Tödliche Hausgeburt BGH bestätigt Gefängnisstrafe für Hebamme

Sie führte trotz befürchteter Komplikationen die Entbindung in einem Hotel durch. Dafür wurde eine Hebamme 2014 zu sechs Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Der Bundesgerichtshof bejaht nun das Urteil.

BGH-Schild
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Eine Hebamme und Ärztin muss wegen einer risikoreichen Hausgeburt, bei der das Kind gestorben ist, ins Gefängnis. Der Bundesgerichtshof (BGH) bestätigte die Verurteilung der 62-Jährigen zu sechs Jahren und neun Monaten Haft wegen Totschlags (Az. 4 StR 428/15).

Damit ist ein Urteil des Landgerichts Dortmund aus dem Oktober 2014 rechtskräftig. Die Frau darf außerdem ihre Berufe nie wieder ausüben. Das kleine Mädchen war 2008 nach 18-stündiger Geburt wegen Sauerstoffmangels gestorben.

Das Landgericht Dortmund und der BGH gingen in diesem Fall davon aus, dass die Ärztin den Tod des Babys billigend in Kauf genommen habe. Deswegen sei nur eine Verurteilung wegen Totschlags infrage gekommen, und nicht wegen fahrlässiger Tötung.

Trotz Stillstands der Geburt nichts unternommen

Die Hebamme, eine bekannte Verfechterin der Hausgeburt, hatte die Entbindung in einem Hotel im westfälischen Unna betreut, obwohl die Lage des Kindes Komplikationen befürchten ließ. Die Eltern waren dafür extra aus dem Ausland angereist, wollten aber ausdrücklich kein Risiko eingehen.

Die BGH-Richter bestätigten die Feststellungen des Landgerichts, wonach die Hebamme trotz Stillstands der Geburt nichts unternahm. Mit einem Kaiserschnitt in einer Klinik hätte der Tod des Kindes laut einem medizinischen Gutachten noch bis vier Stunden vor der Geburt verhindert werden können. Der Hebamme sei dies bewusst gewesen.

Nach dem nun rechtskräftigen Dortmunder Urteil muss die Ärztin zudem Schadensersatz- und Schmerzensgeldzahlungen an die Eltern leisten.

msc/dpa/AFP



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smokyfields 10.06.2016
1. Tragisch
Zu dem Urteil kann und will ich mich nicht äußern. Mein Beileid den Eltern. Kürzlich ging`s in gleicher Zeitung um Raser. Was auffällt ist, dass die Täter in diesen Fällen im Vergleich zu diesem hier eher milde verurteilt wurden, obwohl auch sie den Tod anderer "billigend in Kauf genommen hatten". Oder darf man von Verkehrsteilnehmern nicht auch vorausschauendes Denken und Handeln verlangen?
jupp78 10.06.2016
2.
Zitat von smokyfieldsZu dem Urteil kann und will ich mich nicht äußern. Mein Beileid den Eltern. Kürzlich ging`s in gleicher Zeitung um Raser. Was auffällt ist, dass die Täter in diesen Fällen im Vergleich zu diesem hier eher milde verurteilt wurden, obwohl auch sie den Tod anderer "billigend in Kauf genommen hatten". Oder darf man von Verkehrsteilnehmern nicht auch vorausschauendes Denken und Handeln verlangen?
Steht doch sogar in dem Artikel drin, wo da die Unterschiede liegen. "Doch Raser unterschätzen typischerweise völlig die Gefahren überhöhter Geschwindigkeit und denken nicht ansatzweise an Todesgefahren". Es ist der Grad an Fahrlässigkeit der hier eine Rolle spielt und der war in dem Fall mit der Ärztin hier eben eine ganz andere Hausnummer.
bloßich 10.06.2016
3. ...
Zitat von smokyfieldsZu dem Urteil kann und will ich mich nicht äußern. Mein Beileid den Eltern. Kürzlich ging`s in gleicher Zeitung um Raser. Was auffällt ist, dass die Täter in diesen Fällen im Vergleich zu diesem hier eher milde verurteilt wurden, obwohl auch sie den Tod anderer "billigend in Kauf genommen hatten". Oder darf man von Verkehrsteilnehmern nicht auch vorausschauendes Denken und Handeln verlangen?
In dem Fall des Rasers hat das Urteil eben gerade nicht festgestellt, dass der Täter den Erfolg billigend in Kauf genommen hat. Dort ging es um Fahrlässigkeit. Und macht auch Sinn. Denn auch wenn ich die jeweiligen Ermittlungserbebnisse und Urteil nicht genau kenne, erscheint es mit durchaus plausibel davon auszugehen, dass ein plötzlicher Verkehrsunfall wegen überhöhter Geschwindigkeit einen Fahrlässigkeitsvorwurf rechtfertigt (das Rasen war gefährlich, aber der Täter ist davon ausgegangen, dass es schon gut gehen würde) - andererseits aber ein bedingter Vorsatz anzunehmen ist, wenn man über 18 Stunden den Komplikationen zuschaut ohne Hilfe zu holen.
chucho 10.06.2016
4. Raser
gehen selbst ein hohes Risiko ein. Deswegen kann man bei ihnen nicht per se davon ausgehen, dass sie die Schädigung anderer billigend in Kauf nehmen. Eher dürfte sog. bewusste Fahrlässigkeit vorliegen, bei der der Täter das Risiko zwar sieht, aber hofft, dass es sich nicht realisiert. Bei der Ärztin hier war es wohl anders. Die Grenzen zwischen bewusster Fahrlässigkeit und bedingtem Vorsatz sind fließend.
bloßich 10.06.2016
5. ...
Zitat von smokyfieldsZu dem Urteil kann und will ich mich nicht äußern. Mein Beileid den Eltern. Kürzlich ging`s in gleicher Zeitung um Raser. Was auffällt ist, dass die Täter in diesen Fällen im Vergleich zu diesem hier eher milde verurteilt wurden, obwohl auch sie den Tod anderer "billigend in Kauf genommen hatten". Oder darf man von Verkehrsteilnehmern nicht auch vorausschauendes Denken und Handeln verlangen?
In dem Fall des Rasers hat das Urteil eben gerade nicht festgestellt, dass der Täter den Erfolg billigend in Kauf genommen hat. Dort ging es um Fahrlässigkeit. Und macht auch Sinn. Denn auch wenn ich die jeweiligen Ermittlungserbebnisse und Urteil nicht genau kenne, erscheint es mit durchaus plausibel davon auszugehen, dass ein plötzlicher Verkehrsunfall wegen überhöhter Geschwindigkeit einen Fahrlässigkeitsvorwurf rechtfertigt (das Rasen war gefährlich, aber der Täter ist davon ausgegangen, dass es schon gut gehen würde) - andererseits aber ein bedingter Vorsatz anzunehmen ist, wenn man über 18 Stunden den Komplikationen zuschaut ohne Hilfe zu holen.
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