Berliner U-Bahn-Überfall Mut zur Erinnerungslücke

Torben P. hat einen Menschen fast tot getreten. Vor dem Landgericht Berlin erinnert er sich an viele Details vor und nach der Tat. Nur wenn es um den brutalen Angriff auf sein wehrloses Opfer geht, überkommt den Schüler eine seltsame Amnesie.
Angeklagter Torben P., Verteidiger: "Ich war schockiert und entsetzt über mich selbst"

Angeklagter Torben P., Verteidiger: "Ich war schockiert und entsetzt über mich selbst"

Foto: dapd

Berlin - Artig sitzen sie da. Torben P. im hellblauen Hemd, die Ärmel hochgekrempelt, Seitenscheitel, ein schlaksiger Hüne von 1,99 Meter, flankiert von seinen Anwälten. Neben ihnen kauert Nico A. in einem zu großen, schwarzen Anzug, darunter ein weißes Hemd, ein schmächtiger Junge mit dunklen Haaren.

Man muss schon genau hinsehen, um in diesen beiden 18-Jährigen jene jungen Männer zu erkennen, die am 23. April dieses Jahres auf dem U-Bahnsteig der U6 an der Berliner Friedrichstraße einen Mann fast zu Tode prügelten. Eine Überwachungskamera hat sie dabei gefilmt. Torben P. attackierte den 29-Jährigen, schlug ihm eine Flasche ins Gesicht. Mit dem Kopf knallte dieser auf den Steinboden. Viermal trat Torben P. auf den Wehrlosen ein, auch als dieser bereits bewusstlos war.

Der Schüler ist nun wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung angeklagt, Nico A. wegen unterlassener Hilfeleistung. Ein 21-Jähriger aus Bayern hatte verhindert, dass Torben P. weiter auf den Mann eintrat. Er nahm ihn in den Schwitzkasten, bis Nico A. ihm auf den Rücken schlug und er selbst zu Boden ging.

Artig entschuldigen sich die Angeklagten vor Gericht. "Ich bin sehr froh, dass nichts Schlimmeres passiert ist, es tut mir sehr leid", sagt Nico A. und betont, sie hätten an jenem Abend so viel Alkohol getrunken "wie noch nie zuvor". Torben P. sagt, er wolle die Tat weder rechtfertigen noch entschuldigen, weil das gar nicht möglich sei. "Ich kann sie auch nicht erklären, weil ich sie mir selbst nicht erklären kann", liest er ab und erklärt sich dann trotzdem.

Eine Flasche Wodka und zwei Bier als Wegzehrung

Dass die Tat das Leben seiner ganzen Familie verändert habe, dass sie nun auf Anraten der Polizei aus Heiligensee wegziehen würden, weil er und seine Eltern bedroht würden. Dass er seine Kindheit als normal bezeichnen würde, die Verhältnisse "bürgerlich normal", aber nur äußerlich. In Wahrheit sei seine Kindheit "auch ungewöhnlich" gewesen. Die Eltern leiden beide an Diabetes, die Mutter zusätzlich an kaputten Bandscheiben, der Vater an Parkinson. "Seit ich mich erinnern kann, sind meine Eltern Frührentner."

Als Kind nahm Torben P. so erfolgreich an Kanurennen teil, dass er auf ein Sportinternat in Köpenick wechseln durfte. Er war der Jüngste und kam, so schilderte er es vor Gericht, dort nicht zurecht. Die Eltern ignorierten seinen Wunsch, das Internat zu verlassen, bis er anfing, sich zu ritzen. Weihnachten 2006 zog er wieder nach Heiligensee zu seinen Eltern und der fünf Jahre älteren Schwester.

Am Tattag angelte er dort mit seinem Freund Nico am hauseigenen Steg. Sie tranken zwei Bier, die Stimmung war gut. Sie fuhren nach Kreuzberg, wo eine Klassenkameradin ihren 18. feierte. Am Bahnhof Friedrichstraße, wo sie umsteigen mussten, kauften sie eine Flasche Wodka, Cola und zwei Flaschen Bier für den restlichen Weg zur Feier.

Die Party startete lahm, aus Langeweile, so sagt Torben P., tranken sie die Flasche Wodka fast alleine, außerdem zwei große Weinbrand-Cola und zwei kleine Bier. Sie tanzten zu Elektromusik, Nico versuchte sich im Breakdance. Und wieder: "Die Stimmung war gut."

"Für uns war der Abend zu Ende"

Um 2.30 Uhr verließen sie das Fest, schnappten sich eine volle Flasche Wodka, kauften unterwegs noch eine Cola. "Wir wollten noch nicht nach Hause, sondern in die Stadt, noch was erleben."

Auf dem Weg zur Friedrichstraße quatschten sie Fremde an. Holländische Touristen nahmen es mit Humor, andere nicht. "Einige von ihnen haben wir angemacht und beschimpft." Unter den Linden kommt es zu einem "kurzen, aggressiven Wortwechsel" mit einer Gruppe junger Männer. An der Friedrichstraße hockten sie sich auf ein Geländer, drehten sich jeder eine Zigarette und rauchten. "Für uns war der Abend zu Ende", sagt Torben P. vor Gericht. Genug erlebt.

