Berufungsprozess Anklage will Amanda Knox weiter hinter Gittern sehen

Sie soll im Gefängnis bleiben, fordert die Staatsanwaltschaft: Seit fast einem Jahr versucht Amanda Knox, mit ihrem Ex-Freund 2009 für den Mord an einer Studentin verurteilt, ihre Unschuld zu beweisen. Nun geht der Berufungsprozess seinem Ende zu.

AFP

Rom - Der Berufungsprozess der 2009 wegen des brutalen Mordes an einer britischen Austauschstudentin verurteilten Amerikanerin Amanda Knox steht vor dem Abschluss. Am Freitag begannen die Plädoyers: Erst war an diesem Freitag die Anklage dran, am Montag und Dienstag soll die Verteidigung folgen. Das Urteil wird spätestens am 2. Oktober erwartet, wie italienische Medien berichteten.

Die Staatsanwälte drangen vor dem Berufungsgericht darauf, das Urteil aufrecht zu erhalten - trotz der, wie sie es nannten, Medienkampagne für Knox. Es wurde ein siebenstündiger Vortrag: Indizien und Zeugenaussagen würden eindeutig auf Knox als Täterin hinweisen.

Die Vorgeschichte: Die 21-jährige Meredith Kercher war am 2. November 2007 mit durchschnittener Kehle, 40 Messerstichen, vergewaltigt und halbnackt in einer Wohnung in Perugia gefunden worden. Knox - von den Medien "Engel mit den Eisaugen" genannt - und ihr italienischer Ex-Freund Raffaele Sollecito waren vor zwei Jahren zu 26 und 25 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Vor dem Pärchen war zudem der Ivorer Rudy Guede in einem Schnellverfahren zu 16 Jahren Haft verurteilt worden.

"Ich sehe die aufgerissenen Augen noch vor mir"

Die Einsprüche der Verteidigung, die sich in den vergangenen Monaten bemüht hatte, mit einem unabhängigen Gutachten die Hauptbeweise zu entkräften, lehnten die Staatsanwälte schon während der Verhandlungen als nicht stichhaltig ab. In dem Gutachten ging es vorwiegend um die Qualität der registrierten DNA-Proben. Beobachter und italienische Medien hielten bis zuletzt einen Freispruch der beiden Studenten für den wahrscheinlichsten Ausgang des Verfahrens.

Die Ankläger versuchten bei der Berufungsverhandlung, die Aufmerksamkeit auf das Leid der Familie des Opfers zu lenken. "Ich sehe die aufgerissenen Augen der toten Meredith noch immer vor mir, sie werden mich mein Leben lang begleiten", schimpfte Staatsanwalt Giuliano Mignini bei der Eröffnung des Plädoyers der Anklage, die übertriebene mediale Aufmerksamkeit für die Angeklagten sei ihm zuwider. Das entspricht den Vorwürfen der Familie der Ermordeten. "Meine Schwester ist völlig vergessen worden", klagte die 21-jährige Stephanie Kercher in einer italienischen Talkshow kurz vor Beginn der letzten Debatten.

Für die Verteidiger stand von Anfang an fest, dass das vermeintlich mörderische Pärchen nur aufgrund von "schlampig erarbeiteten Indizien-Beweisen" verurteilt wurde. Die Staatsanwälte aber sind sich der Schuld der beiden sicher. Sie verteidigten die Arbeit der Spurensicherung.

So sollen Sollecito und Knox in der Nacht zum 2. November 2007 Kercher nur aus Langeweile brutal gequält, vergewaltigt und ermordet haben. Der Prozess habe "ein einheitliches und vollständiges Bild (von der Tat) ergeben, ohne Lücken und Ungereimtheiten", argumentierte das Gericht 2009 in seiner 427 Seiten starken Urteilsbegründung.

Von "einheitlich und vollständig" kann für die Verteidiger keine Rede sein. Von ihnen beauftragten unabhängigen Gutachtern zufolge wurden bei der ursprünglichen Probennahme am Tatort internationale Standards der Spurensicherung nicht befolgt. Die auf dem mutmaßlichen Mordmesser festgestellten DNA-Spuren Amandas und der genetische Fingerabdruck Raffaeles an einem Büstenhalter der Getöteten seien verunreinigt, hielten die Rechtsmediziner fest. Man könnte "mehrere genetische Profile" darin erkennen.

Der blutige Pullover des Opfers tauchte 48 Tage nach dem Mord in einem Wäschekorb wieder auf. "Der hätte gut aufbewahrt werden müssen, anstatt in der schmutzigen Wäsche zu landen", so Walter Patumi, Gerichtsmediziner und Zeuge der Verteidigung. Belastungszeugen wie etwa der zuvor in einem Schnellverfahren zu 16 Jahren wegen Beihilfe in dem Mordfall verurteilte Ivorer Rudy Guede widersprachen sich mehrfach.

Wie geht es aus? Auch nach zehn Monaten Berufungsprozess herrscht keine Klarheit. "Es besteht die Möglichkeit eines Freispruchs", zitierte der britische Autor John Follain einen der Ankläger in der Londoner "Times". Das entspricht dem Tenor italienischer Beobachter. Anfang Oktober soll das Urteil fallen.

otr/dpa/Reuters/AP

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.