habe einen Menschen erschossen. Ich habe das ultimative Tabu unserer Gemeinschaft gebrochen, weil ich nicht anders konnte, weil ich musste, weil "der andere" mich dazu gezwungen hat. Und fast wäre ich daran zerbrochen.

"Polizei. Machen Sie bitte auf!"

Die Friedhofstraße Nummer 21 ist ein Altbau in einer ruhigen Gegend - oft hatten Muche und seine Kollegen hier nicht zu tun. Doch in dieser kalten Märznacht mussten die Polizisten Treppen fressen, fünf, sechs, sieben, bis ganz nach oben in die Dachgeschosswohnung. Warum wohnen "diese Leute nie im Erdgeschoss? Immer dasselbe", schimpfte Muche. Keine Klingel, das Haus ist dunkel und totenstill. Sie klopften. Eine Stimme wisperte: "Wer ist denn da?" - "Polizei. Machen Sie bitte auf!"

Langsam, wie Muche sich zu erinnern meint, schwang die Tür auf. Eine blasse, junge Frau stand ihnen gegenüber, ein Golden Retriever an ihrer Seite, die Wohnung lag in schummrigem Licht. "Moment, ich sperr den Hund ins Bad." Im Wohnzimmer hockte ein massiger Mann im Schneidersitz auf dem Fußboden, Ziegenbart, kahler Schädel. "Was war denn los?", fragten die Uniformierten.

Keine Antwort.

Unvermittelt zog Jörg S.*, 35, stattdessen eine Pistole unter seinem Bein hervor und richtete sie auf die Polizisten. Silbern, glänzend, riesengroß war die Waffe, ihre Mündung schien alles zu verschlingen. Der Tod in Händen eines Betrunkenen. "Ach, du Scheiße", dachte Muche. Jetzt ging alles ganz schnell, eine Minute noch, vielleicht anderthalb.

"Knarre weg!"

Die Beamten rissen ihre Dienstwaffen vom Typ Heckler & Koch P7 aus den Holstern und sprangen in Deckung. "Knarre weg! Knarre weg", brüllte Muche den Mann an. Keine Reaktion. Jörg S. stand auf und ging langsam auf die beiden zu, die Pistole im Anschlag. "Knarre weg!" S. zeigte keine Regung. Er zielte.

Muche hastete aus der Wohnung, Panik, Todesangst, Hirnkrampf - und rannte sofort wieder zurück. "Gustav ist noch drin." Ein Schuss peitschte durch den Raum, "laut wie ein Donnerschlag", Muches Partner schlug zu Boden. "Scheiße, scheiße, scheiße!" Mike drückte ab, fünfmal, und schließlich, ganz langsam, die Pistole noch immer auf den Polizisten gerichtet, sackte Jörg S. zusammen. Es war vorbei.

Michael Muche ist ein mittelgroßer, mittelschwerer Mann mit grauem Schnurrbart und grauen Haaren. Er trägt eine schwarze Hose, einen schwarzen Pullover, schwarze Lederstiefel, "alles muss schwarz sein", und starrt in seinen Kaffee mit Milch und viel Zucker. Äußerlich ungerührt erzählt er seine Geschichte, doch die stahlblauen Augen füllen sich langsam mit Tränen.

Seit vier Jahren schläft Michael Muche nicht mehr richtig, und wenn doch, träumt er von Menschen ohne Hände, von Gewalt, Kampf und der Mündung einer Pistole. Er, der Sunnyboy, der Macher, der das Leben im Griff zu haben glaubte, keine Angst kannte und Probleme, die er nicht lösen konnte, "einfach abhakte", wie er sagt, ist inzwischen ein kranker Mann: Posttraumatische Belastungsstörung lautet die Diagnose. Der Freistaat hat Polizeihauptmeister Michael Muche nach 33 Dienstjahren deshalb frühpensioniert.

