Prozess zu Goldmünzendiebstahl in Berlin "Und was sagt uns das jetzt?", fragt die Richterin

Das Gutachten eines Digitalforensikers sollte die Anklage im Prozess zum Berliner Goldmünzendiebstahl untermauern. Nach dem Vortrag ist fraglich, ob sich die Staatsanwaltschaft damit einen Gefallen getan hat.

Bild einer Überwachungskamera am Hackeschen Markt: Wer sind die drei Männer in Schwarz?
DPA/ Polizei Berlin

Bild einer Überwachungskamera am Hackeschen Markt: Wer sind die drei Männer in Schwarz?

Von Wiebke Ramm


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die Verteidiger lachen, die Vorsitzende Richterin Dorothee Prüfer schaut mit jeder Stunde skeptischer und der Sachverständige weiß irgendwann nicht mehr, was er noch sagen soll. Es läuft nicht gut für Professor Dirk Labudde im Saal 817 des Landgerichts Berlin. An zwei Verhandlungstagen hat der Digitalforensiker von der Hochschule Mittweida sein Gutachten präsentiert. Nach dem Verhandlungstag am Montag bleibt von seinen Ergebnissen nicht viel übrig.

Laut Anklage soll Labuddes Gutachten ein weiteres Indiz dafür liefern, dass es die Angeklagten Wayci, Ahmed und Wissam Remmo waren, denen am 27. März 2017 der spektakuläre Diebstahl einer Goldmünze aus dem Berliner Bode-Museum gelungen ist. Doch die Verteidigung schafft es, erhebliche Zweifel an dem Gutachten zu säen.

In dem Verfahren sind Aufzeichnungen von Kameras am S-Bahnhof Hackescher Markt von Bedeutung. Es geht um drei Tage:

  • Laut Anklage sollen Wissam und Ahmed Remmo am 17. März 2017, zehn Tage vor dem Diebstahl, gegen 2 Uhr nachts vom S-Bahnhof Hackescher Markt über die Gleise zum nahegelegenen Bode-Museum gelaufen sein, um den Tatort auszukundschaften.
  • Am 21. März sollen sie gegen 3 Uhr zusammen mit Wayci Remmo auf demselben Weg erneut zum Museum gegangen sein. Sie sollen in jener Nacht vergeblich versucht haben, die Sicherheitsscheibe vor dem Fenster zum Umkleideraum zu entfernen.
  • Am 27. März sollen Wissam, Ahmed und Wayci Remmo schließlich zwischen 3.20 und 3.50 Uhr durch das Fenster zum Umkleideraum ins Museum eingestiegen sein und die Goldmünze im Wert von 3,75 Millionen Euro gestohlen haben.
Eine von weltweit fünf "Big Maple Leaf"-Münzen (Foto von 2010)
REUTERS

Eine von weltweit fünf "Big Maple Leaf"-Münzen (Foto von 2010)

Auf den Videos sind dunkel gekleidete Personen zu sehen, die ihre Gesichter mit Schals, Mützen und ihren Händen vor den Kameras verbergen und schließlich über die Gleise in Richtung Museum verschwinden.

Mit einer computergestützten Technik hat Gutachter Labudde untersucht, ob auf den Videos die Angeklagten zu sehen sind. Dazu hat er 3D-Modelle der drei Remmos erstellt. Eine Technik, die in der Film- und Computerspielbranche eingesetzt wird. Gollum aus "Herr der Ringe" sei so entstanden, sagt Labudde. Er hat von Wissam, Ahmed und Wayci Remmo eine Art digitales Skelett erstellt, kopflose Strichmännchen, die sich am Computer bewegen lassen. Diese Modelle hat er in die Videoaufnahmen der Personen am Hackeschen Markt projiziert. Passen die Körperproportionen zueinander, spricht der Gutachter von einem "Match".

Ein solches "Match" sei ein Hinweis dafür, dass es sich bei den Angeklagten und den Menschen am S-Bahnhof um ein- und dieselben Personen handeln könnte, sagt er. "Und was sagt uns das jetzt?", fragt die Richterin am ersten Tag seiner Gutachtenerstattung. Bei wie vielen anderen Menschen in Europa käme man auch zu einer solchen Übereinstimmung? Labudde kann darauf keine Antwort geben: "So weit ist die Forschung noch nicht."

