Prozess gegen mutmaßlichen Mädchenmörder »Ich nahm an, dass sie tot ist«

Bekim H. soll eine 15-Jährige vergewaltigt und ermordet haben. Zum Entsetzen ihrer Mutter behauptet er nun vor Gericht, es sei ein Unfall gewesen.
Angeklagter Bekim H. im Berliner Landgericht (im Januar 2021)

Angeklagter Bekim H. im Berliner Landgericht (im Januar 2021)

Foto: Olaf Wagner / imago images

Die Zeugin schildert den Anruf ihres Freundes an jenem Morgen des 5. August 2020: »Ich glaube, ich habe jemanden umgebracht«, habe er gesagt. Sie habe erwidert, dass sie mit ihrer Tochter nun Schuhe kaufen werde. »Ich dachte, der macht einen Scherz.« Er habe gesagt, er treffe sich mit seinem Anwalt, dann komme er zu ihr. Etwa eine Stunde später habe er dann vor ihr gestanden, distanziert und abwesend gewirkt. Erst da, sagt die Zeugin Franziska E., habe sie begriffen, dass dieser Satz kein Scherz war, sondern bitterer Ernst. Was genau passiert war, habe ihr Bekim H. nicht gesagt. Nur, dass er sie liebe. Dann sei er zur Polizei gegangen.

Während die 35-Jährige am vergangenen Dienstag vor der 32. Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin spricht, sitzt Bekim H. zusammengesunken auf der Anklagebank und weint. Der 42-Jährige hat schwarze Haare, ist zierlich und sieht deutlich jünger aus, als er ist.

Der Vorsitzende Richter Matthias Schertz fragt die Zeugin, ob Bekim H. seine Aussage irgendwie relativiert habe. Hat er vielleicht gesagt, dass es ein Unfall war? Franziska E. schüttelt den Kopf.

Der Träger ihres BHs ist abgerissen, das Oberteil aufgerissen

Polizisten finden an jenem Tag die Leiche eines 15 Jahre alten Mädchens an der Rummelsburger Bucht in Berlin-Lichtenberg. Die Tote ist nackt, der Körper mit Gräsern und Zweigen bedeckt. Die Kleidung der Schülerin liegt in der Gegend verstreut. Ein Träger ihres BHs ist abgerissen, ihr Oberteil auf einer Seite aufgerissen. Ihre Jeanshose wurde nie gefunden.

Der genaue Tathergang ist unklar. Nur bei der Todesursache legte sich der Rechtsmediziner im Februar vor Gericht fest: Die Leiche weise typische Zeichen eines Todes durch Erwürgen auf. Der Sachverständige geht davon aus, dass der Täter die 15-Jährige zunächst bis zur Bewusstlosigkeit würgte und sie dann bäuchlings an den Füßen zum Fundort schleifte. Die Art der Abschürfungen an ihrer Stirn verrieten, dass die Schülerin zu dem Zeitpunkt bewusstlos war, aber noch nicht tot.

Eindeutige Abwehrverletzungen habe er an der Leiche nicht gefunden, sagte der Rechtsmediziner, auch keine eindeutigen Hinweise auf eine versuchte Vergewaltigung. Doch ein DNA-Experte berichtete von Sperma-Spuren von Bekim H. am Körper des Mädchens.

Aber wie starb die 15-Jährige, nachdem sie bewusstlos über den Boden geschleift wurde? Ob der Täter erneut würgte, kann der Rechtsmediziner nicht sagen. Kann der Tod auch ohne weitere Gewalteinwirkung eingetreten sein? »Es kann aus der Bewusstlosigkeit in den Hirntod übergehen«, formuliert der Rechtsmediziner. »Das gibt’s.«

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass Bekim H. gegen 2 Uhr nachts am 5. August erst versuchte, das Mädchen zu vergewaltigen, und es dann ermordete.

An diesem Donnerstag äußert sich Bekim H. nun zu den Vorwürfen. Er spricht nicht selbst, sondern lässt seinen Verteidiger eine Erklärung in seinem Namen vorlesen. Nach Monaten des Schweigens, kurz vor Ende der Beweisaufnahme, stellt Bekim H. den Tod der 15-Jährigen als eine Art Unfall dar. Die Mutter des Mädchens stürmt aus dem Saal. Sie ist Nebenklägerin im Prozess, die Äußerungen des Angeklagten sind für sie offenbar nicht zu ertragen.

Er sei am Abend des 4. August 2020 zu einem Park in der Nähe des S-Bahnhofs Berlin-Ostkreuz gefahren, trägt Verteidiger Anto Vukadin für seinen Mandanten vor. Er habe zu dem Zeitpunkt schon etliche Biere getrunken. Unterwegs habe er noch mehr Bier besorgt. Im Park habe er mit Menschen, die er nicht gekannt habe, Tischtennis gespielt und laute Musik gehört. Die Polizei habe die Gruppe wegen der Coronabeschränkungen irgendwann aufgelöst.

»Ich würde sagen, ich war schon im Park volltrunken«, lässt Bekim H. seinen Anwalt vortragen. Er habe sich trotzdem noch ein Gramm Speed besorgt. Dann habe er nach Hause fahren wollen und sei zum S-Bahnhof gegangen. Doch seine Bahn sei schon weg gewesen.

