Emeritierter Papst Klage eines Missbrauchsopfers – Gericht fordert Stellungnahme von Benedikt XVI.

Ein Missbrauchsopfer in Bayern klagt unter anderem gegen Joseph Ratzinger. Das Landgericht Traunstein will nun, dass sich der emeritierte Papst in dem Fall erklärt.
Der emeritierte Papst Benedikt XVI. (2020)

Der emeritierte Papst Benedikt XVI. (2020)

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Sven Hoppe/ dpa

Das Landgericht Traunstein hat nach der Klage eines von einem katholischen Priester missbrauchten Mannes eine Stellungnahme vom emeritierten Papst Benedikt XVI. angefordert. »Die Beklagten haben die Möglichkeit, innerhalb von zwei Wochen ihre Verteidigungsbereitschaft anzuzeigen, anschließend haben sie vier Wochen beziehungsweise einen Monat Zeit zur Klageerwiderung«, sagte Gerichtssprecherin Andrea Titz.

Die Zivilklage des Mannes, eine sogenannte Feststellungsklage, war im Sommer eingereicht worden. Sie richtet sich nicht nur gegen Benedikt, den früheren Kardinal Joseph Ratzinger, sondern auch gegen dessen Nachfolger im Amt des Erzbischofs von München und Freising, Kardinal Friedrich Wetter. Auch dem Erzbistum wurde die Klage Anfang der Woche zugestellt, wie dessen Sprecher Christoph Kappes bestätigte. Er sagte, »dass wir uns zu einem laufenden Gerichtsverfahren nicht äußern«.

Schriftliches Vorverfahren eingeleitet

Bei einer sogenannten Feststellungsklage geht es zwar nicht um eine strafrechtliche Verfolgung, möglicherweise könnte aber die Schuld der Kirche an Missbrauchsfällen festgestellt werden. Dass das Gericht nun ein schriftliches Vorverfahren eingeleitet hat, bedeute »keinerlei inhaltliche Bewertung der Erfolgsaussichten der Klage durch das Gericht«, betonte Justizsprecherin Titz. »Ob also der geltend gemachte Feststellungsanspruch trotz Verjährung etwaiger Schadensersatz- beziehungsweise Schmerzensgeldforderungen besteht, ist erst Gegenstand des weiteren Verfahrens.«

Zuvor hatten der Bayerische Rundfunk, das Recherchezentrum Correctiv und die »Zeit« darüber berichtet. Den Berichten zufolge hatte Benedikt XVI. laut Klageschrift in seiner Zeit als Erzbischof von München-Freising »Kenntnis von allen Umständen« gehabt. Er habe es dabei »zumindest billigend in Kauf genommen, dass dieser Priester ein Wiederholungstäter ist«.

Hintergrund ist der Fall des Priesters Peter H., der im Sommer aus dem Klerikerstand entlassen wurde. H. war zunächst im Bistum Essen tätig und wurde dann nach Vorwürfen des Kindesmissbrauchs nach München versetzt, um dort therapiert zu werden.

Der 38-jährige Kläger wirft Benedikt XVI. den Berichten zufolge vor, H. trotz besseren Wissens bei der Gemeindearbeit mit Kindern und Jugendlichen eingesetzt zu haben. Der emeritierte Papst habe den Priester in sein Bistum München und Freising aufgenommen, obwohl H. als pädophil vorbestraft bekannt gewesen sei. In Bayern beging der Priester dann weitere Missbrauchstaten.

Ein vom Erzbistum München und Freising in Auftrag gegebenes, im Januar vorgestelltes Gutachten einer Anwaltskanzlei war zu dem Ergebnis gekommen, dass Fälle von sexuellem Missbrauch in der Diözese über Jahrzehnte nicht angemessen behandelt wurden. Auch dem emeritierten Papst werfen die Gutachter Fehlverhalten in mehreren Fällen vor, darunter auch im Fall H.

Die Aufnahme des Priesters in Bayern war in einer Sitzung am 15. Januar 1980 beschlossen worden, an der auch Benedikt teilnahm. In seiner Stellungnahme gegenüber den Münchner Gutachtern hatte er zunächst angegeben, bei der fraglichen Sitzung nicht anwesend gewesen zu sein, dies aber nach Veröffentlichung des Gutachtens korrigiert und durch ein »Versehen bei der redaktionellen Bearbeitung« erklärt. Benedikt verfasste schließlich einen Brief, in dem er die Opfer sexuellen Missbrauchs um Entschuldigung bat, konkrete Vertuschungsvorwürfe gegen sich wies er aber stets entschieden zurück.

In der Sitzung vom 15. Januar 1980 sei nicht über einen »seelsorgerlichen Einsatz« des Priesters H. entschieden worden, so der emeritierte Papst. Benedikt habe weder gewusst, dass H. ein Missbrauchstäter gewesen sei, noch dass er wieder in der Seelsorge eingesetzt werde, hieß es in einer Stellungnahme seines Beraterteams. Sein Anwalt Carsten Brennecke bezeichnete weitere Vorwürfe gegen Benedikt als »boshafte Spekulation« .

wit/dpa
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