Was anschließend passierte, hat der 18-Jährige vergessen. Er könne sich nur lückenhaft erinnern, behauptet Torben P. Er wisse nicht, ob sich seine Erinnerung auf das Erlebte oder eigentlich auf das Video stütze, das er so oft gesehen habe. Er könne zwischen eigener Erinnerung und Aufzeichnung nicht mehr unterscheiden.

Er sehe im Film, wie er ins Gleisbett springt, mit Schotter um sich wirft, Leute bepöbelt - aber erinnern kann er sich nicht. Er sieht, wie er eine Frau anspricht - aber erinnern kann er sich nicht.

"Rollen von Angreifer und Opfer vertauscht"

Er glaubt, sich daran zu erinnern, wie Nico A. das spätere Opfer ansprach. Markus P. saß mit geschlossenen Augen auf einer der Vier-Sitzplatz-Bänke, nach vorne gebeugt, einen Pullover um die Hüfte gebunden. "Ich glaube, Nico fragte ihn, ob alles in Ordnung sei." Erinnern aber kann er sich nicht.

Erinnern kann sich Torben P. am Dienstag vor Gericht nur an eins: an die panische Angst, die er empfand. An das Gefühl, sich verteidigen zu müssen, und daran, wie schwer sich sein Körper anfühlte, als er sich wehrte und um sich schlug. Und an den Schmerz, als Georg B. aus Bayern ihn packte und in den Schwitzkasten nahm. Torben rief Nico zu: "Gib ihm Bomben!"

Nico A. parierte, trat dem kräftigen Georg B. in den Rücken. "Der Griff wurde lockerer, ich konnte mich losreißen", erinnert sich Torben P. Dann rannten die beiden Schüler davon. "Ich wollte nicht vor der Polizei weglaufen. Ich hatte viel mehr Angst, von den Leuten auf dem Bahnsteig fertig gemacht zu werden. Wir liefen um unser Leben. In meiner Wahrnehmung waren die Rollen von Angreifer und Opfer vertauscht."

Erst auf der Flucht durch das Regierungsviertel und an der Spree entlang habe er von Nico erfahren, dass er sein Opfer gegen den Kopf getreten habe. Auf der Busfahrt nach Hause habe er realisiert, dass er etwas "sehr Schlimmes" getan habe. Er traf eine Freundin, vertraute sich dieser an.

Um 9.30 Uhr kam Torben P. nach Hause, der Vater stand am See. "Papa, setz dich, wir müssen reden", habe er gesagt. Der Vater riet ihm, zur Polizei zu gehen. Trotzdem schlief der 18-Jährige erst einmal, traf sich dann mit Nico A. bei Freunden. Gemeinsam entdeckten sie das Video der Überwachungskamera auf der Internetseite der Polizei. Erst dann stellte sich Torben P.

"An den Moment, von dem wir alles wissen wollen, erinnern Sie sich nicht"

Artig sagt er jetzt vor Gericht, was ihm seine Verteidiger geraten haben dürften. "Ich war schockiert und entsetzt über mich selbst", sagt Torben P. "Meine Tat ist eine Schweinerei und auch nicht mit Alkohol zu entschuldigen." Er könne verstehen, dass die Öffentlichkeit über ihn erschrocken sei. "Ich schäme mich dafür." Umso dankbarer sei er denjenigen, die sich nicht von ihm abgewendet hätten - allen voran seinen Eltern.

Er könne verstehen, dass Markus P., das Opfer, seinen Entschuldigungsbrief nicht annehmen wolle. "Worte sind billig." Er könne nur die Verantwortung übernehmen für die Tat und hoffen, dass dies helfe, den Überfall zu verarbeiten.

Torben P. betont auch, er sei noch nie so betrunken gewesen, nie zuvor habe er einen Filmriss gehabt. Wodka trinke er nie, vielmehr Weinbrand mit Cola. Warum ausgerechnet dann an jenem Abend, will der Vorsitzende Richter Uwe Nötzel wissen. Aber auch daran kann sich Torben P. nicht mehr erinnern.

Weder die Kammer noch die Staatsanwaltschaft hielt am Dienstag mit ihren Zweifeln hinterm Berg, dass Torben P. so ein detailreiches Erinnerungsvermögen hat - "aber ausgerechnet an den Moment, von dem wir alles wissen wollen, erinnern Sie sich nicht", sagte Richter Nötzel.

"Ich finde die Aufnahmen schrecklich, unangenehm, peinlich, und ich schäme mich, aber selbst habe ich keine Erinnerungen daran", konterte Torben P. lapidar und zog zudem seine Aussage aus der Vernehmung zurück, er sei zur Tatzeit in aggressiver Stimmung gewesen.

Torben P. spricht langsam, mit Berliner Akzent. Oft klingt er hochgestochen. Das afrikanische Buffet auf der Party seiner Schulfreundin beispielsweise habe ihm "sehr gemundet". Auf die Frage, ob er bereits vor seinem 18. Geburtstag Hochprozentiges getrunken habe, antwortete er: "Das ist so eine Sache, man will ja auch nicht als Minderjähriger von der Polizei nach Hause gefahren werden."

Es klingt so, als habe Torben P. immer artig sein wollen.