Prozess gegen mutmaßlichen Drohmail-Schreiber "Ich schließe nicht aus, allein loszuziehen, um zu töten"

André M. soll als "Nationalsozialistische Offensive" Bombendrohungen verschickt haben. Vor Gericht klagt er, man "terrorisiere" ihn im Gefängnis. In Nachrichten an eine Freundin fantasierte er von Anschlägen.
Von Wiebke Ramm, Berlin
Wirre Gedankenwelt: Angeklagter André M. (Archivbild) an einem der Prozesstage

Wirre Gedankenwelt: Angeklagter André M. (Archivbild) an einem der Prozesstage

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Jörg Carstensen/ dpa

André M. flüstert nur noch. Sein Verteidiger sitzt im Saal 500 des Landgerichts Berlin keinen Meter von ihm entfernt und muss am Dienstag trotzdem mehrfach nachfragen, um die Worte seines Mandanten zu verstehen. Vor zwei Tagen habe André M. zuletzt getrunken und gegessen. Er könne sich kaum konzentrieren, sei sehr schwach auf den Beinen und leide unter Schwindel. Verteidiger Thomas Penneke beantragt, die Verhandlungsfähigkeit des Angeklagten von einem Arzt überprüfen zu lassen. Die Phobie seines Mandanten sei wieder durchgebrochen, "seine Angst vor dem Schlucken, vor dem Ersticken", sagt Penneke.

Der Vorsitzende Richter Thorsten Braunschweig sucht das direkte Gespräch. "Herr M., wie geht es Ihnen denn jetzt? Haben Sie Kopfschmerzen? Ist Ihnen schwindelig?" Keine Reaktion. "Können Sie mich verstehen?" Der Mund von André M. bewegt sich. Sein Verteidiger beugt sich zu ihm. Es dauert, bis er die Antwort versteht. "Halbwegs", lautet sie. Das Gericht unterbricht die Verhandlung für zehn Minuten zur Beratung. Aus zehn Minuten werden 30.

André M., 32, muss sich seit April vor Gericht verantworten. Unter dem Pseudonym "Nationalsozialistische Offensive" soll der Mann aus Halstenbek in Schleswig-Holstein Dutzende Drohmails versandt haben. Darin droht der Absender mit Sprengstoffanschlägen und Mord. In drei Fällen soll er sich laut Anklage mit einem anderen Drohmail-Schreiber abgesprochen haben, der sich mal "NSU 2.0", mal "Staatsstreichorchester", mal "Wehrmacht" nennt. Ob es eine solche Zusammenarbeit zwischen "Nationalsozialistische Offensive" und "NSU 2.0" wirklich gab, bleibt möglicherweise ungeklärt. Das Gericht hat die Verfahren zu diesen drei Fällen nach Paragraf 154, Absatz 2 Strafprozessordnung vorläufig eingestellt, da die zu erwartenden Einzelstrafen bei der Gesamtstrafe, die André M. blüht, "nicht beträchtlich ins Gewicht fällt".

Tötungsfantasien und Suizidgedanken

Nach der Unterbrechung fragt der Richter: "Gibt es denn einen konkreten Auslöser, dass es Ihnen schlecht geht?" Andre M. haucht eine Antwort, sein Verteidiger gibt sie wieder: Ja, der Auslöser sei, dass sein Mandant in der Justizvollzugsanstalt (JVA) beantragt habe, "Musik" zu bekommen. Dies sei ihm nicht genehmigt worden. Außerdem seien ihm zwei Jacken weggenommen worden und es soll einen Disput mit einem JVA-Beamten wegen einer verstopften Toilette gegeben haben. "Er fühlt sich terrorisiert in der Anstalt", sagt der Verteidiger.

Ob es tatsächlich bloß die Unannehmlichkeiten in der Untersuchungshaft sind, die André M. zu schaffen machen, weiß nur er. Möglicherweise hat auch der vorherige Verhandlungstag Spuren hinterlassen.

