Prozess gegen Berliner Arzt »Zum Abschied wollte er mich umarmen«

Ein Berliner HIV-Mediziner soll Patienten sexuell missbraucht haben. Einer der Betroffenen sagte nun als Zeuge vor Gericht aus – und hat den Fall mit seinen Angaben nicht weniger kompliziert gemacht.
Von Wiebke Ramm
Amtsgericht Tiergarten in Berlin

Amtsgericht Tiergarten in Berlin

Foto: Taylan Gökalp / picture alliance/dpa

Ein Schöffe bringt es auf den Punkt. Warum, fragt er den Zeugen, warum hat er den Arzt nicht einfach entrüstet unterbrochen, als er seine Handlungen als sexuell übergriffig empfand? Warum ist er nicht aufgestanden und hat das Behandlungszimmer verlassen?

So einfach sei das leider nicht, sagt der Zeuge am Donnerstag vor dem Amtsgericht Berlin-Tiergarten. »In der Situation funktioniert das nicht. Es gibt irgendwie nicht den richtigen Moment, um das abzubrechen.« Einem Arzt selbstbewusst gegenüberzutreten und ihn mit einem »Stopp« zugleich des sexuellen Übergriffes zu bezichtigen, »das geht doch nicht«. Der Arzt hätte einfach behaupten können, dass es sich bloß um eine medizinische Untersuchung handelt. Und dann hätte er, der Zeuge, dumm dagestanden.

Der Zeuge, ein Akademiker, Mitte 30, ist Nebenkläger im Prozess. Und er war mehrfach als Patient in der Praxis von Heiko J. in Berlin-Schöneberg. Die Praxis versteht sich als »schwule Kiezpraxis«, so hatte es die Verteidigung gleich zu Beginn des Prozesses gesagt. Als homosexueller Mann habe er sich in einer Praxis mit »Ärzten, die zur Community gehören« und ihre Patienten duzen, gut aufgehoben gefühlt, sagt der Zeuge. Bis zum 7. Mai 2013. Damals soll der Arzt sexuell übergriffig geworden sein.

Heiko J., 63, muss sich wegen Missbrauchs des Arzt-Patienten-Verhältnisses vor Gericht verantworten. Er soll sich in den Jahren 2011 bis 2013 während der Behandlung an fünf Patienten vergangen haben. Der Arzt weist die Vorwürfe als falsch zurück. Alles, was er getan habe, sei medizinisch notwendig und niemals sexuell motiviert gewesen. Heiko J. ist Spezialist für Geschlechtskrankheiten. In den Körper seiner Patienten anal einzudringen, ihnen an Penis und Hoden zu fassen, gehört zu seinem Berufsalltag.

Der Vorsitzende Richter, die Beisitzende Richterin und die beiden Schöffen stehen vor der Herausforderung herauszufinden, ob der Arzt seine Machtstellung, seine Fachrichtung und die Behandlungssituation ausgenutzt hat, indem er womöglich zu lange, zu intensiv und nicht aus medizinischen, sondern aus sexuellen Gründen Hand an seine Patienten angelegt hat.

Wo verläuft die Grenze?

Es ist eine ähnliche Frage, wie sie sich auch der Zeuge gestellt haben will: Wann ist eine genitale und anale Untersuchung keine Untersuchung mehr, sondern eine sexuelle Handlung? Wo verläuft die Grenze? Und wie ließe sich einem Arzt nachweisen, dass er sie überschritten hat?

Der Zeuge sagt, er habe damit gerechnet, dass der Arzt bei ihm einen Abstrich im Mund, eine Urinkontrolle und einen Abstrich im vorderen Bereich des Anus vornimmt. Dass Heiko J. ihn mit einem oder zwei Fingern anal untersuchen und seine Prostata stimulieren würde, darauf sei er nicht vorbereitet gewesen. Ein »unabgesprochenes Eindringen« nennt er das.

Als Heiko J. mit der einen Hand seine Prostata und mit der anderen Hand seinen Penis und die Hoden massiert habe, sei ihm klar geworden, dass es keine medizinische Behandlung ist. Er bekam eine Erektion. »Das funktioniert ja alles gut«, habe der Arzt kommentiert. Dann habe Heiko J. ihn gefragt: »Kannst du machen, dass da was rauskommt?« Er verstand das als Aufforderung zur Masturbation.