Der Bruder eines Freundes

Wenige Tage nach "dem Vorfall" musste Muche von seinem Vorgesetzten erfahren, dass er den Bruder eines Freundes erschossen hatte. Er war ihm nie zuvor begegnet. Schlimmer noch: Es stellte sich heraus, dass Jörg S. nur eine Schreckschusswaffe auf die Polizisten gerichtet hatte. Den Schuss, den Muche hörte, gab sein Kollege G. ab - und fiel danach in eine Art Schockstarre.

Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt kamen in ihren Ermittlungen gleichwohl dem Ergebnis, dass Jörg S. sterben wollte und den tödlichen Zwischenfall deshalb provoziert hatte. Der 35-Jährige, der zum Zeitpunkt des Unglücks stark angetrunken war, zwang demnach seine Freundin, die Polizei zu rufen, um in einer vermeintlichen Notwehrsituation erschossen zu werden. "Suicide by cop" nennen das US-Polizeipsychologen.

Er habe sich vor dem Unglück gedanklich oft mit der Frage beschäftigt, "was tue ich, wenn mich einer mit einer Pistole bedroht?", sagt Muche. "Jeder Polizist tut das." Und er sei sich immer sicher gewesen: "Dann blase ich den halt weg." Doch so einfach war das nicht.

Eine idiotische Idee

Der Polizeiarzt riet Muche, möglichst schnell in einen Streifenwagen zu steigen. "Wie beim Reiten. Wer vom Pferd gefallen ist, muss sofort wieder aufsteigen." Eine idiotische Idee.

Zwei Wochen nach den tödlichen Schüssen war Muche zurück auf der Straße, Polizeiinspektion Schweinfurt-Stadt, Dienstgruppe B - alles wie früher, nur die Panikattacken waren neu. Muche wollte sie niederringen wie sonst die Betrunkenen, die Randalierer und Schläger. Es ging nicht.

Die Beamten wurden zu einem Familienstreit gerufen, Muche war wieder der erste an der Tür, kalte Angst im Nacken und einen unerfahrenen Kollegen an der Seite. Er zog die Waffe, zitterte und brüllte sein Gegenüber an: "Nimm die Hände aus den Taschen!" Doch der Afghane verstand ihn nicht. "Wenn er in diesem Moment eine hastige Bewegung gemacht hätte, hätte ich ihn erschossen. Einen Unschuldigen", sagt Muche. "Da war mir klar: Ich kann nicht mehr."

Der Freund und Helfer, der Problemlöser, Macho und Frauenheld brauchte nun professionelle Hilfe. Denn die gesellschaftlichen Normen, nach denen unsere Psyche arbeitet, kennen keine Notwehr, keine mildernden Umstände, sie sagen bloß: Du sollst nicht töten. Punkt, aus, basta. Mancher entkommt den Schuldgefühlen nicht, auch wenn er keine Schuld hat.

Klein Glück, nirgends

Muche machte Therapien, besuchte Psychologen, sprach in Gruppen oder alleine über sein Trauma. Auch davon handelt das aufwühlende Buch. Der fast 50-Jährige räumte sein Leben auf, er versuchte, private Fehler wiedergutzumachen, sich zu versöhnen und auszusprechen. Nicht zuletzt mit den Angehörigen von Jörg S.

Stundenlang redete und weinte er mit dem Bruder des Getöteten. "Er hat mir nie Vorwürfe gemacht", sagt Muche, und ab und an sähen sie sich auch noch. "Aber die Freundschaft hat sich erledigt. Das geht nicht mehr." S. Mutter, der er einen langen Brief geschrieben habe, könne ihm wohl nicht verzeihen. "Ich muss das akzeptieren", so Muche.

Glück, so meint der Mann, der getötet hat, werde er in seinem Leben ohnehin nicht mehr empfinden. Allenfalls Zufriedenheit. "Und das wäre schon viel."


Mike Muche: Ich habe getötet. Edition nove. Neckenmarkt, 2008; 196 Seiten; 18,50 Euro.

* Name geändert



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