Vergangene Woche war André M.s Internetbekanntschaft als Zeugin geladen. Unzählige Sprachnachrichten mit verstörendem Inhalt haben sich die junge Frau und der Angeklagte von Oktober 2018 bis kurz vor seiner Verhaftung im April 2019 geschickt. Zahllose Nachrichten wurden im Prozess angehört. André M. erzählte der Frau von seinen Tötungsfantasien und Suizidgedanken. Im Dezember 2018 gestanden sie sich ihre Liebe. Im März 2019 erhielt die Frau eine Drohmail, unterzeichnet mit "Nationalsozialistische Offensive". Sie vermutet André M. als Absender.

Die junge Frau ist psychisch labil. Für ihre Aussage durfte sie vergangene Woche in einem anderen Saal des Gerichts sitzen, ihre Vernehmung erfolgte über Videotechnik. Es dürfte das erste Mal gewesen sein, dass André M. die Frau sieht, während sie spricht. Sie ist 27 Jahre alt. Wie der Angeklagte ist auch sie ganz in Schwarz gekleidet.

"Haben Sie Herrn M. mal persönlich getroffen?", fragt der Richter an jenem Tag in die Kamera. "Nee", sagt die Zeugin. "Was wissen Sie denn über Herrn M.?", fragt er weiter. Sie schweigt, lacht hilflos, dann sagt sie: "Ich weiß, dass er schon öfter straffällig geworden war, dass er psychisch labil ist und bei seinen Eltern wohnt." Der Richter fragt nach seinen Interessen. "Horrorfilme und so was", antwortet sie. Und seine politische Einstellung? Darüber hätten sie nie gesprochen. "Aber ich denke schon, dass er eher rechts orientiert ist. Schon allein wegen seiner Zimmerdekoration, die ich auf Fotos gesehen habe." Dass er die Wände seines Zimmers über und über mit NS-Devotionalien behängt hat, spricht sie nicht aus.

Eine Obsession des Absenders für Helene Fischer

Der Richter fragt nach seinem Musikgeschmack. "Deutschen Hip-Hop findet er ganz gut." Und was ist mit Schlagermusik? Sie lacht: "Nee." Der Richter hakt nach. War Helene Fischer mal Thema? Die Drohmails der "Nationalsozialistischen Offensive" zeugen von einer Obsession des Absenders für die Sängerin. Die Zeugin lacht. "Nein", sagt sie, Helene Fischer habe André M. nie erwähnt. Der Richter fragt weiter. "Haben Sie mal über Sprengstoff gesprochen?" "Er hat gesagt, dass er weiß, wie man so etwas herstellt und dass er auch mal einen Anschlag geplant hatte." Mehr sagt sie nicht.

2007 soll André M. mit einem Kumpel einen Anschlag auf ein Apfelfest in seiner Heimat geplant haben. Ein Gericht sprach die beiden damals vom Vorwurf der Verabredung zum Mord frei. Den Richtern fehlte der Beweis, dass ein Anschlagsplan wirklich ernst gemeint war. Eine WhatsApp-Nachricht, die André M. der Zeugin am 8. November 2018 schrieb, klingt eher nicht nach einem Scherz: "Ich bedaure, dass es damals mit dem Apfelfest nicht geklappt hat." Und am 23. November 2018 schreibt er: "Ich schließe auch nicht aus, allein loszuziehen, um zu töten."

Während die Frau vergangene Woche spricht, hört André M. aufmerksam zu. Konzentriert blickt er auf den Fernseher vor sich, auf dem sie zu sehen ist. Er schreibt mit, tauscht sich lebhaft mit seinem Anwalt aus. Eine Woche später ein ganz anderes Bild.

Als die Richter an diesem Dienstag den Saal betreten, scheint André M. kaum in der Lage zu sein, sich von der Anklagebank zu erheben. Nur mit Mühe kann er sich auf den Beinen halten. Er wirkt abwesend, sein Blick geht ins Leere.

Das Gericht kommt dem Antrag der Verteidigung nach. Ein Arzt soll André M. nun auf seine Verhandlungsfähigkeit untersuchen. "Wir werden dann sehen, wie es weitergeht", sagt der Richter. Er appelliert nicht zum ersten Mal an den Angeklagten: "Sie müssen wirklich trinken und natürlich auch etwas essen, Herr M., sonst werden Sie immer schwächer."