Tödliche Schüsse im Wettbüro "Nichts davon hätte passieren dürfen"

Im Prozess um die tödlichen Schüsse in einem Berliner Wettbüro steht das Urteil kurz bevor. Der angeklagte Kronzeuge wendet sich zum Schluss an die Familie des Opfers.

Schüsse im Wettbüro (Archiv): Am Dienstag soll das Urteil gegen die angeklagten Rocker fallen
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Schüsse im Wettbüro (Archiv): Am Dienstag soll das Urteil gegen die angeklagten Rocker fallen

Von Wiebke Ramm


Der Hells-Angels-Boss verteilt Luftküsschen an seine Jungs im Zuschauerraum: Kadir Padir winkt seinen Anhängern im Saal 500 des Landgerichts Berlin zu. Sie erwidern seine Zuneigung und schlagen sich mit der Faust aufs Herz. Kadir Padir steht hinter Panzerglas und lächelt. Irgendwer ruft "I love you". Große Gesten statt letzte Worte.

Kadir Padir hat dem Gericht auch an diesem letzten Tag vor dem Urteil nichts zu sagen. "Herr Padir, wollen Sie noch etwas erklären?", fragt der Vorsitzende Richter den mutmaßlichen Drahtzieher hinter dem Mord an Tahir Özbek. "Nein", sagt der 35-Jährige. "Nein", sagt auch Recep O., der Todesschütze. "Nein", sagen sechs weitere Angeklagte. "Ich hätte der Staatsanwaltschaft eigentlich vieles zu sagen", schmückt Yakup S. sein Nein aus: "Aber ich verkneife es mir." Nur einer will reden.

Kassra Z. reiht sich auch dieses Mal nicht ins Schweigen seiner ehemaligen Rockerbrüder ein. Der Kronzeuge im Prozess um den Mord in einem Wettcafé in Berlin-Reinickendorf ist der Einzige, der noch ein paar Worte sagen will. Am nächsten Tag haben die Richter dann das allerletzte Wort, wenn sie am Nachmittag ihr Urteil verkünden werden. Kassra Z. richtet seine Worte an die Familie von Tahir Özbek.

Der 26-jährige Özbek starb am 10. Januar 2014. Er saß im Hinterzimmer des Wettcafés "Expekt", als gegen 23 Uhr 13 teils vermummte Männer in den Laden stürmten, Recep O. vorneweg. Er habe aus Angst geschossen, behauptet O., weil er befürchtet habe, sein Opfer zöge eine Waffe. Er und die anderen Hells Angels hätten Tahir Özbek bloß einschüchtern, nicht töten wollen. Auf der Anklagebank sitzen zehn Männer zwischen 30 und 43 Jahren. Der Prozess gegen einen elften Angeklagten wurde abgetrennt. Zwei mutmaßliche Mittäter sind auf der Flucht.

Recep O. bestreitet, im Auftrag von Kadir Padir getötet zu haben. Auch alle anderen Angeklagten sagen: Einen Mordplan habe es nicht gegeben. Die Staatsanwaltschaft geht hingegen von Mord aus Rache aus.

Multimediaspezial zum Prozessauftakt

Kassra Z., genannt "der Perser", hatte wenige Wochen nach dem Tod von Tahir Özbek gegenüber dem Landeskriminalamt umfassend ausgesagt. In der Szene gilt er seither als Verräter, weil es sich für einen Hells Angel nicht gehört, mit Ermittlern zu reden. Doch auch er sagt, dass es keinen Mordauftrag von Kadir Padir gegeben habe.

"Der Perser" bittet um Entschuldigung

Vor Gericht will Kassra Z. die Gelegenheit für ein letztes Wort nutzen. Er spricht frei. Er stockt, bricht Sätze ab, fängt neu an. "Ich möchte mein letztes Wort an die Familie Özbek richten", sagt er. "Die ganze Geschichte tut mir unfassbar leid." Er wiederholt den Satz mehrmals. Es falle ihm schwer, die richtigen Worte zu finden. "Nichts davon hätte passieren dürfen", sagt er. Es sei ihm sehr nahe gegangen, als die Schwester von Tahir Özbek vor Gericht geschildert habe, wie sehr die Familie unter dem Tod des Kindes leide. "Ich wünsche der Familie, dass sie auf irgendeine Art und Weise wieder Fuß fassen kann, damit klar kommt." Er verstummt einen Moment, sucht nach Worten und endet mit: "Es tut mir leid."

Im Video: Tahir Özbeks Mutter spricht

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Vor dem Gerichtsgebäude steigt Yakup S., einer der Angeklagten, hinterher mit den Männern aus dem Zuhörerraum ins Auto und fährt davon. Er ist der einzige Angeklagte, der nicht mehr in Untersuchungshaft ist. Ihm droht nur noch eine Verurteilung wegen unerlaubten Waffenbesitzes, nicht wegen Mordes. Der Verdacht, dass er die anderen zusammen mit Kadir Padir zu dem Mord angestiftet habe, ließ sich nicht erhärten. Die Staatsanwaltschaft hat in ihrem Plädoyer zwei Jahre Haft für den 43-Jährigen gefordert.

Kadir Padir und den anderen droht eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen gemeinschaftlichen Mordes. Kassra Z. könnte für seine umfassende Kooperation mit den Ermittlern einen Strafrabatt bekommen.


Mehr zum Prozess gegen Kadir Padir und die Hells Angels sehen Sie bei SPIEGEL TV: 7. Oktober, 23.25 Uhr, auf RTL.

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