Urteil gegen Berliner Missbrauchstäter Der fürchterliche Kinderbetreuer

Er bot sich im Netz als Babysitter an: In Berlin ist ein 28-Jähriger wegen Dutzender Missbrauchstaten verurteilt worden. Was bleibt, ist eine Sorge der Eltern: Der Mann hat Aufnahmen gemacht – wo sind die gelandet?
Von Wiebke Ramm
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Das Aufatmen der Eltern ist deutlich zu vernehmen. »Sicherungsverwahrung.« Auf dieses Wort des Vorsitzenden Richters haben sie am Donnerstag im Saal 700 des Landgerichts Berlin gehofft. Von Erleichterung kann dennoch nicht die Rede sein, zu groß ist das Ausmaß des angerichteten Leids.

Die 9. Große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Marc Spitzkatz verurteilt Sönke G. unter anderem wegen besonders schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern und wegen Herstellung kinderpornografischer Schriften zu einer Freiheitsstrafe von insgesamt zwölf Jahren und verhängt anschließende Sicherungsverwahrung. Damit bleibt G. auch nach Verbüßung der Haftzeit eingesperrt.

Der 28 Jahre alte Mann hat nach Überzeugung des Gerichts das Vertrauen von 26 Jungen zur eigenen sexuellen Befriedigung ausgenutzt, darunter Babys und Kinder mit schwerer geistiger Behinderung. Das jüngste Kind war sieben Monate alt, das älteste acht Jahre. Es geht um insgesamt 95 Missbrauchstaten, begangen zwischen dem 26. Januar 2015 und dem 14. März 2020.

Sönke G. ist in die Körper einiger Kinder eingedrungen. Es gibt Kinder, denen er dabei den Mund zugehalten hat. In sieben Fällen ist er auch wegen schwerer körperlicher Misshandlung verurteilt worden. Der Richter erwähnt die körperlichen Schmerzen der Kinder. Welche psychischen Qualen Sönke G. ihnen und ihren Familien angetan hat, lässt sich kaum erahnen. »In den weitaus meisten Fällen«, so der Richter, hat Sönke G. seine Taten gefilmt.

Er wurde als ehrenamtlicher Helfer vermittelt

Aufgrund des Alters der Geschädigten hat die Kammer als Jugendkammer verhandelt. Zum Schutz der Opfer war die Öffentlichkeit während der gesamten Verhandlung ausgeschlossen. Nur die Urteilsverkündung an diesem Tag ist öffentlich. So bleiben Hintergründe und Details der Taten, das Vorgehen und die Persönlichkeit des Angeklagten weitgehend im Dunkeln.

Richter Spitzkatz nennt wenig Details. Die Stichworte, die er nennt, deuten die Perfidie der Taten und des Handelns des Angeklagten nur an. Sönke G. hat sich im Internet als Babysitter angeboten und wurde zudem von einer gemeinnützigen GmbH als ehrenamtlicher Helfer in Familien vermittelt. Er machte mit den Kindern Ausflüge, ging mit ihnen in den Tierpark. Er missbrauchte Kinder in ihrem Zuhause und auf öffentlichen Toiletten.

Sönke G. hat vor Gericht ein »glaubhaftes und umfassendes Geständnis« abgelegt »und alle Taten eingeräumt«, sagt Richter Spitzkatz. »Auch wenn er sich im Einzelnen nicht mehr genau erinnern konnte.« Er habe den Eltern damit eine Aussage vor Gericht erspart. Auch seine Zugangsdaten und Passwörter habe der Angeklagte verraten.

Lange gelang es ihm, sein Treiben im Verborgenen zu halten. »Die Eltern schöpften keinen Verdacht.« Erst ein Krankenhausaufenthalt des Angeklagten habe dazu geführt, dass er gestoppt wurde. Eine Familie habe auf seinem Handy und seinem Computer Missbrauchsaufnahmen entdeckt und ihn angezeigt.

Am 4. August 2021 wurde er festgenommen. Die Ermittler stellten Datenträger sicher und entdeckten strafbares Material in einem solchen Umfang, dass sie eine eigene Ermittlungsgruppe zur Bearbeitung des Falls bildeten. Das Gericht lobt die Arbeit der Ermittlerinnen und Ermittler ausdrücklich. »Alle abgebildeten Kinder konnten in kurzer Zeit identifiziert werden«, betont Richter Spitzkatz.

Hinweise auf Mittäter

In drei Fällen soll Sönke G. sich zusammen mit einem anderen Mann an Kindern vergangen haben. Zweimal soll dieser Mann namens Marcus R. zugeschaltet gewesen sein, einmal war er offenbar persönlich vor Ort. Nach Hinweisen von Sönke G. hat die Staatsanwaltschaft Köln ein Ermittlungsverfahren gegen R. eingeleitet.

Sönke G. leide unter einer ausgeprägten pädophilen Störung und sei von Marcus R. zum Teil zu seinen Taten angestachelt worden, so die Kammer. Der Richter spricht von einem Windel-Fetisch des Angeklagten, »der Mitauslöser für die Taten gewesen sein mag«. Sönke G. ist nicht einschlägig vorbestraft. Doch die Vielzahl der Geschädigten, die Vielzahl der Taten und der lange Tatzeitraum sprechen laut dem Richter für »eine hohe kriminelle Energie«.

Sönke G. habe einen »starken Aufwand« betrieben und viel Eigeninitiative gezeigt, um immer wieder Zugang zu weiteren Kindern zu bekommen. Die Kinder wurden ihm anvertraut, er sollte dafür sorgen, dass es ihnen gutgeht, dass sie sicher sind. Stattdessen hat er ihr Zuhause zum Tatort für seine sexuellen Übergriffe gemacht.

»Es ist ein Ausnahmefall, dass ein nicht einschlägig Vorbestrafter in Sicherungsverwahrung geht«, sagt der Vorsitzende Richter. Doch bei Sönke G. bestehe laut psychiatrischer Gutachterin ein Hang zu weiteren Taten. Seine ausgeprägte pädosexuelle Störung – »seit Jahren erkannt, aber noch nicht behandelt« – führe zu einer Wiederholungsgefahr. Der Angeklagte selbst betrachte sich als heterosexuell.

Ganz zum Schluss richtet der Richter das Wort direkt an Sönke G. »Sie sind ein relativ junger Mann und auch nicht auf den Kopf gefallen«, sagt er: »Es muss und es kann Ihnen geholfen werden.« Er appelliert an ihn: »Nutzen Sie die Zeit, um eine Therapie zu machen.«

Anwalt Roman von Alvensleben vertritt die Eltern zweier Brüder, die zur Tatzeit sieben Monate und zwei Jahre alt waren. Außerhalb des Saals spricht der Anwalt von einer Frage, die die Eltern umtreibe: »Wo sind die Bilder unserer Kinder?« Was ist mit den Aufnahmen geschehen? Nicht in allen Fällen sei bekannt, wohin das Bildmaterial versandt, wo es im Internet womöglich hochgeladen worden sei. »Die Angst der Eltern ist, dass die Bilder ihrer Kinder im Netz sind.«