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04. August 2015, 14:07 Uhr

Kindesmisshandlung

Esoteriker-Paar muss für drei Jahre ins Gefängnis

Ihr schwer krankes Kind hätte Medikamente benötigt, doch die Mutter und ihr Guru-Freund setzten auf Fasten und Meditation. Nur knapp entkam der damals Zwölfjährige dem Tod. Der BGH bestätigte nun ein Urteil gegen das Paar.

Das Paar schwor auf Esoterik und enthielt dem damals zwölfjährigen Sohn, der seit seiner Geburt an einer schweren und unheilbaren Stoffwechselkrankheit leidet, lebenswichtige Medikamente vor. Dafür müssen die Mutter des heute 28-Jährigen und ihr Lebensgefährte jeweils für drei Jahre ins Gefängnis.

Der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe verwarf die Revision der Angeklagten gegen die Verurteilung des Landgerichts Nürnberg-Fürth aus dem Jahr 2014 wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen. Nach Überzeugung des BGH-Strafsenats ließ das Paar den Jungen ab Ende 1999 absichtlich leiden, indem es die dringend notwendige Behandlung seiner Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose abbrach und stattdessen auf alternative Heilmethoden vertraute. "Darin sieht der Senat ein Quälen", sagte der Vorsitzende Richter.

Als der Junge zwölf Jahre alt war, zog die Mutter mit ihren drei Kindern zu ihrem neuen Lebenspartner ins mittelfränkische Lonnerstadt. Der Mann nannte sich "Lehrer der zeitlosen Weisheit", war in dem Ort als Sektenguru bekannt.

Flucht zum leiblichen Vater rettete Kind das Leben

Obwohl bei Mukoviszidose kalorienhaltige Nahrung dringend nötig ist, wurde der Junge zum Verzicht von geeigneter Nahrung aufgefordert. In der Zeit von November 1999 bis Dezember 2002 magerte er ab, war am Ende massiv unterernährt. Ein Arzt wurde in dieser Zeit nicht aufgesucht, die Eltern setzten auf Fasten und Meditation. Der Stiefvater stellte dem Jungen in Aussicht, dass er bis zu seinem 18. Geburtstag geheilt sei.

Zuletzt wog das Kind nur noch knapp 30 Kilogramm - 20 Kilo weniger als für seine Größe normal. Der Junge konnte kaum noch laufen. Hinzu kamen teilweise irreparable Schädigungen des Lungengewebes.

Seine Rettung war, dass er mit 16 Jahren mithilfe seiner Schwester zu seinem leiblichen Vater floh. Ohne weitere Behandlung hätte die Krankheit "bald zum Tode geführt", stellten die Nürnberger Richter damals fest. Bei seinem Vater ging es dem Kind bald besser. Der Junge nahm zu, die Medikamente halfen ihm.

Zehn Jahre nach diesem Martyrium, im November 2012, stellte der Junge dann Strafanzeige gegen seine Mutter und ihren Partner. Er hatte im WDR eine Dokumentation über den Sektenguru gesehen.

Die Beweiswürdigung des Landgerichts, insbesondere auch zum bedingten Vorsatz der Angeklagten, sei nicht zu beanstanden, stellte nun der BGH fest. Damit ist die dreijährige Haftstrafe des Paares rechtskräftig.

kis/dpa/jur

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