»Nee, mach mal selber«

Nach Darstellung des Zeugen war das der Moment, als er selbst in die Offensive gegangen ist, um sich nicht länger als Objekt zu fühlen. Der Arzt könne doch einfach weitermachen, habe er zu ihm gesagt. »Nee, mach mal selber«, soll Heiko J. gesagt haben. Also habe der Patient masturbiert, während der Arzt ihn gestreichelt habe. Der Zeuge sei zum Samenerguss gekommen. »Zum Abschied wollte er mich umarmen«, sagt er, »das wollte ich aber nicht.« Er habe zu Heiko J. gesagt: »Ab jetzt machen wir hier wieder ein ganz normal-formalisiertes Arzt-Patient-Verhältnis.«

Der Zeuge hat nach dem Vorfall ein Gedächtnisprotokoll verfasst. Es ist kein Dokument, wie es sich Juristinnen und Juristen wünschen. Es enthält zwar detaillierte Handlungsschilderungen, doch auch Gedanken, Reflexionen, Deutungen. Vor allem aber: Es gibt zwei Versionen. Es wird nicht so recht klar, welche Version der Zeuge hinterher zu welchem Zeitpunkt noch verändert hat. Weder gegenüber der Ärztekammer, bei der er sich 2013 über Heiko J. beschwert hat, noch im strafrechtlichen Verfahren hat er das Protokoll jemals erwähnt.

Die Verteidigung spricht nicht von Ärger, sie spricht von Erstaunen. »Es ist erstaunlich, dass wir schon zum zweiten Mal mit einem Gedächtnisprotokoll am Tag der Einvernahme eines Zeugen konfrontiert werden«, sagt Verteidiger Stefan König. Schon ein anderer Nebenkläger hatte die Verteidigung im Prozess mit einem Gedächtnisprotokoll überrascht.

In dem Gedächtnisprotokoll, das die Anwältin des Zeugen an diesem Tag dem Gericht überreicht, heißt es, dass Heiko J. mit seiner Hand in ihn eingedrungen ist. Dort ist nicht von einem oder zwei Fingern, sondern von »Fisten« die Rede. Die Verteidigung konfrontiert ihn damit. Der Zeuge sagt, er habe sich da nicht präzise genug ausgedrückt. Mit »Fisten« habe er nicht die Faust oder die ganze Hand, sondern die Hand im Allgemeinen gemeint, zu der eben auch die Finger gehören.

Der Vorsitzende Richter zeigt sich erstaunt. Der Zeuge ist wortgewandt, spricht differenziert und wohlüberlegt. Und dann spricht er von »Fisten«, wenn er keine Faust, sondern nur einen oder zwei Finger meint? Der Zeuge sagt, dass er damals dachte, »Fisten« bezeichne auch das anale Eindringen mit nur einem Teil der Hand. »Ich bin da nicht so vom Fach«, sagt er.

Verteidiger Johannes Eisenberg deutet es anders. Der Zeuge habe »durch Dramatisierung« andere gegen Heiko J. aufstacheln wollen. Kurz nachdem sich der Zeuge an die Ärztekammer gewandt hatte, meldeten sich dort weitere Patienten, um sich über Heiko J. zu beschweren. Die Verteidigung wittert ein Komplott.

Der Zeuge bestätigt, dass er Kontakt zu anderen Patienten hatte. Er habe aber niemanden aufgestachelt. Er habe verhindern wollen, dass Heiko J. immer so weiter macht. Deswegen habe er nach weiteren Betroffenen gesucht.

Schon im Sommer 2012, noch vor seinem eigenen Erlebnis, habe er von einem sexuellen Übergriff erfahren. Damals sei er skeptisch gewesen. Die Schilderung passte nicht zu seiner eigenen, bis dahin »sehr positiven Erfahrung« in der Arztpraxis. Der Mann, der ihm das damals erzählt hatte, lebt heute als Frau. Der Zeuge sagt: »Sie schien mir vielleicht etwas überempfindlich.« Er dachte damals: Möglicherweise hat sie »die touchy Art« von Heiko J. nur falsch verstanden.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.