Mordprozess in Berlin »Wenn meine Brüder das erfahren, bringen die mich um«

Maryam H., aus Afghanistan nach Berlin geflohen, soll von Familienmitgliedern ermordet worden sein. Vor Gericht wird ihre Nähe zu ihren Brüdern deutlich – und ihre Angst vor ihnen.
Von Wiebke Ramm
Angeklagter Yousuf H. im Gerichtssaal: »Sie hat immer gesagt: Das sind meine Brüder, das ist meine Familie«

Angeklagter Yousuf H. im Gerichtssaal: »Sie hat immer gesagt: Das sind meine Brüder, das ist meine Familie«

Foto: Olaf Wagner / imago images/Olaf Wagner

»Maryam war in der Selbstfindungsphase«, sagt die Zeugin. Maryam H. sei dabei gewesen herauszufinden, »wie komme ich hier mit dem Leben klar, ohne mit der Familie Probleme zu bekommen«.

Maryam H. war 2015 aus Afghanistan nach Berlin gekommen. Im Juni 2019 wechselte sie mit ihren beiden Kindern von einer Unterkunft für Geflüchtete in eine andere. Schließlich lebte sie in einem Heim in Berlin-Hohenschönhausen. Am 13. Juli 2021 verschwand die 34-Jährige. Drei Wochen später wurde ihre Leiche in einem Erdloch in Bayern gefunden.

Eine Leiche im Rollkoffer?

Seit März 2022 müssen sich ihre Brüder wegen des Vorwurfs des Mordes vor der 22. Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin verantworten. Laut Anklage sollen Yousuf H., 27, und Mahdi H., 23, nicht damit einverstanden gewesen sein, dass ihre Schwester eine »teilweise modernere Lebensführung« verfolgte.

Es gibt Videos von Überwachungskameras am Fernbahnhof Berlin-Südkreuz, die die beiden Brüder zeigen, wie sie mit einem offenkundig schweren schwarzen Rollkoffer am 13. Juli 2021 um kurz vor 18 Uhr einen ICE nach München besteigen. Nach Überzeugung der Ermittler befand sich in dem Koffer die Leiche ihrer Schwester.

»Sehr schüchtern und sehr zurückhaltend«

Jana A., 44 Jahre alt, war stellvertretende Leiterin der Unterkunft, in die Maryam H. im Sommer 2019 mit Sohn und Tochter zog. An diesem Freitag berichtet die Zeugin vor Gericht, wie sich Maryam H. im Laufe der Zeit verändert habe. Sie habe die junge Mutter zunächst als »sehr schüchtern und sehr zurückhaltend« kennengelernt. Nach und nach sei Maryam H. selbstbewusster geworden.

»Sie hat sich verändert. Man hat ihr Temperament gesehen. Sie hat begonnen, sich gegen Dinge, die sie nicht wollte, zu wehren.« Die Zeugin führt dies auf Maryam H.s Freundschaft mit einer anderen afghanischen Bewohnerin zurück. Diese Freundin sei »das krasse Gegenteil« von Maryam H. gewesen. Die Frau sei »sehr extrovertiert« und führe einen »wirklich sehr westlichen Lebensstil«.

»Zwei- oder dreimal« soll Maryam H. mit der Freundin erst morgens in die Unterkunft zurückgekehrt sein, so hätten es Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der Heimleitung berichtet. Sie habe daraufhin die klare Ansage bekommen, dass sie ihre Kinder nachts nicht allein lassen dürfe. Die Zeugin sagt, Maryam H. habe entgegnet, ihr Sohn sei alt genug, um auf seine Schwester aufzupassen. Nach der Ermahnung sei Maryam H. nicht noch einmal über Nacht fortgeblieben, zumindest habe niemand so etwas bemerkt.

