Belgischer Rassisten-Prozess Der Schlächter von nebenan

Der Prozess ist vorüber, das Urteil gefällt. Der Teenager Hans van Themsche machte in der Antwerpener Innenstadt Jagd auf Ausländer, erschoss zwei Menschen. Ist er ein Rassist? Oder ein Autist? Die Wut auf den Täter bleibt – und das Unvermögen, sich ihm zu nähern.

Von , Brüssel


Brüssel – Pol Vamdemeulebroucke ist ein derber Mann. Wenn er spricht, sich ereifert, flucht er, wie es Anwälte in der Öffentlichkeit nur selten tun. Doch auch die verbalen Ausfälle können nicht erklären, was am 11. Mai 2006, jenem sonnigen Donnerstag, in seinem Mandanten Hans van Themsche vor sich ging.

Was er sich dachte, als er in Roeselare, rund 90 Kilometer von Antwerpen entfernt, einen Abschiedsbrief an seine Eltern schrieb, seinen schwarzen Ledermantel anzog, sich in den Zug setzte, nach Antwerpen fuhr, im Waffengeschäft von George Lang ein amerikanisches Jagdgewehr und 20 Schuss Munition kaufte, mit dem Gewehr im Anschlag die Hauptgeschäftsstraße überquerte, über das Kopfsteinpflaster lief und gezielt Ausländer hinrichtete. Zuerst feuerte er auf die 47-jährige Türkin Songul Koc, die in ihrer Mittagspause auf einer Bank in der Sonne saß und las.

Hans Van Themsche vor dem Gericht in Antwerpen: "Zur falschen Zeit am falschen Ort"
DPA

Hans Van Themsche vor dem Gericht in Antwerpen: "Zur falschen Zeit am falschen Ort"

Van Themsche traf sie in den Bauch, sie wurde schwer verletzt, doch überlebte. In der Annahme, er habe sein erstes Opfer getötet, bog van Themsche in die nahegelegene Einkaufsstraße, wo er zweihundert Meter weiter auf seine nächsten Opfer traf. Oulematou Niangadou, 24, war als Au-pair-Mädchen aus Mali nach Belgien gekommen, um hier ein besseres Leben zu beginnen. Neben ihr lief die zweijährige Luna Drowart, auf die Niangadou aufpasste. Van Themsche schoss der jungen Frau in den Rücken, als sie mit dem Kind an der Hand zu fliehen versuchte. Wenige Sekunden später schoss er auch auf die kleine weinende Luna mit den blonden Locken und den blauen Augen, die so gar nicht in sein Beuteschema passte.

Blutrünstiger Feldzug für die Ordnung

Er habe "die Ordnung wiederherstellen wollen" sagte van Themsche später der Polizei, als die nach seinen Motiven fragte. Luna habe er eigentlich nicht umbringen wollen, aber das schluchzende Kind habe ihn "an ein Elefantenbaby" erinnert, das vereinsamt und unglücklich gewesen sei, nachdem seine Mutter von Wilderern ermordet worden sei. Die Szene hatte van Themsche im Fernsehen gesehen. Und nun war er selbst der Wilderer.

Van Themsche, Student an der Agrarschule in Roeselare, auf dem Feldzug für die Ordnung im seiner Meinung nach viel zu multikulturellen Antwerpen. Er habe den Ausländern eine "Lektion erteilen" wollen. Das Kind sei "zur falschen Zeit am falschen Ort" gewesen, gab er in seinem ersten Verhör zu Protokoll, nachdem er von einem Zivilpolizisten mit einem Schuss in den Bauch von weiteren Taten abgehalten und überwältigt werden konnte.

Nun hat das zuständige Schwurgericht in Antwerpen den heute 19-Jährigen wegen zweifachen rassistischen Mordes und versuchten Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Aber wer ist van Themsche? Der Frage widmeten sich die belgischen Zeitungen unmittelbar nach der Tat und während des zweiwöchigen Prozesses. Die Journalisten wühlten im Leben des Jungen, suchten nach Indizien für eine verkorkste Kindheit, nach Hinweiser einer psychischen Störung. Gefunden haben sie einen Großvater, der auf Seiten der Nazis gegen die Kommunisten kämpfte, eine Tante namens Frieda van Themsche, die für die rechtsradikale Partei Vlaams Belange im Parlament sitzt und zwei überfürsorgliche Eltern, die mit der Politik der Rechten sympathisieren, aber nie auffällig geworden sind.

"Ein herzlicher Mensch"

Der Prozess hat Belgien einen Täter gezeigt, der es den Menschen nicht einfach macht, ihn in eine Schublade zu stecken, zumindest dann nicht, wenn man sich nicht einfachen Kausalitäten hingeben will. Hans van Themsche spielte Ballerspiele am Computer, seit er ungefähr zehn Jahre alt war. Das tun Millionen andere auch und ziehen nicht im schwarzen Ledermantel mordend durch die Innenstadt. Van Themsche war ein ruhiger Junge. "Hans hat sich immer korrekt verhalten", sagt sein früherer Schuldirektor. Einer seiner Brüder hat einen IQ von 150, ein anderer leidet unter dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, da hat sich die Mutter keine Sorgen gemacht, dass auch Hans mitunter etwas sonderbar war.

