BGH-Verhandlung Wie ein Messerstecher einer Strafe wegen Mordversuchs entkam

Der Fall ist heikel: Nach einer beinahe tödlichen Messerattacke auf seinen Schwager wurde Michele P. zu vier Jahren Haft verurteilt - wegen schwerer Körperverletzung, denn er habe von der Tat rechtzeitig abgelassen. Jetzt prüft der BGH das Urteil. Und fragt sich, wann ein Mordversuch strafbar ist.

Von , Karlsruhe


Der 10. Februar 2008 war ein Tag wie jeder andere für Michele P.* Dann kam die Nacht - und sie sollte das Leben seiner Familie für immer verändern.

Der aus Sizilien stammende Mann arbeitete bis in die Abendstunden in einer Pizzeria im Norden von Rheinland-Pfalz. Gegen 20.30 Uhr kam er, so hat es das Landgericht später in seinem Urteil festgehalten, zu seiner Familie nach Hause, zu seiner ebenfalls italienischstämmigen Verlobten und der gemeinsamen 15-jährigen Tochter. "Gut gelaunt" sei er gewesen, sogar kleine Späße habe er gemacht. Dann wurde seine Verlobte ernst - sie eröffnete ihm, sie müsse ihm etwas erzählen.

Altin O.*, der Mann ihrer Schwester, habe sich der Tochter genähert und diese wiederholt sexuell belästigt, sagte die Verlobte. Der Vater reagierte zunächst ruhig, heißt es später im Urteil. Er fragte seine Verlobte nach allen Einzelheiten. Dann entschloss er sich, ihren Schwager zur Rede zu stellen.

O. arbeitete als Kellner im selben Ort, bei den Schwiegereltern, ebenfalls in einer Pizzeria. Er hatte Spätschicht. P. wollte ihn dort nach Feierabend auf dem gut 50 Meter entfernten Parkplatz abpassen. Gegen 22.30 Uhr kam O. aus der Pizzeria, im Gepäck eine Pizza und einen Salat, Essen für zu Hause mit seiner Frau. Als er die Fahrertür seines Wagens öffnete, ging P. auf ihn zu. Er stellte sich daneben und fragte auf Italienisch, warum er so früh dran sei. Es sei nichts los gewesen im Laden, antwortete O., ebenfalls auf Italienisch. Darauf stieß P. unvermittelt hervor: "Was machst du mit meiner Tochter?"

Eine Antwort wartete er der Rekonstruktion des Landgerichts zufolge nicht ab - sondern griff nach einem Klappmesser mit beidseitig geschliffener Klinge, das er bis dahin in seiner Jackentasche verborgen hatte. Er ließ die Klinge geschickt mit einer Hand aufschnappen, holte aus, sprang zusätzlich leicht nach oben, um seinem Angriff mehr Wucht zu verleihen.

Er rief: "Ich bring dich um" - und stieß das Messer zweimal mit schnellen Bewegungen O. gegen Gesicht und Hals.

"Wo willst du hin, Bastard?"

O., in der halb geöffneten Fahrertür, dreht sich um und fragt P. ungläubig: "Was machst du da?" Plötzlich spürt er, dass er nicht nur geschlagen, sondern blutig verwundet wurde, und rennt zurück zum Eingang der Pizzeria.

O. hat am Hals einen 17 Zentimeter langen, gut zwei bis drei Zentimeter tiefen Schnitt durch den Halsmuskel und mehrere Blutgefäße und einen sieben Zentimeter langen Schnitt auf der Wange. Er rettet sich in die Pizzeria, in den Gastraum, bittet die Schwiegermutter, einen Arzt zu rufen - und bricht dann zusammen.

P. läuft seinem Opfer noch einige Schritte hinterher, ruft den Ermittlungen zufolge etwas hinter ihm her wie: "Wo willst du hin, Bastard?" - dreht dann aber um, eilt zu seinem Auto und fährt nach Hause.

Bis zum Eintreffen eines Rettungswagens ist O. fast verblutet. Nur durch eine Notoperation in derselben Nacht überlebt er den Angriff. Er hat bis heute Narben und kann den Hals nur eingeschränkt bewegen.

Nach dem Vorfall spricht sich in der Nacht in der Großfamilie schnell herum, was passiert ist. P.'s Verlobte sieht die blutverschmierten Hände des Messerstechers, ruft bei ihrer Mutter in der Pizzeria an. Diese schreit nur ins Telefon, ihr Schwiegersohn verblute. Gegen zwei Uhr nachts schließlich ruft P. die Schwester seiner Verlobten an und sagt, es tue ihm leid, was geschehen sei. Dann verlässt er den Ort.

Soweit der Ablauf der Nacht, wie das Landgericht Bad Kreuznach die Bluttat später in seinem Urteil geschildert hat. Doch wie sie juristisch zu ahnden ist, darum gibt es jetzt einen Streit, der zu einer ganz grundsätzlichen Frage führt: Wann ist ein Mordversuch doch nicht strafbar?

