Berlin Was hinter der Massenschlägerei auf dem Alexanderplatz steckt

Rund 400 Menschen versammelten sich nach einem Aufruf in den sozialen Netzwerken auf dem Berliner Alexanderplatz. Dutzende von ihnen gingen aufeinander los. Trafen rivalisierende YouTuber aufeinander?

Auf dem Berliner Alexanderplatz kam es zu einer Massenschlägerei
Monika Wendel/ dpa

Auf dem Berliner Alexanderplatz kam es zu einer Massenschlägerei


Vor sieben Tagen wurde das Foto auf Instagram gepostet. Es zeigt einen jungen Mann in einer schwarzen Limousine, die Fahrertür steht offen, seine Kleidung wird vom Blitzlicht der Kamera reflektiert. "Abotreffen", schreibt er dazu. "21.3., Berlin am Alexanderplatz um 17 Uhr! Wer ist am Start?"

Der junge Mann kommt aus Stuttgart und heißt Bekir. Er ist YouTuber, seinen Account "Thatsbekir" haben mehr als 260.000 Menschen abonniert, mehr als 26.000 User folgen ihm auf Instagram. Nach seinem Aufruf versammelten sich am Donnerstagnachmittag mehr als 400 Jugendliche und junge Männer auf dem Berliner Alexanderplatz. Doch das Treffen für Abonnenten eskalierte - in einer Massenschlägerei. Warum?

Offenbar Streit zwischen zwei YouTubern

Nicht nur Bekirs Fans erschienen auf dem Platz in Berlin-Mitte. Auch der Berliner YouTuber "Bahar al amood", dem auf der Plattform knapp 14.000 Menschen folgen, kam dazu. Ob der Berliner ebenfalls seine Anhänger dazu aufgerufen hatte, zum Alexanderplatz zu kommen, werde noch ermittelt, teilte die Polizei mit.

Hintergrund ihres Aufeinandertreffens ist offenbar ein Streit, der im Netz begann: Der Berliner glaubte, Bekir habe ihn zuvor in einem Instagram-Livestream, der auch auf YouTube veröffentlicht wurde, beleidigt.

Was dann am Alexanderplatz genau geschah, ist bisher unklar.

In den sozialen Netzwerken kursieren Erklärungen, die sich kaum verifizieren lassen. Die Rede ist von einer geforderten Entschuldigung und einer Ohrfeige, die dann zu der Schlägerei mehrerer Umherstehender geführt haben soll. Auch diesen mutmaßlichen Tatverlauf konnte die Polizei nicht bestätigen. Es gebe den Verdacht eines Angriffs, sagte ein Polizeisprecher. Die genauen Hintergründe müssten noch ermittelt werden.

Etwa 50 Menschen attackierten sich mit Faustschlägen, Fußtritten und Pfefferspray. Die Polizei schritt ein. Weil sie bereits im Vorfeld von der Veranstaltung wusste, war sie mit Dutzenden Einsatzkräften vor Ort. Dennoch forderte sie Verstärkung an. Am Ende versuchten etwa hundert Einsatzkräfte, die Auseinandersetzung aufzulösen. "Dabei setzten die Beamten auch Reizgas ein", sagte ein Polizeisprecher.

Zwei Polizisten wurden während des Einsatzes verletzt. Die prügelnden Jugendlichen sollen auch versucht haben, einen Beamten in die Menge zu ziehen. Einer der Beteiligten sei infolgedessen festgenommen worden.

Die Polizei forderte die Menschen per Lautsprecher zum Verlassen des Platzes auf, die Auseinandersetzung löste sich auf, mehrere Kleingruppen verteilten sich. Eine 20-köpfige Gruppe lief auf den Bahnsteig der U-Bahnlinie 8. Dort seien sie in das Gleisbett gesprungen und hätten sich mit Pflastersteinen beworfen, teilte die Polizei mit. Die Beamten nahmen im U-Bahnhof sieben Personen fest.

Neun Personen in Gewahrsam

Insgesamt wurden neun Personen in Gewahrsam genommen, sie sind inzwischen wieder auf freiem Fuß. Gegen 21.30 Uhr war der Einsatz laut Polizei beendet. Sie leitete unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung und schweren Landfriedensbruchs 13 Ermittlungsverfahren ein. Zudem war die Versammlung laut Polizei nicht bei der Stadt angemeldet. Auch das könne für die YouTuber teuer werden.

Der Alexanderplatz zählt zu den sieben Kriminalitätsbrennpunkten in Berlin, an denen die Polizei besonders präsent ist. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) warnte nach der Schlägerei vor riskanten Aktionen, um die eigene Bekanntheit zu steigern.

Der Landeschef der Gewerkschaft, Norbert Cioma, sagte: "Wir sehen in der Rapperszene und zunehmend auch bei anderen Influencern, dass sie teilweise sehr fahrlässig mit ihrem Einfluss umgehen und es scheinbar Mode wird, ganz bewusst Pulverfässer aufzumachen, um mehr Follower, Abonnenten und Klicks zu generieren."

Schlagabtausch für den Ruhm

Tatsächlich ging es den beiden YouTubern schon länger offenbar genau darum. Jedenfalls veröffentlichte "Thatsbekir" auf seinem YouTube-Kanal regelmäßig "Disstracks": Videos, in denen er über andere YouTuber herzieht. Auch mit "Bahar al amood" hatte er sich immer wieder einen digitalen Schlagabtausch geliefert, unter anderem in Livestreams bei Instagram. Dabei warfen sich die beiden gegenseitig vor, sich für Klicks und Bekanntheit zu benutzen. Es ging etwa um eine veröffentlichte Telefonnummer oder persönliche Beleidigungen. Das Ganze wirkte teilweise spielerisch.

Aus dem Spiel um die Aufmerksamkeit ist nun handfester Ernst geworden. In den sozialen Netzwerken werden die beiden von vielen Nutzern für ihr Verhalten kritisiert. Unter anderem wird ihnen vorgeworfen, dass sie schlechte Vorbilder seien. Andere äußern allerdings Verständnis dafür, sich zu wehren, wenn man beleidigt wird.

Nach dem Vorfall am Alexanderplatz meldeten sich auch die beiden Hauptverantwortlichen zu Wort. Ihm tue das mit der Polizei leid, schrieb YouTuber "Bahar al amood". "Wir haben versucht, es mit reden zu klären. Aber er hat nicht mit sich reden lassen." Bekir schrieb, es ginge ihm schlecht. "Ich hoffe, dass ich morgen reden kann. Ich brauche eine Pause."

sen/sop/dpa/AFP

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