Prozess um Münzenraub in Berlin Gold in der Schubkarre

Der Prozess um den Berliner Goldmünzenraub hat mit großem Andrang begonnen. Die Verteidiger werfen den Behörden einseitige Ermittlungen vor - und die Angeklagten zeigen kaum eine Regung.

Angeklagter Ahmed Remmo (re.), Anwalt
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Angeklagter Ahmed Remmo (re.), Anwalt

Von Wiebke Ramm


Es darf wohl als Botschaft verstanden werden. Der Weg zur Anklagebank im Saal 700 des Kriminalgerichts Berlin führt Wayci Remmo am Morgen durch ein Spalier aus Kameraleuten und Fotografen. Doch der 24-Jährige möchte nicht gefilmt werden. Sein Gesicht verbirgt er hinter einer Zeitschrift: "Wissen & Staunen" ist der Titel, gleich darunter steht in großen Lettern: "Vorsicht, gehen Sie keinem Besserwisser auf den Leim!"

Ein Zufall ist das sicher nicht. Vermutlich eher eine Empfehlung seiner Verteidiger an die Öffentlichkeit, bloß nicht alles zu glauben, was über die Familie Remmo im Allgemeinen und die Angeklagten im Besonderen zu hören ist. Die berühmt-berüchtigte arabischstämmige Großfamilie wird mit allerlei Verbrechen in Verbindung gebracht. Entsprechend groß ist das Medieninteresse an diesem Tag. Die Verteidigung wird wenig später von einer "beispiellosen Vorverurteilung" sprechen.

Wayci Remmo, sein Bruder Ahmed und sein Cousin Wissam müssen sich zusammen mit dem Mitangeklagten Denis W. seit Donnerstag wegen Diebstahls in einem besonders schweren Fall vor dem Landgericht Berlin verantworten. Und wenn stimmt, was die Staatsanwaltschaft ihnen vorwirft, dann ist den vier jungen Männern ein großes Ganovenstück gelungen.

Goldmünze "Big Maple Leaf" (2010 im Bode-Museum)
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Goldmünze "Big Maple Leaf" (2010 im Bode-Museum)

3,75 Millionen Euro soll die Goldmünze wert gewesen sein, die in der Nacht zum 27. März 2017 aus dem Berliner Bode-Museum verschwand. Die "Big Maple Leaf" mit dem Abbild von Queen Elizabeth II. hat einen Durchmesser von 53 Zentimetern, ist drei Zentimeter dick, rund 100 Kilo schwer und aus reinem Gold. Sie gilt als zweitgrößte Goldmünze der Welt, nur fünf Exemplare gab es von ihr. Nun gibt es vermutlich nur noch vier. Denn die Ermittler gehen davon aus, dass die Berliner Münze längst Stück für Stück zu Geld gemacht worden ist.

Ahmed Remmo und Denis W. sind 20 Jahre alt und Schüler. Wissam Remmo ist 22 und arbeitet für einen Kurierdienst. Zum Tatzeitpunkt waren alle drei noch Heranwachsende, darum wird vor einer Jugendstrafkammer unter Vorsitz von Richterin Dorothee Prüfer verhandelt. Den dreien drohen nach Jugendstrafrecht maximal fünf Jahre Gefängnis. Der älteste Angeklagte, Wayci Remmo, ist 24 und Student. Das Erwachsenenstrafrecht sieht für schwerem Diebstahl bis zu zehn Jahre Gefängnis vor.

Zu den Vorwürfen äußern sich die Angeklagten nicht, sie nutzen ihr Recht zu schweigen. Die Verteidiger von Denis W. und Wayci Remmo geben stattdessen Erklärungen ab, in denen sie den Behörden einseitige Ermittlungen vorwerfen und die Indizien der Staatsanwaltschaft als überaus dürftig darstellen. Die Beweisaufnahme wird zeigen, was von den Anklagevorwürfen übrig bleiben wird, die Oberstaatsanwältin Martina Lamb zu Prozessbeginn vorträgt.