Der linke Fuß knickt auffällig nach innen ab

Labudde kommt in seinem schriftlichen Gutachten dennoch zu dem Fazit, dass Wissam, Ahmed und Wayci Remmo eine ähnliche Körperstatur, eine ähnliche Größe und eine ähnliche Gangart wie die Personen auf den Überwachungsvideos haben.

Zum Beispiel Wissam Remmo: Auf den Überwachungsvideos ist eine Person zu sehen, die beim Treppensteigen den linken Fuß sehr auffällig nach innen abknickt. Dies deute auf O-Beine hin. Eine solche Gangart wiederum führe zu einem spezifischen Abriebmuster der Schuhsohle.

In der Wohnung von Wissam Remmo fanden die Ermittler weiße Turnschuhe, die zu denen passen, die auch auf dem Überwachungsvideo zu sehen sind. Labudde hat von den Ermittlern Fotos des rechten Turnschuhs bekommen und untersucht. Sein Ergebnis: Die Abnutzung der Sohle passe tatsächlich zu dem Gangbild auf dem Video.

Vor Gericht werden ihm am Montag nun nicht bloß Fotos, sondern die sichergestellten Turnschuhe präsentiert. Und Labudde muss einräumen, dass er sich geirrt hat. Die Schuhe haben gar keine abgenutzte Sohle, die Sohlen sind lediglich schmutzig.

Wie passt nun der echte Schuh zu seinen Schlussfolgerungen im Gutachten? "Dazu passt der Schuh eigentlich nicht", räumt er ein. Es sei Neuland, das Labudde und seine Mitarbeiter mit ihrer Arbeit beträten, hatte der Professor schon am ersten Tag seiner Gutachtenerstattung gesagt: "Wo andere aufhören, fangen wir an."

"Die Methode ist komplett für den Mülleimer"

Nach seinem Auftritt vor Gericht stellt sich die Frage, ob der Schritt, seine Technik in einem Strafprozess anzuwenden, womöglich verfrüht war. Am Montag sagt er schließlich, dass seine Methode gar keine zuverlässigen Ergebnisse liefert, um herauszufinden, ob ein Verdächtiger mit einer gefilmten Person identisch ist.

"Sie können mit Ihrer Methode also keinen unbekannten Täter ermitteln?", fragt Anwalt Kai Kempgens, Verteidiger von Wayci Remmo. "Ich kann zuordnen, aber ich kann nicht identifizieren", sagt Labudde. Das bedeutet, wenn von vornherein klar wäre, dass wirklich Wissam, Ahmed oder Wayci Remmo auf den Überwachungsvideos zu sehen sind, dann kann er Hinweise liefern, welcher Angeklagter welche Person im Video ist. Geht es aber um die Frage, ob überhaupt einer von ihnen auf dem Video zu sehen ist, dann kann er das nicht beantworten.

"Die Methode ist komplett für den Mülleimer", resümiert Toralf Nöding, Verteidiger von Wayci Remmo, irgendwann: "Sie ist nur scheinbar objektiv." Für einen Sachverständigen gibt es wohl kaum einen schwereren Vorwurf. Das Gericht will sich an diesem Tag noch nicht festlegen, inwieweit es an dem Gutachten festhalten wird. Auch die Staatsanwaltschaft will zunächst intern beraten. Die Verteidigung kündigt an, gegebenenfalls einen Befangenheitsantrag gegen den Gutachter zu stellen.

Richterin Prüfer beendet den Verhandlungstag. Die Angeklagten verlassen den Saal. Wissam Remmo steigt die Treppenstufen des Gerichtsgebäudes hinab. Sein linker Fuß knickt bei jeder Stufe merklich nach innen.


Zusammengefasst: Im Prozess zum Diebstahl einer Goldmünze aus dem Bode-Museum in Berlin hat der Digitalforensiker Dirk Labudde sein Gutachten vorgestellt. In seiner Analyse von Überwachungsaufnahmen aus dem S-Bahnhof Hackescher Markt konnte er jedoch die Angeklagten nicht eindeutig identifizieren. Nach dem Vortrag hat das Gericht offenkundig Zweifel an der Aussagekraft des Gutachtens - während die Verteidigung sogar von einer "Methode komplett für den Mülleimer" spricht.

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