Aussage eines Ku'damm-Rasers "Also lieber beschleunigen, es wird schon gut gehen"

Ein 69-Jähriger starb, weil Marvin N. und Hamdi H. sich auf dem Ku'damm ein Autorennen lieferten. Was N.s Anwalt im Namen seines Mandanten vor Gericht verliest, hält der Sohn des Opfers für Taktik.

Unfallort in Berlin (Foto vom 1. Februar 2016)
Britta Pedersen/DPA

Unfallort in Berlin (Foto vom 1. Februar 2016)

Von Wiebke Ramm


Marvin N. sitzt schweigend auf der Anklagebank, während sein Verteidiger Enrico Boß in seinem Namen eine Erklärung vorliest. Es ist das erste Mal, dass sich Marvin N. zu jener Nacht auf den 1. Februar 2016 äußert, als er und der Mitangeklagte Hamdi H. in ihren Autos mit bis zu Tempo 160 über den Berliner Ku'damm und dessen Verlängerung, die Tauentzienstraße, rasten. Am Ende war ein Mann tot. Marvin N.s Einlassung vor dem Landgericht Berlin an diesem Tag ist der Versuch, eine Verurteilung wegen Mordes zu verhindern.

Der 27-Jährige räumt über seinen Anwalt ein, dass er regelmäßig Rennen gefahren sei. Er sei stolz auf seine Fahrkunst gewesen. Sein Auto, ein weißer Mercedes mit 381 PS, sei für ihn ein Statussymbol gewesen.

Dass er mit seiner Raserei sich und andere gefährde, habe er nicht für möglich gehalten, "weil ich einfach zu gut war". Mittlerweile habe er begriffen, dass dies "ein gravierender Trugschluss" gewesen sei. "Meine falsche Selbsteinschätzung ging am Ende so weit, dass ich zutiefst davon überzeugt war, dass ich einer von wenigen im Straßenverkehr war, die das Steuern eines Pkw wirklich bis hin zur Perfektion beherrschten." Heute sei ihm seine damalige "Überheblichkeit und Selbstüberschätzung" peinlich.

"Und dann nahm das Unheil seinen Lauf"

Der wirklich rücksichtslose Fahrer in jener Nacht sei Hamdi H. gewesen, so stellt es Marvin N. dar. Hamdi H. habe ihm durch Motorengeräusche und durch "Losrasen" signalisiert, dass er ein sogenanntes Stechen fahren wolle. "Stechen bedeutet: Wer kommt am schnellsten von der Startlinie weg. Es geht dann maximal bis zur nächsten roten Ampel", lässt Marvin N. erklären.

Zwei derartige Kurzstreckenrennen hätten sich Hamdi H. und Marvin N. zunächst geliefert. Zweimal sei Marvin N. der Sieger gewesen, zweimal habe er an der nächsten roten Ampel gehalten. Hamdi H. habe nach dem zweiten Stechen seinen Audi jedoch nicht gestoppt. "Er ist weiter gerast und hat damit die Regeln für ein Stechen verletzt." Marvin N. lässt seinen Verteidiger vortragen: "Da war ich sauer und rief aus: ,Was rast der Idiot denn so weiter?'" Tatsächlich hat seine damalige Freundin, die in jener Nacht auf dem Beifahrersitz saß, einen derartigen Ausruf Marvin N.s an einem früheren Verhandlungstag bestätigt.

Marvin N. raste Hamdi H. schließlich doch hinterher. Beide ignorierten mehrere rote Ampeln, heißt es in der Erklärung. Auch an der letzten Kreuzung vor dem Zusammenstoß habe Marvin N. die rote Ampel gesehen. Er habe gedacht, er schaffe es nicht mehr, rechtzeitig zu bremsen, "also lieber beschleunigen, es wird schon gut gehen, da kommt keiner mehr quer". Ein Irrtum. "Und dann nahm das Unheil seinen Lauf. Den Jeep habe ich nicht gesehen", trägt Anwalt Boß für Marvin N. vor.

"Ich kann nur sagen, dass mich dieser Gedanke täglich quält"

Michael Warshitsky, ein Arzt im Ruhestand, fuhr bei Grün von rechts auf die Tauentzienstraße. Hamdi H. raste mit seinem Audi in den Jeep des Mannes. Der 69-Jährige starb noch in seinem Auto.

"Das hätte nie, auf keinen Fall passieren dürfen", erklärt der Verteidiger für Marvin N. "Der Tod des Herrn Warshitsky hat auch mein Leben in einen Scherbenhaufen verwandelt." Es treffe ihn, wenn gesagt werde, ihm sei der Tod eines Menschen gleichgültig. "Ich kann nur sagen, dass mich dieser Gedanke täglich quält und voraussichtlich mein ganzes Leben lang verfolgen wird."

Maximilian Warshitsky, der Sohn des Opfers, kann mit der Entschuldigung wenig anfangen. Wäre sie ernst gemeint gewesen, hätte Marvin N. sie persönlich vortragen müssen, sagt er nach der Verhandlung außerhalb des Saals. "Die Worte waren nicht an mich, sie waren an das Gericht gerichtet." Er sagt: "Das war definitiv Taktik. Was soll ich damit?"

Im Video: Illegale Raserei in Berlin - Straßenrennen mit Todesfolge

ABIX

Der Sohn hofft auf einen erneuten Schuldspruch wegen Mordes, wie er gegen Hamdi H. und Marvin N. bereits 2017 ergangen war. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil wieder auf. Ein zweiter Anlauf scheiterte nach einem erfolgreichen Befangenheitsantrag der Verteidigung. Im November 2018 begann der Prozess von vorn, dieses Mal vor der 32. Kammer unter Vorsitz von Matthias Schertz. Und der Richter möchte nun zum Ende kommen.

Die Staatsanwaltschaft und die Nebenklagevertreter sollen am Donnerstag plädieren, die Verteidigung am 19. März ihren Schlussvortrag halten. Das Urteil ist für den 26. März geplant.

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