Einstieg über ein Fenster zum Umkleideraum?

Denis W. arbeitete als Wachmann im Museum. Ahmed Remmo soll er aus der Schule kennen und ihm und seinen Verwandten laut Anklage den Weg zur Münze gewiesen haben. Über ein Fenster zum Umkleideraum der Mitarbeiter sollen Wissam, Ahmed und Wayci Remmo in jener Montagnacht gegen 3.20 Uhr in das Museum geklettert sein.

Es gibt Videos einer Überwachungskamera, die drei schwarz gekleidete Männer kurz zuvor am S-Bahnhof Hackescher Markt zeigen. Zugverkehr gab es um diese Zeit nicht. Die drei sollen ins Gleisbett gesprungen und über die Gleise bis zur Museumsinsel gelaufen sein. Über eine Leiter sollen sie zum Fenster im zweiten Obergeschoss des Museums gelangt sein. Einige Räume entfernt befand sich die Vitrine mit der Münze.

Das Sicherheitsglas der Vitrine sollen die Angeklagten mit einer Axt zerstört und die Goldmünze auf ein Rollbrett gewuchtet haben. Ihren Schatz haben sie laut Staatsanwaltschaft dann aus dem Fenster der Umkleide gehievt, mit einer Schubkarre über den Bahndamm geschoben und ihn schließlich mit einem Fluchtauto fortgeschafft. Zurück blieb hier und da ein wenig Goldstaub.

Offenbar lieferten V-Leute den Hinweis auf Denis W. und dessen Bekanntschaft zu Ahmed Remmo. Die Ermittler hörten seine Telefonate mit und bekamen den Eindruck, dass Denis W. nach der Tat plötzlich zu Geld gekommen war. Er schien eine Goldkette für 11.000 Euro gekauft zu haben, sich für einen Mercedes und ein Ladengeschäft zu interessieren. Sein Verteidiger Marcel Kelz widersprach dieser Interpretation in einer Erklärung vor Gericht.

Die Goldkette sei ein Geschenk der Oma an Denis W. gewesen, es sei auch nicht um 11.000 Euro, sondern um 11.000 türkische Lira gegangen, umgerechnet rund 1750 Euro. Sein Mandant habe nie ein eigenes Auto besessen und bei der Sache mit dem Laden, einem Backshop, sei es um eine Investition der Familie in Höhe von lediglich 6000 Euro gegangen. Die angeblich gesicherten Erkenntnisse der Ermittler seien nichts als bloße Vermutungen. Gegen andere Mitarbeiter des Museums sei gar nicht weiter ermittelt worden.

Verteidiger zweifelt an Gutachten

Toralf Nöding, der Verteidiger von Wayci Remmo, hatte zuvor bereits ein Gutachten angezweifelt, wonach die Bilder der Überwachungskamera seinen Mandanten und dessen Verwandte zeigten. Auch Goldspuren an der Kleidung seines Mandanten bewiesen nichts, ebenso wenig wie Goldpreisrecherchen im Internet.

Mit ernster Miene hören die vier Angeklagten der Oberstaatsanwältin beim Verlesen der Anklage zu. Konzentriert folgen sie den Erklärungen der Verteidiger und auch der Aussage des ersten und einzigen Zeugen an diesem Tag, einem Polizisten.

Die allermeisten im Saal lachen, als der Polizist erzählt, dass er zunächst davon ausgegangen sei, dass dem Museum eine Goldmünze in Münz- nicht in Autoreifengröße abhandengekommen ist. "Wir dachten, es fehlt eine Münze", sagt er.

Wie sehr er irrte, sei ihm erst klar geworden, als er vor der zerstörten Vitrine stand und auf einem Schild von einem 100-Kilo-Goldgiganten las. Großes Gelächter im Saal. Nur die Angeklagten, die lachen nicht. Sie zeigen überhaupt kaum eine Regung an diesem Tag, haben sich gut unter Kontrolle. Sie verhalten sich durch und durch unauffällig. Nicht einmal Familienmitglieder haben sie zur Unterstützung mitgebracht.

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