Eine Ex-Freundin sprach von Vergewaltigung

An einer Imbissbude habe ihn dann das Mädchen angesprochen. »Sie fragte, ob ich irgendwas zum Ziehen habe.« Auch sie habe sehr betrunken gewirkt. Er habe ihr vorgeschlagen, das Speed gemeinsam zu konsumieren. Sie seien in Richtung Rummelsburger Bucht gegangen und hätten sich auf seinem Pullover auf den Boden gesetzt. Auf ihr Handy habe er zwei dicke Linien des Amphetamins gezogen, die sie durch die Nase geschnupft hätten. »Das Speed wirkte sehr stark.«

Sie hätten angefangen, sich zu streicheln und zu küssen. »Dann hatten wir Sex.« Er habe sie dabei mit der Hand leicht am Hals gewürgt. »Ich habe das als Teil des Liebesspiels verstanden«, genauso, wie er es jahrelang auch mit seiner Freundin Franziska E. praktiziert habe.

Vor Gericht hatte Franziska E. gesagt, dass Bekim H. Gefallen daran habe, sie beim Sex zu würgen. Es errege ihn auch, in sie einzudringen, während sie schlafe. Von ganz ähnlichen Erfahrungen hatte auch eine Ex-Freundin berichtet und von Vergewaltigung gesprochen. Franziska E. aber sagte, Bekim H. sei nie gewalttätig geworden, alles sei einvernehmlich gewesen. Dass der Angeklagte schon 2001 eine 68-jährige Frau vergewaltigt und massiv verletzt hat, wisse sie. Wegen einer schweren Persönlichkeitsstörung kam Bekim H. damals für 13 Jahre in eine forensische Psychiatrie. Er bereue die Tat heute zutiefst, sagt seine Freundin.

Der Verteidiger von Bekim H. liest weiter. Er trägt vor, dass sich das Mädchen nicht gewehrt habe, als Bekim H. sie gewürgt habe. »Im Gegenteil. Es schien ihr zu gefallen«, behauptet er in seiner Einlassung. Dann – »plötzlich, völlig unvermittelt« – habe es sich nicht mehr bewegt. »Ich war völlig geschockt und nahm an, dass sie tot ist.« Er habe die Schülerin ins Gebüsch gezogen und mit Zweigen bedeckt. Völlig panisch sei er weggelaufen. Zu Hause habe er beschlossen, sich der Polizei zu stellen.

Er habe den Tod des Mädchens niemals gewollt. »Ich bin total bestürzt und schockiert«, lässt er mitteilen. »Es tut mir furchtbar leid für das Mädchen und die Familie.«

Im Anschluss verliest der Verteidiger einen Beweisantrag. Das Gericht möge einen weiteren Rechtsmediziner hören. Dieser werde bestätigen, dass die Schülerin an einem epileptischen Anfall gestorben sei, ausgelöst durch den Konsum von Alkohol und Drogen, möglicherweise begünstigt durch das Würgen am Hals. Zwei Jahre vor ihrem Tod soll die Schülerin tatsächlich einmal einen epileptischen Anfall erlitten haben.

Ufer am Rummelsberger See: In ein Gebüsch geschleift

Ufer am Rummelsberger See: In ein Gebüsch geschleift

Foto: Jens Kalaene / picture alliance

Staatsanwaltschaft und Nebenklage fordern, den Antrag der Verteidigung abzulehnen. »Der Rechtsmediziner hat sich ausführlich zur Todesursache geäußert«, sagt Oberstaatsanwalt Ralph Knispel. Nebenklagevertreter Sven Peitzner ergänzt: »Sie ist verstorben, weil sie gewürgt wurde, nicht weil sie einen epileptischen Anfall hatte.« Nach einer kurzen Unterbrechung kündigt das Gericht an, dem Antrag nachzukommen und einen weiteren Gerichtsmediziner hören zu wollen.

Bekim H. stellt den Tod des Mädchens also als Unglück dar. Doch wie passt das zu der Aussage von Franziska E., er habe ihr erzählt, er habe jemanden umgebracht?

Richter Schertz verliest am Ende des Verhandlungstages einen Brief, der Zweifel sät, ob Franziska E. in allen Punkten die Wahrheit gesagt hat – und der zugleich die Frage aufwirft, wie gut Bekim H. andere Menschen täuschen kann.

Vor Gericht war seine Freundin gefragt worden, ob Bekim H. in den drei Jahren ihrer Beziehung fremdgegangen sei. »Ich denke mal nicht«, hatte Franziska E. geantwortet und ergänzt: »Es war schon etwas Besonderes zwischen uns.« In dem Brief, den der Richter nun vorliest, klingt das etwas anders. Franziska E. hat ihn zwei Wochen vor ihrer Aussage vor Gericht an Bekim H. geschrieben. Er wurde beschlagnahmt, bevor er ihn erhielt.

Die Zeugin schreibt darin, dass sie auf dem Tablet ihres Sohnes zahlreiche Nachrichten von Bekim H. an fremde Frauen gefunden habe. Er sei Single, schrieb er. Und dass er »viele Weiber« habe. »Wie meinst du das?«, fragt Franziska E. ihn. Sie fragt ihn auch, wer Sarah sei. Und Maddy. Und Melanie. Sie will in dem Brief von ihm wissen, ob er seine Gefühle ihr gegenüber nur vorgetäuscht habe. »Alles gelogen? Alles scheinheilig?« Sie schreibt dem Angeklagten: »Belügst du mich?«

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.