Polizist nach tödlichem Unfall vor Gericht "Ich habe noch nie ein Auto so schnell durch die Stadt fahren sehen"

Mit Tempo 130 soll ein Polizist durch Berlin gerast sein, eine junge Frau starb bei der Kollision mit dem Einsatzwagen. Vor Gericht zeigt der Beamte sich reuig - der Vater des Opfers kauft ihm das nicht ab.
Von Wiebke Ramm
Unfallort im Januar 2018

Unfallort im Januar 2018

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Von einem Foto lächelt Fabien Martini in den Saal 135 des Kriminalgerichts Berlin. Es ist das strahlende Lächeln einer jungen Frau, die glücklich wirkt. Ihre Mutter hat das Foto mitgebracht und vor sich in einem Rahmen auf den Tisch gestellt. Sie hat es so postiert, dass der Angeklagte und das Gericht ihre Tochter gut sehen können. Fabien wurde 21 Jahre alt. Sie starb am 29. Januar 2018. 

Hauptkommissar Peter G., 53, muss sich nun wegen fahrlässiger Tötung vor dem Amtsgericht Berlin-Tiergarten verantworten. Während einer Einsatzfahrt mit Blaulicht und Martinshorn soll er an jenem Tag gegen 13 Uhr mit rund 130 km/h aus einem Tunnel nahe dem Alexanderplatz in Berlin-Mitte gerast sein. Sein Auto kollidierte mit dem Auto von Fabien. Die junge Frau hatte die Fahrspur gewechselt, um auf einem der Parkplätze in der Mitte der Straße einzuparken.  

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Polizisten vor, viel zu schnell gefahren zu sein. Obwohl der weitere Straßenverlauf nach dem Tunnel für ihn schwer einsehbar gewesen sei und er jederzeit mit Querverkehr habe rechnen müssen, habe er die Fahrt "mit unangemessener Geschwindigkeit" fortgesetzt.  

Der schreckliche Unfall gehe dem Angeklagten "sehr, sehr nahe", sagt der Verteidiger

Der schreckliche Unfall gehe dem Angeklagten "sehr, sehr nahe", sagt der Verteidiger

Foto: Paul Zinken / dpa

Peter G. sitzt in gebeugter Haltung auf der Anklagebank. Seine schwarze Maske behält er im Gesicht. Im Namen seines Mandanten richtet Verteidiger Jens Grygier nach Verlesung der Anklage das Wort an Fabiens Eltern. Peter G. gehe der schreckliche Unfall "sehr, sehr nahe", sagt er. Was geschehen sei, tue ihm "sehr, sehr leid". 

"Ich dachte, das Auto hebt gleich ab"

Anna T., 33, arbeitete damals im Standesamt in Berlin-Mitte. In ihrer Mittagspause wollte sie zur Kantine im Roten Rathaus. Gegen 13 Uhr überquerte sie nahe dem Alexanderplatz die vielspurige Grunerstraße. Sie erreichte den Parkstreifen in der Mitte der Straße, schaute sich um, die Straße schien frei. Rechts von ihr sah sie "ein Mädchen", das versuchte, mit einem weißen Renault Clio einzuparken, wie die Zeugin vor Gericht berichtet.

Von irgendwoher habe sie leise eine Polizeisirene wahrgenommen. Sie ging zwei, drei Schritte auf die Fahrbahn, weiter Richtung Rotes Rathaus. Und plötzlich hörte sie wieder die Sirene, diesmal "extrem laut", wie sie sagt. "Ich dachte, das Auto hebt gleich ab. Ich habe noch nie ein Auto so schnell durch die Stadt fahren sehen." Vor Schreck sei sie zurückgewichen. "Ich habe es gerade so geschafft, zurück in die Parklücke zu springen", sagt die Zeugin. "Eine Sekunde später und ich wäre unter dem Wagen gewesen." 

Das Polizeiauto habe den weißen Clio ein paar Meter vor sich hergeschoben. Reifen rollten über die Fahrbahn. "Ich bin zum Auto hin. Ich wollte das Mädchen aus dem Auto rausholen, aber die Tür ging nicht auf." Sie habe es von der Beifahrerseite aus versucht, scheiterte, jemand kam ihr zu Hilfe. Das Mädchen war angeschnallt, Anna T. konnte den Gurt nicht lösen. "Das Mädchen sah unversehrt aus", sagt sie, bei Bewusstsein war es nicht.

Sie habe beschlossen, einen Verbandskasten zu besorgen, sagt Anna T., sie habe versucht, vorbeifahrende Autos zu stoppen, aber niemand habe angehalten. Mit einem Mal seien überall Menschen gewesen. Irgendjemandem sei es gelungen, Fabien aus dem Auto zu holen. Mit einer Polizistin, die inzwischen am Unfallort erschienen war, und weiteren Helfern habe sie sich um die junge Frau gekümmert. 

"Es war ein riesengroßes Trümmerfeld", sagt ein Polizist, der mit als Erster am Unfallort war. Als er die zerstörten Autos sah, habe er sich gefragt: "Wie schnell ist der denn gefahren?" 

Der Vorsitzende Richter Sascha Daue fragt, wie schnell Polizisten mit Blaulicht und Martinshorn denn innerstädtisch fahren dürfen. "70 bis 80 km/h", sagt der Polizeizeuge, "wenn überhaupt." Bei jeder Einsatzfahrt gelte: "Die Gefährdung anderer ist auszuschließen." Er selbst sei später die Unfallstrecke abgefahren. Sein Eindruck: "Fährt man aus dem Tunnel raus, sieht man erst mal gar nichts." Der Ort sei schwer einsehbar. "Für mich ist das eine unübersichtliche Angelegenheit." 

Seine Wut auf den Angeklagten ist riesig

Anwalt Philipp Appelt vertritt Fabiens Mutter, die als Nebenklägerin am Prozess teilnimmt. Er fragt den Polizeizeugen, ob er sich nach einem möglichen Alkoholkonsum von Peter G. erkundigt habe. "Nein", sagt der Zeuge, "es war nirgendwo der Hinweis an uns, dass Alkohol eine Rolle spielen könnte." Aus einer Patientenakte des Angeklagten soll hervorgehen, dass Peter G. an jenem Tag womöglich unter Alkoholeinfluss gestanden habe. Die Staatsanwaltschaft ließ die Akte beschlagnahmen. Ein rechtswidriger Vorgang, wie das Gericht im Vorfeld feststellte. Im Prozess dürfen Erkenntnisse aus der Akte nicht verwendet werden. 

Fabiens Mutter leidet still. Der Schmerz ist ihr anzusehen. Sie weint und sitzt zusammengesunken auf ihrem Stuhl. Ganz anders Fabiens Vater. Es wirkt fast trotzig, wie er sein Kinn in die Höhe reckt und den Angeklagten direkt anblickt. Außerhalb des Saales sagt er, dass er alle Kraft darauf verwende, um nicht auszurasten. Seine Wut auf Peter G. ist riesig. Die Reue nimmt er ihm nicht ab. "Er ist einfach nur ein Draufgänger. Ihm tut nichts leid", sagt der Vater, während ihm die Tränen in die Augen schießen. "Ihm tut nur leid, dass er auf der Anklagebank sitzt."

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