Prozess gegen Berliner Frauenärzte Tod eines Zwillings

Ein Kind wurde entbunden, der Zwilling danach im Mutterleib mit Kaliumchlorid getötet: In Berlin stehen eine Ärztin und ein Arzt wegen Totschlags vor Gericht. Sie sind sich keines Unrechts bewusst.

Eingang des Kriminalgerichts Moabit
Sven Braun/ DPA

Eingang des Kriminalgerichts Moabit

Von Wiebke Ramm


Das Mädchen ist heute neun Jahre alt, seine eineiige Zwillingsschwester ist tot. Laut Anklage sollen eine Ärztin und ein Arzt eines Berliner Klinikums das Kind im Sommer 2010 gemeinschaftlich bei der Geburt getötet haben. Bereits während der Schwangerschaft war bei dem Zwilling eine schwere Hirnschädigung diagnostiziert worden. Die Sorge der Ärzte galt dem Wohl des gesunden Mädchens.

Seit Dienstag müssen sich die beiden Mediziner vor der 32. Strafkammer des Landgerichts Berlin verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Totschlag vor. Die Ärzte bestreiten die Tötung nicht. Doch sie handelten in der Überzeugung, das Richtige zu tun.

In der 32. Schwangerschaftswoche setzten bei der 27-jährigen Mutter der Zwillinge die Wehen ein. Die Ärzte entschieden sich für einen Kaiserschnitt. Gegen 5.20 Uhr kam der gesunde Zwilling zur Welt. Kurz danach injizierten sie dem zweiten Zwilling noch im Mutterleib Kaliumchlorid. "Das ist ein Verbrechen nach Paragraf 212 Strafgesetzbuch", sagt Staatsanwältin Silke van Sweringen.

Die Ärzte spritzten das todbringende Mittel, "obwohl ihnen bewusst war, dass sie keine Abtreibung mehr vornahmen, weil die Geburt bereits begonnen hatte", sagt die Staatsanwältin. Der kranke Zwilling hätte vor, nicht nach Beginn der Geburt im Mutterleib getötet werden dürfen. Selektiver Fetozid heißt ein solcher Eingriff. Als die Angeklagten das Mittel injizierten, sei die Geburt aber bereits in Gang gewesen.

Die Ärztin verteidigt sich

Staatsanwältin van Sweringen macht den Beginn der Geburt an sogenannten Eröffnungswehen oder im Fall eines Kaiserschnitts an der Eröffnung der Gebärmutter fest. Nach dieser Ansicht wird in diesem Moment aus dem Ungeborenen strafrechtlich ein Mensch. Für die angeklagten Mediziner hat diese Definition wenig mit ihrer Praxis zu tun.

Die angeklagte Ärztin ist 58 Jahre alt. Sie leitete damals die Operation und arbeitet noch heute in der Klinik. "Mir ist es ein besonderes Anliegen, mich zu äußern", sagt sie am Dienstag vor Gericht. "Es ist ein sehr komplexer Fall."

Die Ärztin berichtet, wie die Patientin nach vorheriger Behandlung in Hamburg schließlich ins Krankenhaus nach Berlin kam. Die "hochgradige Hirnschädigung" des einen Zwillings sei der Mutter bereits bekannt gewesen. "Sie hat sich zu einem selektiven Fetozid entschieden", sagt die Angeklagte.

In Deutschland ist eine solche Abtreibung unter Umständen auch nach der zwölften Schwangerschaftswoche erlaubt - wenn, wie es im Gesetzestext heißt, der Abbruch nach ärztlicher Erkenntnis angezeigt ist, "um eine Gefahr für das Leben oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren abzuwenden" (mehr dazu lesen Sie hier). Die Eltern im Berliner Fall sollen am kommenden Dienstag vor Gericht als Zeugen gehört werden.

Ihre Ärzte sahen die Gefahr, dass durch die Injektion von Kaliumchlorid nicht nur das eine Kind, sondern auch das andere Kind einen Herzstillstand erleiden könnte. Auch andere Möglichkeiten seien für den gesunden Zwilling riskant gewesen.

