Tödliche Schüsse im Wettbüro War das geplant?

Tahir Özbek wurde in einem Berliner Wettbüro erschossen. Der Prozess gegen die angeklagten Hells Angels ist nun in der Schlussphase. Bei den Plädoyers kommt es zu einem Eklat unter den Verteidigern.

Schüsse im Wettbüro (Archiv): Der Mordprozess in Berlin läuft seit fast fünf Jahren
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Schüsse im Wettbüro (Archiv): Der Mordprozess in Berlin läuft seit fast fünf Jahren

Von Wiebke Ramm


Recep O. wirkt angespannt. Er knetet seine Hände, rückt mit seinem Stuhl ganz nach vorne ans Panzerglas und lauscht im Saal 500 des Landgerichts Berlin konzentriert den Worten seines Verteidigers. Anders als die Mehrzahl seiner Mitangeklagten scheint der 30-Jährige ein Plädoyer seines Anwalts nicht für überflüssig zu halten. Recep O. und neun weitere Männer sind wegen Mordes angeklagt. Unter den Angeklagten ist der Berliner Hells-Angels-Präsident Kadir Padir. Seit fast fünf Jahren müssen sie sich vor der 15. Großen Strafkammer verantworten.

Recep O. hat gestanden, im Januar 2014 den 26-jährigen Tahir Özbek im Wettcafé "Expekt" in Berlin-Reinickendorf erschossen zu haben. Die Staatsanwaltschaft geht von Mord aus Rache aus. Hells-Angels-Boss Padir soll ihn in Auftrag gegeben, Recep O. ihn zusammen mit weiteren Angeklagten ausgeführt haben.

Die Staatsanwaltschaft forderte vorherige Woche eine lebenslange Freiheitsstrafe für Recep O. und sechs Mitangeklagte. Auch Kadir Padir sei wegen Anstiftung zum Mord zur Höchststrafe zu verurteilen. Nur Kassra Z., genannt der Perser, soll als Kronzeuge lediglich zehn Jahre bekommen. Der zehnte Angeklagte sei nur wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz, nicht wegen Mordes zu verurteilen.

Es gibt ein Video der Tat, aufgenommen von einer Überwachungskamera. Staatsanwalt Christian Fröhlich sprach in seinem Plädoyer von "der Macht der Bilder". Diese zeigten demnach, wie insgesamt 13 zum Teil vermummte Männer "einer Choreografie folgend" hintereinander in ein Hinterzimmer gestürmt seien, wo Recep O. sofort auf Tahir Özbek schoss. Die Choreografie zeige, dass die Angreifer einem vorher gefassten Plan gefolgt seien. Recep O. schoss achtmal auf Tahir Özbek. Sechs Schüsse trafen ihn tödlich.

Multimediaspezial zum Prozessauftakt

Verteidiger Detlef Kolloge widerspricht an diesem Donnerstag, dem 298. Verhandlungstag, mehrfach jener "Macht der Bilder". Das Video beweise keineswegs, dass es den Auftrag gegeben habe, Tahir Özbek zu ermorden. Es zeige auch nicht, was vor dem Laden geschehen sei. Von gemeinschaftlichem Mord könne keine Rede sein, allenfalls sei Recep O. wegen Totschlags zu einer zeitlich begrenzten Freiheitsstrafe zu verurteilen.

Der Verteidiger schildert eine andere Version

Recep O. hatte erklärt, sie hätten vor dem "Expekt" zunächst rat- und damit auch planlos herumgestanden. Dann sei ihm von Kadir Padirs Bruder, Ersoy, eine Waffe in die Hand gedrückt worden, um auf ihn aufzupassen. "Du gehst vor. Du bist jetzt für mein Leben verantwortlich", soll dieser gesagt haben.

Es sei darum gegangen, Tahir Özbek einzuschüchtern, Präsenz zu zeigen. Es sei nicht darum gegangen, ihn zu töten. Dann sei die Situation außer Kontrolle geraten. Recep O. sei "erschreckt", weil er meinte, eine Bewegung des Opfers wahrgenommen zu haben. "Ich habe Angst bekommen, denn ich hatte gehört, dass der eine Waffe haben soll, und dann habe ich die Schüsse abgegeben", zitiert der Verteidiger Recep O. Das Video widerlege diese Darstellung nicht, sagt er, da es den Beginn der Schussabgabe nicht zeige. "Ob und wie sich das Opfer bewegt hat, sieht man nicht."

