Mutmaßlicher Sexualverbrecher Staatsanwältin beantragte zwei Jahre keinen Haftbefehl

Ein Mann aus Bielefeld soll über Jahrzehnte Kinder schwer missbraucht haben. Trotz der heftigen Vorwürfe bleibt er während der Ermittlungen in Freiheit. Das verstehen selbst die Richter nicht.

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Die Anklage der Staatsanwaltschaft Bielefeld gegen Sven K. dokumentiert Grausamkeiten in Serie. Der 45-Jährige soll über zwei Jahrzehnte hinweg Mädchen und Jungen schwer missbraucht haben. Manche von ihnen waren noch Babys. Insgesamt geht es um 101 Fälle. K. soll auch zahlreiche Kinderpornos erworben, gedreht und verbreitet haben.

Die zuständige Staatsanwältin geht davon aus, dass die beweisbaren Taten nur einen Bruchteil des wahren Ausmaßes zeigen. Sie unterstellt dem Angeklagten hohe kriminelle Energie. Umso unverständlicher erscheint es da, dass sie nie einen Haftbefehl beantragte. Ende Januar 2014 begannen die Ermittlungen gegen K., zwei Jahre lang blieb er weiter in Freiheit.

Richter sehen Wiederholungsgefahr

Als das Landgericht Bielefeld zu Jahresbeginn die Anklage bekam, reagierte es sofort. Die 3. Große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Carsten Nabel ordnete am 28. Januar sofort Haft an, wie ein Sprecher des Gerichts SPIEGEL ONLINE bestätigte. Der Grund: Wiederholungsgefahr. Inzwischen sitzt Sven K. im Gefängnis.

Das Verhalten der Staatsanwaltschaft wollte der Gerichtssprecher nicht kommentieren. Die schnelle Reaktion der Strafkammer "spricht doch für sich". Man könne "nicht ausschließen", dass K. während der Ermittlungen weitere Kinder missbraucht habe.

Auch ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Bielefeld konnte das Verhalten der zuständigen Kollegin nicht erklären. Sie befinde sich im Urlaub und sei nicht zu erreichen, sagte der Sprecher. Der Grund für "die Nichtbeantragung eines Haftbefehls" müsse nach ihrer Rückkehr "intern geklärt" werden. Die Kollegin sei erfahren und habe in der Vergangenheit in vielen vergleichbaren Fällen Haftbefehle beantragt.

Der Prozess soll am 19. Mai beginnen. Nach Angaben des Gerichtssprechers könnte Sven K. bis zu 15 Jahre ins Gefängnis kommen. Im Eröffnungsbeschluss der Kammer heißt es sogar, für Sven K. sei Sicherungsverwahrung zu prüfen. Das heißt, er käme bei einem Urteil möglicherweise auch nach einer verbüßten Gefängnisstrafe nicht frei - wenn er auch dann noch als Gefahr für Kinder angesehen würde.

"Die Hauptverhandlung wird zeigen, wie begründet die Vorwürfe gegen meinen Mandanten sind", sagte der Bielefelder Strafverteidiger Carsten Ernst, der K. vertritt. Die Verteidigung hat vor dem Oberlandesgericht Hamm Haftbeschwerde eingereicht - es sei unverständlich, warum nach zwei Jahren auf einmal Haftgründe vorliegen sollten.



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