Prozess gegen mutmaßlichen Drohmail-Schreiber Die düstere Welt des André M.

Mit dem Absender "Nationalsozialistische Offensive" soll André M. massenhaft rechtsextreme Drohmails verschickt haben. In Gesprächen mit einer Polizistin offenbarte er erschütternde Gedanken.
Von Wiebke Ramm
Angeklagter vor Gericht: Er soll massenhaft Drohmails verschickt haben

Angeklagter vor Gericht: Er soll massenhaft Drohmails verschickt haben

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F.Boillot/ imago images/snapshot

André M. fasste offenbar Vertrauen zu der Polizistin. Oder er spielte mit ihr. So ganz klar zu unterscheiden ist das an diesem zweiten Verhandlungstag vor Gericht nicht. Er berichtete ihr von seinem "Menschenhass" und seiner Fantasie, Frauen zu töten. Er berichtete ihr von einer Essstörung und dass er kaum in der Lage sei, Nahrung zu sich zu nehmen. Er zeigte ihr nach einem Suizidversuch seine Narbe am Handgelenk und erzählte ihr von seinem "Wunschgedanken", dass er gerne in völliger Isolation irgendwo im Wald leben wolle. Er berichtete ihr auch von seinen Ängsten. Dass er Angst habe, das Haus zu verlassen. Dass er Panikattacken bekomme, wenn er im Auto, im Bus oder in der Bahn sitze.

Sie habe ihn als "relativ zugewandt und recht redselig" erlebt, sagt die Polizistin am Donnerstag als Zeugin vor dem Landgericht Berlin. André M. muss sich seit April vor der 10. Großen Strafkammer als mutmaßlicher Verfasser unzähliger rassistischer Drohmails verantworten. Unter dem Namen "Nationalsozialistische Offensive" soll er zwischen Dezember 2018 und April 2019 Dutzende Mails an Gerichte, Polizeidienststellen, Rathäuser, an Politikerinnen und Politiker, Journalistinnen und Journalisten, an Hotels und Einkaufszentren im ganzen Land geschickt und mit Sprengstoffanschlägen und Mord gedroht haben.

Der 32-jährige Mann aus Halstenbek im Kreis Pinneberg in Schleswig-Holstein saß bereits mehrere Jahre im Gefängnis und in der forensischen Psychiatrie. Er ist unter anderem wegen Brandstiftung und Körperverletzung vorbestraft. Im Oktober 2018 war er zuletzt aus der Haft entlassen worden. Die Behörden fürchteten damals, dass André M. erneut Straftaten begehen würde, wie er es bisher immer getan hatte, sobald er in Freiheit war. Deshalb ordneten sie eine "Täterorientierte Sachbearbeitung" an, so nannte sich die Aufgabe der Polizistin, die über Monate mit André M. in Kontakt stand - bis er im April 2019 wegen der Drohmails wieder verhaftet wurde.

Er wohnte in einem kleinen Zimmer bei seinen Eltern

Die Polizistin war es, die bei den Bombendrohungen der "Nationalsozialistischen Offensive" an André M. dachte und die Ermittler auf ihn aufmerksam machte. Sie rückten mit einem Spezialeinsatzkommando am Haus seiner Eltern an. Dort bewohnte er ein Zimmer, das die Polizistin vor Gericht als "ziemlich klein, düster" beschreibt. Sprengstoffexperten durchsuchten das Haus mit Spürhunden, fanden allerdings nichts. IT-Ermittler widmeten sich seinem Computer und dem Handy. Die Polizistin kümmerte sich um den Verdächtigen.

Er habe zitternd auf dem Boden hinterm Haus gesessen, neben ihm ein Hundewelpe. Sein körperlicher Zustand habe sich verschlechtert. André M. leidet neben seinen psychischen Problemen seit seiner Kindheit an einer Herz-Rhythmus-Störung. Er kam ins Krankenhaus und einige Tage später in Untersuchungshaft.

Noch im Oktober 2018, gleich nach seiner damaligen Entlassung aus dem Gefängnis, hatte die Polizistin eine sogenannte Gefährderansprache vorgenommen. Sie sagte André M., dass die Polizei ihn im Auge behalte und sich bei Brandstiftungen in seinem Umfeld bei ihm melden würde. Sie sagte ihm auch, dass er sich bei ihr melden könne, wenn er das Bedürfnis habe. Und André M. meldete sich. Per Mail, weil er ungern telefoniere. In mehreren längeren Mails schrieb er der Polizistin unter anderem von einem inneren Druck und dem Drang, Brände zu legen. Mehrfach besuchte die Polizistin ihn bei sich zuhause.

Interesse an Serienmördern

Er zeigte ihr seine Büchersammlung, sagte ihr, dass sein Interesse Serienmördern gelte. Und dass er im Gefängnis viel Zeit gehabt habe, sich mit diesem Thema zu befassen. Die Polizistin registrierte auch seinen Wandschmuck. Fotos des Zimmers zeigt der Vorsitzende Richter an diesem Tag bei der Befragung eines anderen Polizisten. Darauf zu sehen: Fahnen mit Hakenkreuz, unzählige Poster und Fahnen mit NS-Symbolik, das Bild eines SS-Soldaten. Auch Dekowaffen fanden die Ermittler bei der Durchsuchung.

Die Mails, die André M. der Polizistin geschrieben hatte, dienen dem Gericht nun als Vergleichsmaterial für ein linguistisches Gutachten. Es soll klären, ob er es war, der die rassistischen Drohmails der "Nationalsozialistischen Offensive" verschickt hat.

Die Polizistin berichtet vor Gericht, André M. habe ihr offenbart, dass er Menschen hasse und keinen Kontakt zu anderen haben wolle. Er hasse insbesondere "die Polizei und die Medien". Er habe auch gesagt, dass er sich für nicht therapierbar halte. André M. habe weder Freunde noch jemals eine Partnerschaft gehabt. Die Polizistin berichtet von einer Internetbeziehung zu einer Frau, "so eine Art Liebe", sagt sie. Im realen Leben hätten sich die beiden nie getroffen.

André M. chattete mit seiner Online-Bekanntschaft. Über den Inhalt berichtet an diesem Tag ein anderer Polizist vor Gericht. Die Frau vertraute André M. demnach an, dass sie in ihrer Kindheit sexuell missbraucht worden sei und seither unter psychischen Problemen leide. Er soll ihr ein Video geschickt haben, in dem eine Frau erst vergewaltigt, dann enthauptet wird. Die Frau brach den Kontakt zu André M. ab. Er soll mit Drohmails reagiert haben, die er ihr unter dem Namen "Nationalsozialistische Offensive" geschickt habe.

André M. verfolgt die Befragung seiner Vertrauenspolizistin und der weiteren Beamten aufmerksam. Immer wieder macht er sich Notizen, reicht die Blätter seinem Verteidiger und sucht mehrfach das Gespräch mit ihm. Es wirkt ganz so, als falle es André M. schwer zu schweigen und das Reden seinem Anwalt zu überlassen. Für nächste Woche hat sein Verteidiger eine Erklärung im Namen seines Mandanten angekündigt.

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