Prozess gegen Raser in Berlin "Wie eine Mutter zu ihrem Kind"

In Berlin stehen zwei Männer wegen Mordes vor Gericht, weil sie einen Rentner totgefahren haben sollen. Einer Gutachterin zufolge hatte einer der beiden eine innige Bindung zu seinem Auto - und kein Schuldbewusstsein.

Anegklagte Marvin N. (2.v.l.) und Hamdi H. (5.v.l.)
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Anegklagte Marvin N. (2.v.l.) und Hamdi H. (5.v.l.)

Von Uta Eisenhardt, Berlin


Auch erfahrene Gutachter können vor Gericht noch dazulernen - zumindest, wenn sie mit deutschem Verkehrsrecht normalerweise so wenig zu tun haben wie Jaqueline Bächli-Biétry. "Also haben Sie in Deutschland keine Rotlicht-Kameras, die die Geschwindigkeit messen?", fragte die Zürcher Verkehrspsychologin merklich erstaunt in den Saal des Berliner Landgerichts.

Die Schweizerin war jedoch nicht wegen Fragen der Geschwindigkeitsmessung in deutschen Innenstädten nach Berlin gereist - sondern um als Gutachterin zu helfen, die entscheidende Frage in diesem Prozess gegen Hamdi H. und Marvin N. zu beantworten: Handelten die beiden Raser vom Kurfürstendamm vorsätzlich oder fahrlässig, als sie sich vor einem Jahr spontan zu einem Rennen mit tödlichem Ausgang herausforderten?

Droht den 25 und 27 Jahre alten Männern also lebenslange Haft wegen Mordes? Oder müssen sie wegen fahrlässiger Tötung für maximal fünf Jahre ins Gefängnis?

Der Montag des 1. Februar 2016 war keine Stunde alt, als der arbeitslose Hamdi H. im weißen Audi A6 TDI und der Türsteher Marvin N. im weißen Mercedes AMG CLA 45 kilometerweit über den Kurfürstendamm rasten. Sie ignorierten mehrere rote Ampeln, dann kreuzte ein pinkfarbener Jeep ihren Weg. In ihm saß Michael W., 69 Jahre alt.

Unfallort in Berlin am 1. Februar
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Unfallort in Berlin am 1. Februar

Hamdi H., der auf der rechten Fahrspur fuhr, krachte mit 160 bis 170 Stundenkilometern in die Flanke des Fahrzeugs, das durch den Aufprall etwa 70 Meter weit schleuderte und auf der Fahrerseite liegen blieb. Der Fahrer, ein Arzt im Ruhestand, starb noch am Tatort. Die beiden jungen Männer stiegen wenig später leicht verletzt aus ihren völlig demolierten Autos.

Gutachterin Bächli-Biétry sprach an zwei Tagen fünf Stunden lang mit Hamdi H. über sein bisheriges Verhalten im Straßenverkehr und über seine Regelverstöße seit 2009. Insgesamt 19 Ordnungswidrigkeiten und vier "Vorfälle im Straßenverkehr" sind registriert. Zweimal musste Hamdi H. seinen Führerschein abgegeben, einmal für einen Monat, einmal für vier Monate - bei einem der Vorfälle hatte er nach einem missglückten Überholmanöver auf nasser Straße zwei Radfahrer leicht verletzt.

Bei den Tests habe der Angeklagte "angestrengt und zügig seine Aufgaben erledigt", sagte die Psychologin. Am ersten Tag habe er sehr formal geantwortet, am zweiten offener und spontaner. Sie habe mit ihm kurz über seine Biografie gesprochen, "die familiäre Belastung war spürbar." Hamdi H. brach demnach die Schule ab, holte dann den Hauptschulabschluss nach und begann eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. Diese endete, nachdem an seinem Ausbildungsplatz "Dinge gesagt worden seien, die nicht hätten gesagt werden sollten."

Ähnlich, so Bächli-Biétry, blicke H. auch auf seine Vergehen im Sraßenverkehr: Schuld habe nicht er, sondern die anderen oder die Technik. "Er sieht sich nicht in der Rolle des Täters, der selbst so gehandelt hat. Er begibt sich vielmehr in eine Opferhaltung, werde ungerechtfertigt von den Behörden verfolgt, wenn etwa Polizisten in erster Linie sportliche Autos kontrollieren."

Seinen Audi, 225 PS, hat Hamdi H. gebraucht gekauft. Deutlich habe sich seine Mimik verändert, als er von der Liebe zu dem Wagen sprach, der so sicher und schön gewesen sei und dessen Licht bei geöffneter Autotür auf die Straße fiel. "Es war eine Beziehung", sagte Bächli-Biétry, "fast wie eine Mutter zu ihrem Kind."

Mit dieser großen Liebe wollte er demnach den Frust über die Erfolglosigkeit in seinem Leben überwinden. Bächli-Biétry bescheinigte H. zwar nur einen mittelmäßigen Intelligenzquotienten von 94, allerdings habe er im logischen Denken einen Wert von 124 erreicht: "Sein Frust dürfte größer als bei anderen gewesen sein, weil das intellektuelle Potential bei ihm durchaus vorhanden ist."

Auf diesen Frust habe er mit Selbstüberhöhung reagiert, wozu ihm das Auto und sein Fahrstil dienten. "Er hat sich wie in einer Blase bewegt", sagte die Verkehrspsychologin und beschrieb H.s Selbsteinschätzung: "Er würde mit seinem Fahrstil keine anderen Personen gefährden. Er könne kilometerweit sehen. Er kenne diese Stadt, er weiß, wie das läuft."

Das sind die Sätze, auf die H.s Verteidiger wohl gehofft hatten. Weniger gefallen haben dürfte ihnen die Reaktion ihres Mandanten auf die Frage, was er sagen würde, wenn der Mitangeklagte Marvin N. eine mildere Strafe als er erhalten würde: Dafür hätte H. kein Verständnis, sagte Bächli-Biétry und zitierte Hamdi H.: "Marvin hätte es ja auch in Kauf genommen."

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