Georgine-Mordprozess in Berlin Mit den verdeckten Ermittlern ins Bordell

Ali K. soll die 14-jährige Georgine Krüger vergewaltigt und getötet haben. Verdeckte Ermittler brachten die Polizei Jahre nach der Tat auf seine Spur. Die Aussage der Ehefrau zeigt nun, wie die Beamten vorgingen.

Ali K. im Juli vor Gericht: Angeklagt wegen Mordes
Paul Zinken/ DPA

Ali K. im Juli vor Gericht: Angeklagt wegen Mordes

Von Uta Eisenhardt


Sie stellten sich als "Hakan", "Kara" und "Susann" vor. Doch das waren nicht ihre echten Namen, sie arbeiteten im Auftrag des Bundeskriminalamts als verdeckte Ermittler. Anfang 2018 traten die drei in das Leben der Familie von Ali K., machten Geschenke und führten den Verdächtigen aus - auch ins Bordell. Ali K. war damals noch ein freier Mann, heute sitzt der 44-Jährige in Untersuchungshaft und muss sich wegen Mordes vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, im September 2006 die 14-jährige Georgine Krüger vergewaltigt und getötet zu haben.

Jahrelang tappte die Polizei im Dunkeln, nach dem Einsatz der verdeckten Ermittler ging es dann relativ schnell. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, mit Ali K. den Täter gefasst zu haben, er soll dem verdeckten Ermittler "Kara" von dem Mord an Georgine erzählt haben.

Beim Prozessauftakt Anfang August schwieg der Angeklagte zu dem Vorwurf. Für diesen Freitag wird eine Aussage durch seinen Anwalt erwartet. Schon am Mittwoch sagten die Frau und der Sohn des Angeklagten aus - und gaben einen Einblick in das Vorgehen der verdeckten Ermittler.

Zunächst schloss Ali K. Freundschaft mit "Hakan". Der stammte angeblich aus dem Westen Deutschlands, wo er Reinigungsmittel vertrieb, wie Ehefrau Melek K. vor dem Berliner Landgericht erzählte. Als Angehörige muss die 46-Jährige nicht aussagen. Die Mutter dreier Kinder tat es dennoch - bis die Verteidigung ihr in einer Pause riet, besser zu schweigen.

Sie spielten "Mensch ärgere dich nicht" und gingen ins Bordell

"Hakan" sei damals neu in Berlin gewesen. Als er ihren Mann um Hilfe beim Überführen eines alten Mercedes' nach Frankfurt am Main bat, habe Ali K. den gemieteten Autotransporter gefahren. Sein Auftraggeber habe ihn für eine Nacht in einem Luxushotel untergebracht. Dort habe "Hakan" ihm auch "Kara" vorgestellt, seinen Geschäftspartner und Cousin mütterlicherseits. Angeblich sollte "Kara" noch viel Geld als persönlicher Fitnesstrainer verdienen. "Das sind nette Leute", habe ihr Mann später erzählt, so Melek K.

In Berlin lud Ali K. "Hakan" zu sich nach Hause zum Essen ein. "Er war etwas schüchtern, fast verlegen, als ob er uns stören würde", erinnerte sich die Zeugin. "Hakan" erzählte demnach von seinen Reinigungsmitteln, die er nun in Berlin verkaufen wolle. Er habe dann gefragt, ob sie sich um seine deutsche Freundin "Susann" kümmern könne. Melek K. war einverstanden, sie wollte ihr etwas kochen.

Regelmäßig traf sich das Ehepaar K. fortan mit "Susi" und "Hakan": Die Zugezogenen luden zum Kaffeetrinken und zum Essen ein, außerdem initiierten sie Ausflüge. Familie K. revanchierte sich mit Tee, der auf ihrem Balkon getrunken wurde. Zusammen mit "Kara" spielten sie "Mensch ärgere dich nicht". Die Männer gingen oft in Billard-Salons. Als "Susi" krank war, brachte Melek K. ihr eine Suppe.

Die verdeckten Ermittler umwarben auch die Kinder der Familie K.: Mit dem ältesten Sohn fuhren sie in "Karas" Mercedes AMG umher. "Susann" kaufte mit der mittleren Tochter Kleidung und brachte dabei auch für Melek K. ein paar Oberteile mit. Die jüngste Tochter bekam regelmäßig Spielzeug geschenkt.

