Prozess zu Goldmünzendiebstahl in Berlin Verdächtig rein

Vier Männer stehen in Berlin wegen des Diebstahls einer 100-Kilogramm-Goldmünze vor Gericht. Stammen Spuren an ihrer Kleidung von dem Ausstellungsstück? Ein Gutachter hat eine eindeutige Antwort.

Einer der Angeklagten mit Anwälten (Archivfoto)
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Einer der Angeklagten mit Anwälten (Archivfoto)

Von Wiebke Ramm


Es geht um Gold an diesem Montag im Saal 817 des Landgerichts Berlin. Nicht um irgendein Gold, sondern um das reinste Gold der Welt. Ermittler fanden winzige Spuren dieses Goldes an zwei Jacken, einem Handschuh, an Schuhen und auf dem Rücksitz eines Autos. Das Fahrzeug und die Kleidung ordnet die Staatsanwaltschaft drei jungen Mitgliedern der bekannten arabischstämmigen Großfamilie Remmo zu.

Die Brüder Wayci und Ahmed Remmo, 24 und 20 Jahre alt, und ihr Cousin Wissam Remmo, 22, sind vor der Jugendkammer angeklagt, weil sie in der Nacht auf den 27. März 2017 die Goldmünze "Big Maple Leaf" aus dem Berliner Bode-Museum gestohlen haben sollen.

Es geht buchstäblich um Diebstahl in einem besonders schweren Fall: Die Münze hat einen Durchmesser von 53 Zentimetern und ist 100 Kilogramm schwer. Ihr Materialwert lag damals bei 3,75 Millionen Euro. Mit auf der Anklagebank sitzt Denis W. Der 20-Jährige arbeitete als Aufseher im Museum. Er soll den dreien geholfen haben. Es ist ein Indizienprozess. Die Angeklagten schweigen.

Goldanteil von 99,999 Prozent

Das Landeskriminalamt Berlin beauftragte Professor Ernst Pernicka vom Mannheimer Curt-Engelhorn-Zentrum für Archäometrie damit, die Funde aus dem Auto und der Kleidung zu analysieren. Der Chemiker bestimmte den Reinheitsgehalt der Goldpartikel, nun hat er sein Gutachten erstattet.

Und vor Gericht stellt er nun fest, "dass es sich um höchstreines Gold handelt", ebenso rein wie das Gold der Riesenmünze. "So ein reines Gold ist sehr ungewöhnlich", sagt Pernicka. Er kommt zu dem Ergebnis: "Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sind die Goldpartikel identisch mit dem Gold der Goldmünze."

Die Riesenmünze hat einen Goldanteil von 99,999 Prozent. Sie wurde 2007 von der kanadischen Münzprägeanstalt Royal Canadian Mint hergestellt und galt als Weltsensation. Derart reines Gold sei zuvor nicht herstellbar gewesen, hatte der Direktor des Münzkabinetts des Bode-Museums, Bernhard Weisser, als Zeuge ausgesagt.

Die Kanadier produzierten aus diesem Gold fünf Exemplare der "Big Maple Leaf". Seit Ende 2010 war eine dieser Münzen als Leihgabe eines Privateigentümers aus Wien im Berliner Bode-Museum zu sehen. Der Goldgigant sei bei den Museumsbesuchern sehr beliebt gewesen, sagte Direktor Weisser.

Eine von weltweit fünf "Big Maple Leaf"-Münzen (Foto von 2010)
REUTERS

Eine von weltweit fünf "Big Maple Leaf"-Münzen (Foto von 2010)

Gutachter Pernicka vermutet, dass es die Münze aus dem Bode-Museum nicht mehr gibt. Denn an den Goldpartikeln habe er eindeutige Hinweise dafür gefunden, dass die Münze nach ihrem Diebstahl zerteilt worden sei.

"Wo ist die Münze geblieben?", habe er sich gefragt, sagt Professor Pernicka. Die Goldmünze sei in einem Stück eher unverkäuflich. Zu groß, zu schwer, zu unhandlich, zu auffällig. Sie könnte aber eingeschmolzen worden sein. Und dafür habe die Münze zunächst zerteilt werden müssen.

Tatsächlich entdeckte der Sachverständige Schleifspuren an den Goldpartikeln aus der Kleidung und dem Auto. Diese Spuren weisen seiner Überzeugung nach darauf hin, dass das Gold mit einem Trennschleifer oder einer Trennsäge bearbeitet wurde. "Die Partikel könnten aus so einem Zerteilungsprozess stammen", sagt Pernicka.

Bis heute ist nicht bekannt, wo die Münze oder Teile von ihr geblieben sind. Für die Schmuckherstellung sei derartiges Gold nicht geeignet, sagt der Gutachter, weil das Material zu weich sei. "Für einen Juwelier macht es keinen Sinn, solches Gold zu kaufen."

Die Verteidigung versucht, das Gutachten des Professors vor Gericht zu zerpflücken, sie hinterfragt vor allem die Methodik des Sachverständigen. Der Gutachter lässt sich hin und wieder aus der Ruhe bringen, räumt Ungenauigkeiten in seinen Formulierungen ein, scheint zeitweise an dem fehlenden chemischen Sachverstand der Juristen zu verzweifeln.

Doch an seinem Ergebnis hält er fest: Das Gold aus der Kleidung und dem Auto stammt wie das Gold der gestohlenen Münze von der Royal Canadian Mint. An einen Zufall glaubt er nicht.

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