Angst vor ihren Brüdern

Im Oktober 2019 sei es zum Streit zwischen den Frauen gekommen. Maryam H. berichtete der Heimleitung, dass sie Angst vor ihren Brüdern habe. Die Freundin habe gedroht, Yousuf und Mahdi H. zu verraten, dass sie gemeinsam gefeiert hätten, dass Maryam H. Bier getrunken und ihr Kopftuch abgelegt habe. »Das war für sie eine Katastrophe«, sagt die Zeugin. Maryam H. habe gesagt: »Wenn meine Brüder das erfahren, bringen die mich um.«

Maryam H. ließ sich offenbar erpressen. 1500 Euro soll sie der Frau für ihr Schweigen gezahlt haben. Ihre Brüder hätten trotzdem von ihrem Partyabend erfahren, davon sei sie überzeugt gewesen. »In Angstphasen hat sie immer wieder gesagt, dass sie fürchtet, dass sie getötet wird.« In einem Krisengespräch Ende 2019 hätte sie gemeinsam mit Maryam H. nach einer Lösung gesucht.

Maryam H. habe die Frau wegen Erpressung angezeigt. Ins Frauenhaus wollte sie nicht. Das hätte bedeutet, dass sie den Kontakt zu ihren Brüdern hätte abbrechen müssen. »Sie hat immer gesagt: Das sind meine Brüder, das ist meine Familie.« Sie wollte mit ihnen offenbar nicht brechen, auch ein offensives Gespräch mit ihren Brüdern kam demnach für sie nicht infrage.

»Es geht ihr psychisch nicht so gut«

Maryam H. habe gesagt, »dass die Brüder schon etwas gegen sie planen«. Der Vorsitzende Richter Thomas Groß hakt nach, später auch der Anwalt von Maryam H.s Kindern. Was meinte Maryam H. damit? Was planten die Brüder? Doch die Zeugin kann es nicht konkretisieren. Sie wisse nicht, ob sie damals überhaupt nachgefragt habe.

Am 13. Juli 2021, einem Dienstag, verschwand Maryam H. Die Heimleitung erfuhr zwei Tage später davon. Am Donnerstag vor ihrem Verschwinden hat Jana A. das letzte Mal mit ihr gesprochen. »Es geht ihr psychisch nicht so gut«, habe Maryam H. gesagt und dass sie sich Hilfe suchen wolle.

Die Zeugin sagt, dass sie eine Verletzung am Auge von Maryam H. bemerkt habe. Ein Mann habe sie zwei Monate zuvor auf der Straße geschlagen, habe sie gesagt. Am nächsten Tag, dem Freitag, oder am Montag habe die Zeugin Maryam H. noch einmal gesehen. Sie habe wie immer Kopftuch getragen. Dennoch bemerkte die Zeugin, dass sie sich die Haare abgeschnitten und dunkel gefärbt hatte.

Erst nach dem Verschwinden erfuhr die Zeugin von Maryam H.s Sohn, dass ihre Brüder nahezu jedes Wochenende bei ihr in der Unterkunft gewesen sein sollen. Sie sollen ihre Schwester kontrolliert und Druck auf den Neffen ausgeübt haben. Er sei der Mann im Haus und solle auf seine Mutter aufpassen. Die Brüder hätten auch gewollt, dass ihre Tochter ihr Haar mit einem Kopftuch bedecke. Maryam H. habe das nicht zugelassen.

Maryam H.s Kinder kamen zunächst in die Obhut des Jugendamtes, heute leben sie bei ihrem Vater. Maryam H. hatte sich von dem Mann scheiden lassen, mit dem sie als Jugendliche in Afghanistan zwangsverheiratet worden war. Die Ehe soll voller Gewalt gewesen sein. Er soll die Trennung nicht akzeptiert, sie bedroht und ihr nachgestellt haben.

Jana A., die Zeugin, hielt eine Zeit lang Kontakt zu den Kindern, telefonierte mit dem Sohn, heute 14 Jahre alt. Er kümmere sich gut um seine zehn Jahre alte Schwester. Sie sagt: »Maryam hat ihren Kindern viele positive Werte vermittelt: Wertschätzung, Respekt, nicht zu hassen.«