"Hakan" stellte dem arbeitslosen und verschuldeten Ali K. einen Traumjob in Aussicht. Der vermeintliche Reinigungsmittelvertreter wollte in Berlin eine Autowaschanlage eröffnen. Ali K. sollte dort Manager werden, 3000 Euro netto verdienen und einen Dienstwagen bekommen.

"Ali kam völlig panisch nach Hause"

Dann spricht der Vorsitzende Richter Peter Faust die "unangenehmen Dinge" an: "Wussten Sie, dass Ihr Mann Ihnen untreu war?" Melek K. will nichts von den Bordellbesuchen gewusst haben, die ihr Mann mit "Hakan" und "Kara" unternommen haben soll.

Mit einer Kamera am Balkon, so hatte das Gericht bereits erfahren, soll Ali K. Mädchen beobachtet haben. Das hatten zumindest die mutmaßlich Betroffenen berichtet, die in einer betreuten Wohngruppe in der Nachbarwohnung lebten. Melek K. nannte einen anderen Grund für die Kamera: "Unser Auto wurde sehr oft zerkratzt und die Reifen mit Nägeln zerstochen."

Der Richter bohrt weiter: Ob sie erfahren habe, dass ihr Mann vor acht Jahren versucht hatte, eine Minderjährige zu vergewaltigen? Dafür war Ali K. auch verurteilt worden. Seine Frau antwortet: "Es war so, dass sich diese Mädchen an Ali herangemacht haben. Sie machten die Fenster auf, sie zeigten sich nackt." Die spätere Geschädigte hätte Ali K. im Morgenmantel verfolgt.

Was wisse sie von dem kleinen arabischen Mädchen, das ihr Mann drei Jahre später geküsst haben soll? "Ich kann das so erzählen, wie Ali es berichtet hat. Sie sollen sich an der Haustür berührt haben. Ali kam völlig panisch nach Hause und sagte: Ich glaube, das Mädchen hat mich falsch verstanden."

Gemeinsam mit ihrer Schwägerin sei sie dann zu der Familie des Mädchens gegangen. "In unserer Kultur geht man vorsichtiger mit so einem Thema um", sagte ihr ältester Sohn als Zeuge vor Gericht. "Da entschuldigt man sich, auch wenn nichts passiert ist."

Der 22-Jährige ist ausgebildeter Polizist. Sein Vater sei "perfekt" zu ihm und seinen Schwestern gewesen: "Ich stehe hinter ihm." Für die Arbeit der verdeckten Ermittler hegt er Verständnis: "Das ist deren Job."

Das Trio sei ihm unangenehm protzig vorgekommen, sein Vater sei aber offenbar in Gesellschaft dieser Leute sehr glücklich gewesen. "Mein Vater ist Sportwagen gefahren und war jeden Tag unterwegs mit denen. Er hatte ein Grinsen im Gesicht." Für die neuen Freunde hätten die Eltern ihre Familie vernachlässigt und sich mit ihren alten Freunden zerstritten.

In abgehörten Telefonaten äußerte sich die Mutter anders

Diese Einschätzung hilft der Verteidigung nicht, falls diese argumentieren möchte, dass Ali K. die verdeckten Ermittler für Kriminelle gehalten und Angst vor ihnen gehabt habe - so hatte er selbst es bei der Polizei angegeben.

Der Sohn wirkt während seiner Aussage rührend ehrlich, viel ehrlicher als seine Mutter, die vor Gericht jeden pädophilen Übergriff ihres Gatten verharmlost und umdeutet. Zwei überwachte Telefonate strafen ihre Angaben Lügen: Einmal erzählte sie ihrer Freundin, dass sie ihrem Mann nicht vertraue: "Ich habe Angst wegen meiner Kinder", sagte Melek K. in dem Telefonat. Sie habe ihren Sohn gebeten, darauf zu achten, dass Ali K. niemals mit ihren Töchtern allein sei.

In einem weiteren Telefonat beschimpfte sie ihren Mann, fragte ihn: "Was hast du für eine Dreckigkeit in dir? Du bist nicht normal! Such dir jemand in der Ferne! Aber nicht vor den Augen deiner Kinder!"

Der älteste Sohn sagte, er habe oft überlegt, ob sein Vater tatsächlich ein Mörder ist: "Wir haben ihn im Gefängnis gefragt: 'Warst du es oder nicht?' Wir haben ihm dabei tief in die Augen geblickt."

Ali K. habe geantwortet: "Nein, ich war es nicht."

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