Prozess um Goldmünzendiebstahl Der Reichtum des Angeklagten W.

Im Berliner Bode-Museum wird eine 100 Kilo schwere Goldmünze gestohlen. Und wenig später interessiert sich ein junger Mitarbeiter für Immobilien. Nun präsentierte seine Mutter eine Erklärung.
Von Wiebke Ramm
Angeklagter W. mit Verteidigern (Archiv): Interesse an Immobilien

Angeklagter W. mit Verteidigern (Archiv): Interesse an Immobilien

Foto: Paul Zinken/ dpa

Die Richterin belehrt die Mutter eindringlich: "Sobald Sie das erste Wort sagen, muss alles richtig sein." Eine Dolmetscherin übersetzt die Worte ins Türkische. Die Zeugin nickt. Als Mutter eines Angeklagten dürfe sie vor Gericht die Aussage verweigern, sagt die Richterin. Wenn sie aber spreche, dann müsse das, was sie sagt, der Wahrheit entsprechen, sonst mache sie sich strafbar. "Ich kann Ihnen die Dinge erzählen, von denen ich weiß", sagt die Zeugin.

Die 58-Jährige ist die Mutter von Denis W., 21. Laut Anklage soll er zusammen mit den Mitangeklagten Wissam, Wayci und Ahmed Remmo eine 100 Kilogramm schwere Goldmünze im Wert von rund 3,75 Millionen Euro aus dem Berliner Bode-Museum gestohlen haben.

Die Mutter von Denis W. sagt an diesem Tag auf Antrag der Verteidigung vor dem Landgericht Berlin aus. Sie soll erklären, woher ihr Sohn plötzlich Geld hatte. Denn Denis W. interessierte sich in der Zeit nach dem spektakulären Coup für Immobilien. Mal für ein Einfamilienhaus, mal für einen Laden. Das geht aus Telefonaten hervor, die von den Ermittlern mitgeschnitten wurden. Bis zu 100.000 Euro könne er bezahlen, sagte Denis W. Die Ermittler fanden auf seinen Konten keinen Hinweis auf eine derartige Geldmenge.

Die Zeugin hat dafür nun eine ganz harmlose Erklärung. Von ihrer Mutter hätten sie ein bis zwei Jahre vor dem Diebstahl der Goldmünze 100.000 Euro erhalten, sagt sie. "Und wieso hat Ihre Mutter so viel Geld?", fragt die Richterin. "Meine Mutter ist vermögend, sie kommt aus einer reichen Familie", sagt die Zeugin. Ihre Mutter besitze im Süden der Türkei zwei Wohnungen und zwei Grundstücke. Denis' Großmutter habe der Familie helfen wollen, einen Laden zu kaufen, um sich eine Existenz aufzubauen.

"Eine schöne Bäckerei für 6000 Euro"

Familie W. zog 2013 aus dem Saarland nach Berlin. Im Saarland hätten sie einen Imbiss geführt, Ähnliches hätten sie auch in der Hauptstadt vorgehabt. Die Zeugin sagt, sie hätten sich schon seit 2013 in Berlin nach einem Ladenlokal umgesehen. 2015 - und nicht erst nach dem Diebstahl der Goldmünze im Jahr 2017 - hätten sie dann intensiver gesucht.

"Im Sommer 2017 haben wir eine schöne Bäckerei für 6000 Euro gefunden", sagt die Zeugin vor Gericht, "das war ein Schnäppchen." Eigentlich hätten Denis und seine Schwester den Laden führen sollen. Doch ihre Tochter studiere und Denis habe sich entschlossen, weiter zur Schule zu gehen. So führten die Eltern das Geschäft in Berlin-Friedenau und die Kinder unterstützten sie.

Die Großmutter also. Die Staatsanwaltschaft hat eine gänzlich andere Erklärung für den scheinbaren Reichtum des Angeklagten, für sein Interesse an Immobilien und teuren Autos. Gut drei Wochen vor dem Diebstahl der Goldmünze hatte Denis W. begonnen, im Bode-Museum als Aufseher zu arbeiten. Im Umkleideraum, durch dessen Fenster die Diebe ein- und wieder ausstiegen, hatte er einen Spind. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er es war, der Wissam, Ahmad und Wayci Remmo den Weg zur Goldmünze gewiesen hat. Dass er wusste, dass der Alarm am Fenster des Umkleideraums abgeschaltet war. Dass er wusste, dass die Vitrine mit der Goldmünze nur mit Panzerglas und keinen weiteren Sicherungen versehen war. Und dass er auch wusste, dass die Münze einen Tag nach der Tat, am 28. März 2017, im Tresor des Museums verschwinden sollte.

Goldspuren und Glassplitter

Die Diebe nutzten also womöglich die letzte Chance, die sie hatten. Laut Anklage stiegen sie am 27. März 2017 zwischen 3.20 Uhr und 3.50 Uhr durch das Fenster des Umkleideraums. Sie zerstörten die Vitrine, hievten die Goldmünze auf ein Rollbrett und brachten sie in den Umkleideraum. Dort wuchteten sie sie durchs Fenster, transportierten sie in einer Schubkarre über einen S-Bahndamm und ließen sie mit einem Seil in einen Park herab. In einem Auto fuhren sie mit ihrer Beute davon. Die Diebe ließen eine Leiter, den Stiel einer Axt, ein Rollbrett, eine Schubkarre und ein Seil zurück. An einigen Gegenständen fanden sich Spuren, die zu den Remmos führten.

Ein Polizist erinnerte sich zudem, dass ihm im Zusammenhang mit einer anderen Tat, einem Tankbetrug, im Auto von Denis W. ein Plan des Bode-Museums mit handschriftlichen Notizen aufgefallen war. Und Denis W. soll der einzige Mitarbeiter des Wach- und Aufsichtspersonals im Museum gewesen sein, der mit einem Remmo bekannt ist. Denis W. und Ahmad Remmo kennen sich aus der Schule. An einer Jacke und an einem Handschuh, die die Staatsanwaltschaft Wissam Remmo zuordnet, fanden sich nicht nur Goldspuren, sondern auch Glassplitter, die zum Tatort passen.

Es sind Indizien, aber reichen sie für eine Verurteilung? Die Anwälte sagen, die Wohnung, in der die Kleidung gefunden wurde, sei nicht nur von Wissam, sondern auch von anderen Remmos genutzt worden. Und die Angeklagten schweigen.

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