Benedikt und der Missbrauchskandal Herr, vergib ihm seine Geduld

Der Papst gerät wegen des Umgangs mit Missbrauchfällen weiter ins Zwielicht: Die im Jahr 1996 von ihm geführte Glaubenskongregation hat damals auf Strafen gegen einen pädophilen Priester verzichtet. Benedikts Autorität als Kirchenführer schwindet - warum ist er eigentlich noch im Amt?
Papst Benedikt: Kirchenführer in der Defensive

Papst Benedikt: Kirchenführer in der Defensive

Foto: Gregorio Borgia/ dpa

Papst Benedikt XVI.

Wann muss ein Papst eigentlich zurücktreten? Die evangelische Bischöfin Margot Käßmann hat es getan, weil sie glaubte, nicht mehr mit der notwendigen moralischen Autorität ihr Amt ausüben zu können. Aber wie viel Autorität hat noch in seinem Amt?

Derzeit schwindet sie nahezu täglich, mit jeder neuen Erkenntnis über seine eigene Rolle, die den Umgang seiner Kirche mit sexuellem Missbrauch geprägt hat. So einfach aber tritt ein Papst nicht zurück. Er ist kein Vorstandschef eines Konzerns, kein Parteivorsitzender - er ist der direkte Nachfolger des Apostel Petrus.

Immerhin, das Kirchenrecht macht es prinzipiell möglich: Kanon 332, Absatz 2 regelt den Rücktritt des Papstes. Danach kann ein Papst, wann immer er will, ohne jemanden um Erlaubnis zu bitten, zurücktreten. Ebenso bei geistiger Umnachtung, falls der Pontifex vorher daran gedacht hat, ein Demissionsschreiben zu hinterlegen. In der langen Geschichte der Kirche kamen Rücktritte allerdings äußerst selten vor, zuletzt vor 700 Jahren, bei Papst Cölestin V.

Und selbst wenn viele Missbrauchsopfer schon lange den Rücktritt Benedikts fordern: Er tritt nicht einfach zurück, ein Papst weist zurück - am liebsten "sämtliche" Vorwürfe, die aus Sicht des Vatikans natürlich alle völlig "unbegründet" sind.

So ist es auch nun wieder beinahe reflexartig passiert. Im Fall des pädophilen amerikanischen Priesters Lawrence Murphy aus der Erzdiözese Milwaukee, so ließ Papstsprecher Federico Lombardi verlauten, habe es keine Vertuschung durch Ratzinger gegeben. Mit Blick auf das Alter Murphys habe die von Ratzinger geführte Glaubenskongregation 1996 auf Kirchenstrafen verzichtet. Der Pädophile, der rund hundert Kinder missbraucht hatte, durfte bis zu seinem Tod auch Priester bleiben.

"Die Täter zuerst"

Als ob diese Erklärung eine wirkliche Entlastung für den Papst sei. "Die Täter zuerst", hieß die Devise der Kirche über viele Jahrzehnte, um sie wurde sich überaus verständnisvoll gekümmert, um die Opfer dagegen kaum.

Ratzinger war seit 1982 Chef der für sexuellen Missbrauch zuständigen Abteilung im Vatikan, niemand in der Kirche wusste mehr als er über das wahre Ausmaß sexuellen Missbrauchs weltweit. Wer, wenn nicht er, ist für diesen Kurs der Kirche denn verantwortlich?

Wo Benedikt draufsteht, ist Ratzinger drin, schrieb der SPIEGEL angesichts der Euphorie über den deutschen Papst, die sich nach seiner Wahl hierzulande breit machte. Und als Papst hat er seiner Kirche inzwischen mehr geschadet als genützt. Er belastete gleich mehrfach das Verhältnis zu den Juden, er zündelte mit seiner Regensburger Rede am Verhältnis der Muslime zu den Christen, er verärgerte die Indianer bei seiner Lateinamerikareise, er stieß den Protestanten vor den Kopf und zeigte sich gegenüber Holocaust-Leugnern versöhnlich.

Selbst treue Katholiken sind fassungslos über seinen Kurs. Und zu all dem kommt hinzu - als Konstante über Jahrzehnte - sein nachlässiger Kurs gegenüber den Pädophilen in der eigenen Institution.

Aber selbst die Bischöfe in Irland oder Amerika haben sich schwer damit getan, zurückzutreten - sogar dann, wenn ihre Vertuschung erwiesen war. Auch in Deutschland hat bisher kein Bischof die Verantwortung für die schweren Fehler in den Bistümern übernommen und seinen Rücktritt angeboten.

Krisenmanagement wie ein Mittelstandsbetrieb

Die bisherigen Reaktionen gehen kaum über das Krisenmanagement eines Mittelstandbetriebes hinaus: Entschuldigung, Runder Tisch, Hotline. Wie sollen so die Täter hinter den Tätern gefunden werden? Wie das System des Vertuschens, Verschweigens und Versetzens in der Kirche ausgerottet werden? Und wer soll die geheimen Kirchenakten öffentlich machen?

Die Erfahrungen der Opfer, die in Amerika, Irland und anderswo seit Jahren mit der Kirche gemacht wurden, sind schlecht. Soll sich das in Deutschland wiederholen? Es ist noch längst nicht alles öffentlich, was in der Kirche hinter den Fassaden geschehen ist. Es gibt hierzulande mehrere Bischöfe, die allein schon deswegen Grund haben für einen Rücktritt, weil sie früher als Personalchef oder Weihbischof am Kartell des Schweigens mitgewirkt haben. Die Alternative hieße wirkliche Offenlegung des eigenen Handelns, auch wenn es weh tut.

Es ist Übles geschehen im Inneren einer hochmoralischen Instanz, deren Männer hoch oben auf den Kanzeln den Menschen stets bis ins kleinste Detail gepredigt haben, was richtig ist und was falsch.

Mit welcher moralischen Autorität wollen künftig die Priester und Bischöfe in Deutschland eigentlich noch ihr Amt ausüben und den Menschen sagen, worauf es ankommt im Leben?

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