Die Angeklagten entschieden, den gesunden Zwilling so spät wie möglich per Kaiserschnitt zu holen und bei demselben Eingriff den "Fetozid im Mutterleib" vorzunehmen, sagt die Ärztin. Doch nach Ansicht der Staatsanwaltschaft war es zu dem Zeitpunkt schon kein Fetozid mehr, also keine unter Umständen erlaubte Abtreibung eines Fötus. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft war es zu dem Zeitpunkt die Tötung eines Menschen, ein Verbrechen.

"Wir sind davon ausgegangen, dass es sich um einen Fötus handelt"

"Unser Ziel war es, den maximal sicheren Weg für den gesunden Fötus zu finden und ihn möglichst spät zur Welt zu bringen", sagt die Ärztin. Auch sie sagt, dass bei der Mutter die Wehen eingesetzt hatten. Sie hätten dann während der Operation die Gebärmutter eröffnet, den ersten Zwilling geholt, beim zweiten die Nabelschnur abgeklemmt und ihn getötet.

Ob sie denn nicht wussten, wann eine Abtreibung erlaubt ist und wann nicht, fragt der Vorsitzende Richter Matthias Schertz. "Wir waren der Meinung, dass ein Fötus ein Fötus ist, solange er in der Gebärmutter ist", antwortet die Angeklagte: "Wir haben das nicht infrage gestellt."

Richter Schertz gibt sich mit der Antwort nicht zufrieden. "Es fällt schwer, das nachzuvollziehen", sagt er. Ärzte müssten sich doch rechtlich absichern, wann sie einen derartigen Eingriff vornehmen dürfen und wann nicht mehr. Die Angeklagte wiederholt: "Wir sind davon ausgegangen, dass es sich um einen Fötus handelt."

Der Richter erklärt ihr, dass im strafrechtlichen Sinne die "Menschwerdung" des Ungeborenen durch die Eröffnungswehen oder die Eröffnung der Gebärmutter erfolge. "Nie mit beschäftigt?", fragt er. Die Ärztin wiederholt: "Wir sind davon ausgegangen, dass es sich um einen Fötus handelt." Schertz klingt unwirsch: "Sie weichen mir aus."

Drei anonyme Anzeigen

Es handelte sich um einen Fötus, sagt auch der Mitangeklagte. Er ist 73 Jahre alt und seit 2012 im Ruhestand. Und auch er sagt, dass sie sich damals im Sommer 2010 keinen rechtlichen Rat geholt hätten, "weil wir keinen Zweifel hatten, dass es richtig ist". Er sagt: "Im Vordergrund stand nicht das Juristische, sondern die Gesundheit des Kindes. Wir wollten ein möglichst geringes Risiko für den gesunden Zwilling."

Erst drei Jahre nach dem Vorfall, im Sommer 2013, gingen drei anonyme Anzeigen mit gleichlautendem Text bei der Staatsanwaltschaft ein, der oder die Verfasser bezeichneten sich als "Mitarbeiter". Schertz fragt, ob es im Team Diskussionen gegeben habe, "ob das so geht, was Sie da machen". "Nein", sagt die Ärztin, "deswegen waren wir über die Anzeigen sehr erstaunt."

2016 hat die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben, wegen Überlastung der Justiz, so die Staatsanwältin, habe es weitere drei Jahre bis zum Beginn der Hauptverhandlung gedauert.

Das Gericht hat nur fünf weitere Verhandlungstage terminiert. Für die Kammer scheint der Fall nicht besonders kompliziert zu sein. Moralisch sieht es anders aus. Die Staatsanwältin wird außerhalb des Saales gefragt, was denn passiert wäre, wenn bei einem selektiven Fetozid beide Zwillinge gestorben wären. Ob dann keiner der beiden Ärzte auf der Anklagebank säße. Die Staatsanwältin überlegt einen Moment. Dann nickt sie. "Ja", sagt sie.



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