Mit dem, was nach den beiden Messerstichen passierte, setzt sich an diesem Mittwoch der Bundesgerichtshof in Karlsruhe auseinander. Seine rechtliche Bewertung wird darüber entscheiden, ob P. nur für wenige Jahre oder womöglich sogar lebenslänglich ins Gefängnis muss.

Im Juli 2008 hatte das Landgericht Bad Kreuznach Michele P. wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verurteilt. Er habe O. zwar töten wollen, argumentierte das Landgericht - sei aber mit "strafbefreiender Wirkung" vom Mordversuch "zurückgetreten" und könne deshalb nur wegen gefährlicher Körperverletzung bestraft werden.

*Namen geändert



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qwer 20.05.2009
1. .
Weiß ehrlich gesagt nicht, was ich mit diesem Artikel anfangen soll: Ob hier ein fehlgeschlagener Versuch vorliegt lässt sich sicher nicht mit den paar Sachverhaltsangaben feststellen, da müsste man schon die Akte auf dem Tisch liegen haben und die wird SPON ja wohl (hoffentlich) nicht vorliegen. Im Übrigen ist der Fall ja auch nicht so wahnsinnig spannend: um den Rücktritt vom Versuch wird in dt. Gerichten doch täglich gestritten; für Leute, die mal ´ne Strafrechtsvorlesung besucht haben kalter Kaffee, für alle anderen wahrscheinlich nach diesem Artikel relativ unverständlich. Insbesondere hab´ich auch den Verdacht, dass der Autor dieses Artikels in der Materie nicht ganz so firm ist, ansonsten müsste man doch verlangen, dass der Unterschied zwischen der Frage des Fehlschlagens und dem Problem beendeter/unbeendeter Versuch (hier wohl mindestens ebenso problematisch) deutlicher gemacht wird. Von Gerichtsreportagen des SPIEGEL war ich bisher besseres gewohnt.
aeolos75 20.05.2009
2. Was ist mit der Sexuellen Belästigung
Das einzige was in diesem Fall wohl keine Rolle spielt ist wohl der ich sag mal der angebliche Versuch der Sexuellen Belästigung der Tochter von Michele P. obwohl es in der Verhandlung nur um Mordversuch bzw Körperverletzung geht.
superbiti 20.05.2009
3. Wer ist R.?
In dem Artikel taucht zweimal R. auf. Wer soll das sein?
joseluisrey 20.05.2009
4. "Mordversuch oder gefährliche Körperverletzung"
"Vom Mordversuch zurückgetreten" - wenn man sowas liest, kann man nur den Kopf schütteln. Die juristischen Klimmzüge sind notwendig, weil man das eigentliche Problem nicht gelöst hat. Den Umstand nämlich, daß "gefährliche Körperverletzung" in dieser Gesellschaft viel zu mild bestraft wird. 12 Jahre Haft für das Vorzeigen einer Waffe mit anschließender Bargeldentnahme, bei der vielleicht kein böses Wort fällt (="Bankraub") auf der einen Seite und 4 Jahre Haft für schwerste Verletzungen, die man einem Opfer beigebracht hat und mit lebenslangen Folgen für dieses (="gefährliche Körperverletzung"). Das ist doch eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Bestraft alle Verbrechen gegen den *Menschen* härter als Verbrechen gegen die *Dinge*, die er zeitweise besitzt und es spielt dann letzten Endes keine so große Rolle mehr, ob er 15 Jahre wegen Mordversuchs hinter Gittern wandert oder 13 Jahre wegen dieser grauenhaften Körperverletzung.
JaguarCat 20.05.2009
5. O. ist schon genug gestraft
Zitat von aeolos75Das einzige was in diesem Fall wohl keine Rolle spielt ist wohl der ich sag mal der angebliche Versuch der Sexuellen Belästigung der Tochter von Michele P. obwohl es in der Verhandlung nur um Mordversuch bzw Körperverletzung geht.
Das diesbezügliche Verfahren gegen O. ist sicher eingestellt worden, weil er wegen der Messerattacke gegen ihn und der daraus resultierenden bleibenden Schäden schon mehr als genug gestraft worden ist. Ansonsten gilt im deutschen Strafrecht: Ein Fehlverhalten eines anderen rechtfertigt nicht das eigene Fehlverhalten. Wenige Ausnahmen gelten dort, wo eine konkrete Gefahr abgewehrt wird, siehe "Notwehr" bzw. "Nothilfe". Ich bin aber gespannt auf das Urteil des BGH. Ich vermute Aufhebung und Zurückverweisung und dann in einem Jahr ein Endurteil wegen versuchten Totschlags (nicht versuchten Mordes). Mit einem guten Anwalt wird es der Täter schaffen, sein Verhalten als "Tat im Affekt" darzustellen, nicht als geplanten Mord. Das Messer hat er halt "zufällig" dabei gehabt. Zum Parkplatz fuhr er ja, um O. zur Rede zu stellen, nicht, um ihn auch gleich zu töten. Gegen geplanten Mord spricht auch, dass der Täter die Tat an einem Ort verübte, wo es fast zwangsläufig Zeugen geben musste und er dennoch offensichtlich keinen Fluchtplan hatte. Die Strafe dürfte dann bei ca. 7 bis 8 Jahren Freiheitsentzug liegen. Jag
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