"Als Mensch war er einer der nettesten Mandanten, den ich je vertreten habe", sagt Anwalt Pol Vandemeulebroucke SPIEGEL ONLINE. Und schiebt ein gepresstes "verdammt" hinterher. "In seiner Gegenwart fühlen sie sich gut. Er ist sympathisch, er vermittelt seinem Gegenüber ein warmes, herzliches Gefühl, wenn Sie verstehen." Die Menschen, die van Themsche kennen, hätten ihm gesagt: "Wenn wir aus einer Million Menschen einen hätten raussuchen müssen, der so etwas tun würde, dann ganz bestimmt nicht Hans." Er habe sich auch nie als Kind geprügelt. Es klingt ein wenig so, als wolle Vandemeulebroucke seine Einschätzung des Täters wenigstens etwas objektivieren. So gut es eben geht.

Doch nur der nette Junge von nebenan ist van Themsche auch für den in Belgien umstrittenen Verteidiger nicht. "Mit dem Kerl stimmt doch was nicht", hat Vandemeulebroucke nach eigener Aussage gedacht, als er den damals 18-Jährigen zum ersten Mal sah. Um zu ermitteln, was genau nicht stimmt mit dem scheinbar unauffälligen Teenager, der noch nie eine Freundin hatte und seine Bluttat detailliert plante, engagierte sein Verteidiger fünf Experten. Ihr Urteil: Van Themsche ist Autist, bei der Tat sei er in einer "besonderen emotionalen Not" gewesen, die Jagd sei Ausbruch eines nicht verarbeiteten Traumas, das er in der Grundschule erlitt, als ihn eine Gruppe marokkanischer Jungen auf der Toilette einsperrte.

Van Themsches Running Gag: Der Hitlergruß

Das Gericht erkannte die Einschätzung der von der Verteidigung bezahlten Gutachter nicht an. "Und dass, obwohl einer der Professoren sogar für das FBI arbeitet, verdammt. Verstehen Sie, das FBI?", ereifert sich Vandemeulebroucke. Dem Gericht wirft er vor, dass dessen Gutachter keine besonders sorgfältige Arbeit gemacht hätten.

Das Urteil des Verteidigers steht fest. Dass van Themsche während des Prozesses keinerlei Emotionen gezeigt hat, dass er merkwürdige Scherze macht und sich totlacht, wenn er gelegentlich die Hand zum Hitlergruß hebt, dass er gezielt farbige Menschen töten wollte – dass alles passt in Vandemeulebrouckes Bild. Demnach ist sein Mandant "kein Rassist, sondern ein Autist". Warum dann die gezielte Jagd auf Ausländer?

"Er wollte die Menschen töten, weil sie schwarz waren, nicht weil er ein Rassist ist, verdammt." In den Jahren, die van Themsche zuhause vor dem Computer verbracht habe, habe er wieder und wieder mit seiner Armee gegen fremde Armeen gekämpft, denen er Farben habe zuordnen müssen. Und die anderen seien eben schwarz gewesen, er weiß. "Er denkt einfach in Farben, das ist typisch für Autisten. Sie orientieren sich an Schemata."

Als van Themsche dann am 11. Mai 2006 in der Antwerpener Altstadt "in den Krieg gezogen ist", seien all diese "Muster" in dem Nervenzusammenbruch auf einmal wieder präsent gewesen.

Ist van Themsche also kein Anhänger der rechten Vlaams Belange? "In Antwerpen haben bei der letzten Wahl 30 Prozent der Menschen für diese Partei gestimmt. Glauben Sie ernsthaft, jeder dritte Antwerpener sei ein Rassist?"

Doch van Themsche hatte die Tat gegenüber Schulkameraden angekündigt. Er hatte gesagt, er werde erst viele Ausländer umbringen, dann sich selbst. Geglaubt hat ihm niemand. Und dass man ihn aus dem Internat in Roeselare warf, weil er nachts unerlaubter Weise in seinem Schlafraum geraucht hatte, taugt kaum für die Erklärung zweier Morde.

Van Themsche hätte, wäre er nicht überwältigt worden, weitere unschuldige Menschen auf seinem persönlichen Feldzug gerichtet, da ist sich die Polizei sicher. Die Gutachter des Gerichtes bescheinigen van Themsche, dass er voll für seine Taten zur Verantwortung gezogen werden kann. Er sei kein Autist, sondern ein Rassist. Ein einsamer Junge mit einer ausgeprägt fremdenfeindlichen Gesinnung. Im Gericht hat er sich die Urteile, die andere über ihn gefällt haben, die psychologischen wie die juristischen, angehört, als ginge es ihn nichts an. Teilnahmslos hat er seinen Prozess verfolgt, als sei ihm die Materie völlig fremd.

Das Fremde ist für Hans van Themsche der Quell allen Übels.



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