Es könne auch nicht von einer Choreografie die Rede sein, die einen vorgefassten Plan verrate. Die Männer seien nur deshalb im Gänsemarsch ins Hinterzimmer gegangen, weil es räumlich gar nicht anders möglich gewesen wäre. Der Bewegungsablauf sei keinem Plan, sondern der Enge des Raumes geschuldet.

Sollte das Gericht Recep O. dennoch wegen Mordes verurteilen, sei auch seine Strafe nach der Kronzeugenregelung zu mildern. Denn nicht nur Kassra Z., auch Recep O. habe zur Aufklärung beigetragen, sagt Verteidiger Kolloge. Von einer lebenslangen Freiheitsstrafe sei daher abzusehen.

Ein Verteidiger kritisiert die anderen

Steffen Tzschoppe, Verteidiger von Kassra Z., beginnt sein Plädoyer im Anschluss mit einem Affront gegen seine Verteidigerkollegen. Es sei ein "Armutszeugnis", dass die Verteidiger von Kadir Padir und sechs weiteren Angeklagten auf ein Plädoyer verzichtet haben. In einer gemeinsamen Erklärung appellierten sie stattdessen an das Gericht, "zur Vernunft" zu kommen. Ein klassisches Plädoyer hielten sie für sinnlos, weil die Richter sich ohnehin längst auf eine Verurteilung wegen Mordes festgelegt hätten.

Damit, so Tzschoppe, hätten die Verteidiger die Chance vertan, wenn schon nicht auf die Berufsrichter, so doch auf die Schöffen einzuwirken. Diesen Versuch holt er nun nach. Tzschoppe appelliert an die Schöffen, niemanden wegen Mordes zu verurteilen, wenn sie zweifelten, ob derjenige tatsächlich wusste, dass Tahir Özbek sterben sollte. Er selbst sei überzeugt, dass keineswegs alle Angeklagten von etwaigen Mordplänen Kenntnis hatten. "Herr Z. hat eine Verurteilung wegen Mordes jedenfalls nicht verdient."

Im Video: Tahir Özbeks Mutter spricht

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Die Verteidigung beantragt, Kassra Z. wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge zu einer milden Strafe zu verurteilen. Nach mehr als fünf Jahren in Untersuchungshaft sei der Haftbefehl aufzuheben und Z. in die Freiheit zu entlassen. Sollte das Gericht ihn doch wegen Mordes verurteilen, sei seine Strafe nach der Kronzeugenregelung deutlich zu mildern. Die von der Staatsanwaltschaft geforderten zehn Jahre seien zu viel. Kassra Z. habe durch seine umfangreichen Angaben nicht nur Aufklärungs-, sondern auch Präventionshilfe geleistet, und geholfen, weitere Straftaten zu verhindern.

In der Rockerszene gilt er als Verräter

Kassra Z. befindet sich seit 2014 im Zeugenschutzprogramm. In der Rockerszene gilt er als Verräter. Selbst sein Verteidiger weiß nicht, in welcher Justizvollzugsanstalt sich "der Perser" befindet. Aufgrund der besonderen Gefährdungslage sei er seit fünf Jahren in Einzelhaft. Damit gehe eine besondere Belastung einher, die das Gericht zu berücksichtigen habe, sagt Tzschoppe. "Bist ja selbst Schuld an allem", ruft ein Mann aus dem Publikum empört in Richtung Anklagebank.

Kassra Z. hat sich nicht beliebt gemacht. Selbst in Freiheit müsste er weiter beschützt werden, betont sein Anwalt. Zugleich wäre seine Freilassung eine Motivation an andere, mit den Ermittlern zusammenzuarbeiten. Der Verrat unter Lebensgefahr müsse sich lohnen.

Am 30. September haben die Angeklagten Gelegenheit für ihr letztes Wort. Ein Termin für die Urteilsverkündung steht noch nicht fest. Voraussichtlich soll es am 1. oder 2. Oktober fallen.


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