Haftstrafe für U-Bahn-Treter Ein unbefriedigendes Urteil

Ein Gericht hat den Berliner U-Bahn-Treter wegen gefährlicher Körperverletzung schuldig gesprochen. Doch ein psychiatrisches Gutachten lässt an der richtigen Wirkung der Strafe zweifeln.

Swetoslaw S. (r.) mit einer Übersetzerin vor Gericht (Archiv)
DPA

Swetoslaw S. (r.) mit einer Übersetzerin vor Gericht (Archiv)

Von Uta Eisenhardt


Die Tat geschah scheinbar aus dem Nichts heraus: Es war der 27. Oktober, kurz nach Mitternacht, als eine zierliche Studentin die Treppen zum Berliner U-Bahnsteig Hermannstraße herunterging. Ihre S-Bahn war gerade weggefahren, ihr war kalt, sie wollte die Wartezeit auf dem weniger zugigen U-Bahnsteig verbringen. Sie befand sich mitten auf der Treppe, als ihr Swetoslaw S. wuchtig in den Rücken trat. Täter und Opfer kannten sich nicht. "Es war ein heimtückischer Angriff, unvermittelt, an einem öffentlichen Ort", so beschrieb es Staatsanwältin Sabine Eppert in ihrem Plädoyer vor dem Berliner Landgericht.

Am Donnerstag nun wurde der 28-jährige Bulgare von der 21. Strafkammer unter dem Vorsitz von Sylvia Busch zu einer 35-monatigen Haftstrafe verurteilt - wegen des Tritts auf der Treppe und weil er sich zwei Wochen vor dieser Tat vor zwei Frauen exhibitioniert hatte.

Es ist ein Urteil, das niemanden befriedigen kann: Weder diejenigen, die einen solchen Täter oder etwaige Nachahmer mit harten Sanktionen von Wiederholungen abhalten wollen, noch diejenigen, die der berechtigten Ansicht sind, dass der Angeklagte dringend psychosozialer Hilfe bedarf.

Die Antwort auf dieses Dilemma enthält das Gutachten, das der Psychiater Alexander Böhle vor der Urteilsfindung erstattet hatte. Er hatte dem Gericht erklärt, warum er den Angeklagten für vermindert schuldfähig hält und warum die für eine gefährliche Körperverletzung vorgesehene Höchststrafe von zehn Jahren in seinem Fall nur siebeneinhab Jahre betragen darf. Er begründete auch, warum Swetoslaw S. nicht in der forensischen Psychiatrie untergebracht werden kann.

Bei seiner Begutachtung erlebte Alexander Böhle den Angeklagten als "äußerst freundlich, fast devot, sehr weich und aggressiv gehemmt": "Er saß fast etwas abwesend da, hat wenig verstanden. Allein die Belehrung hat eine Dreiviertelstunde gedauert."

Psychiater beschreibt Täter als "stirnhirnkrank"

Große Aufmerksamkeit widmete der Gutachter den Folgen einer schweren Kopfverletzung, die sich Swetoslaw S. vor etwa neun Jahren bei einem Autounfall zugezogen hatte. Damals wurde er am rechten Stirnlappen verletzt. "Dort erfolgt die Umsetzung von Emotion in Handlung", erklärte der Psychiater. Durch das erlittene Schädel-Hirn-Trauma seien bei dem Angeklagten Nerven lädiert worden. Infolgedessen könne er sich kaum steuern. Nach umfangreichen medizinischen und testpsychologischen Untersuchungen beschrieb ihn der Psychiater als "stirnhirnkrank": "Die Gefühle schwanken extrem, sie können nicht gehalten und nicht verarbeitet werden."

Vor Gericht gab Swetoslaw S. an, er habe in der Tatnacht Bier und Wodka konsumiert, zudem noch Haschisch, Kokain und Crystal Meth. Außerdem habe er sich mit seinem ältesten Bruder gestritten, später noch mit seiner Frau. "Das wirkte sich negativ auf meine Laune aus", ließ er über seinen Verteidiger erklären. Der Gutachter meint, dass der Angeklagte aufgrund seiner hirnorganischen Beeinträchtigungen mit den Provokationen seines Bruders und seiner Frau nicht umgehen konnte. Zusätzlich habe der Drogenmix seine Affekte angeschoben. Schließlich kam es zum aggressiven Durchbruch.

Nun zeigte das Video aber einen Täter, der ohne Wanken und Schwanken seinem Opfer nachgeeilt war, der auf einem Bein gestanden hatte, während er mit dem anderen zum Tritt ausgeholt hatte. Der Gutachter sah darin keinen Widerspruch zum angegebenen Drogenkonsum: Kokain sei für seine leistungssteigernde Wirkung bekannt.

In seinem Gutachten empfahl er dringend psychosoziale Hilfe für Swetoslaw S. Nun hätte er eigentlich eine Einweisung in die forensische Psychiatrie vorschlagen müssen, denn dort würde der Angeklagte am konsequentesten psychotherapeutisch betreut werden können. Diese Einrichtung würde er nur verlassen, wenn eine Strafvollstreckungskammer davon überzeugt wäre, dass er gelernt hätte, mit seinen hirnorganischen Defiziten umzugehen, dass er Konflikte meiden oder lösen könne und dass er keine Drogen nehme.

Doch psychisch Kranke werden nur in die forensische Psychiatrie eingewiesen, wenn sie wiederholt allgemeingefährliche Straftaten begangen haben oder versucht haben, diese zu begehen. Swetoslaw S. ist bislang aber nur wegen Eigentumsdelikten und wegen Fahrens ohne Führerschein bestraft worden. Ein Hang zu schweren Straftaten, der die Voraussetzung für die Einweisung in die forensische Psychiatrie darstellt, ist (noch) nicht zu erkennen.

Es ist illusorisch, dass er im Gefängnis lernen wird, mit seiner Behinderung zu leben - zumal der Angeklagte kein Deutsch spricht, mit einem IQ-Wert von 67 deutlich intelligenzgemindert ist und weder lesen noch schreiben kann.

Somit bleibt es fraglich, wie eine Wiederholung eines ähnlichen, organisch bedingten Gefühlsdurchbruchs verhindert werden kann. Wer soll Swetoslaw S. vom Drogenkonsum abhalten, wer davon, seine Wut an Unschuldigen abzureagieren?

Das Strafrecht bietet auf diese Frage keine Antwort.

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.