Fotoserie zum NSU "Ich zeige die Tatorte in ihrer Unschuld"

Die Fotografin Regina Schmeken besuchte alle Tatorte der NSU-Morde und dokumentierte sie. Hier erzählt sie von ihren Begegnungen auf ihrer Reise in die "bundesdeutsche Tristesse".

Regina Schmeken

Ein Interview von


Zur Person
    Regina Schmeken (1955) setzt sich in ihren Fotoserien in Schwarz-Weiß oft mit der deutschen Identität auseinander. Zu ihren Arbeiten gehören etwa "Geschlossene Gesellschaft" über die Nachwendejahre oder "Unter Spielern" über die deutsche Fußballnationalmannschaft. Außerdem arbeitet sie seit 1986 als Fotojournalistin für die "Süddeutsche Zeitung".

SPIEGEL ONLINE: Frau Schmeken, Sie haben oft historische Orte fotografiert, die für Gewalt stehen. Ihr aktuelles Projekt ist eine Serie über die NSU-Tatorte. Was war nun anders?

Schmeken: Wenn man die Bunker des Atlantikwalls oder im Konzentrationslager Auschwitz fotografiert, zeigt das Geschichte, die relativ lange her ist. Die NSU-Tatorte gehören dagegen zur allerjüngsten Geschichte unseres Landes. Als ich im Frühjahr 2013 für eine Reportage die Tatorte besuchte, konnte ich es kaum glauben, dass solche Morde in Deutschland so lange unentdeckt bleiben konnten. Dazu kam der Umgang mit dem Thema: Schon allein, dass von "Dönermorden" die Rede war, die SoKo "Halbmond" hieß. Es war, als hätte mich etwas angestoßen: Ich musste dem weiter nachgehen.

SPIEGEL ONLINE: Was genau an den Tatorten stieß Sie denn an?

Schmeken: Vor allem, dass es völlig unscheinbare Orte sind, bundesdeutsche Tristesse. Man erkennt nichts Auffälliges an dem Tatort, an dem Enver Simsek ermordet wurde: ein Waldstück an der Liegnitzer Straße, die aus Nürnberg rausführt. Das Gleiche gilt für den Rest: Das ist eben letztlich nur irgendein Eckladen in Nürnberg oder ein Kiosk in einer desolaten Straße in Dortmund, dessen Rollläden geschlossen sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich genähert - hatten Sie Polizeiakten, Tatortfotos?

Schmeken: Die polizeilichen Ermittlungen ließ ich außen vor, Tatortfotos schaute ich mir nicht an. Für mich spielte keine Rolle, ob es nun dort oder fünf Meter daneben war, in meiner Arbeit geht es nicht um klassische Tatortfotografie. In Rostock habe ich von weiter weg über die Wiese auf den Tatort geschaut, damit man das Umfeld versteht, in Hamburg lichtete ich sogar den Kachelboden ab, auf dem ein Opfer lag. Ich wollte nicht einfach nur dokumentieren, sondern die Dimension dieser Taten bewusst machen. Dabei habe ich mich intuitiv diesen Orten genähert und mit bildnerischen Mitteln Antworten auf Fragen gesucht, die sich stellen, wenn man sich mit diesem Thema beschäftigt.

SPIEGEL ONLINE: Und zwar?

Schmeken: Nehmen Sie den Tatort in Rostock, wo Mehmet Turgut ermordet wurde. Eine trostlose Gegend, die ich zwei Mal besuchte. Dennoch blieb der Gedanke: Zufällig wäre ich hier nie vorbeigekommen. Der Ort ist so abgelegen, wirkt willkürlich ausgewählt, dass man sich fragen muss: Wieso ausgerechnet dieser Mann - und zwar an dieser Stelle?

SPIEGEL ONLINE: Was zeigen diese Straßenszenen denn, was nicht zu sehen ist?

Schmeken: Ich habe Leerstellen fotografiert, die diese scheinbare Willkür zeigen und idealerweise die Betrachter dazu bringen, sich die gleichen Fragen zu stellen wie ich. Denn meine Bilder zeigen die Orte in ihrer Unschuld. Für die, die nichts darüber wissen, sind sie ja erstmal keine Tatorte. Sie illustrieren, dass so ein Verbrechen jederzeit und überall in Deutschland möglich ist. Und ohne Pathos bemühen zu wollen: Damit ist es auch eine Arbeit gegen das Vergessen.

SPIEGEL ONLINE: Wir als Bevölkerung brauchen also diese Tatortbilder als Teil unseres visuellen Gedächtnisses?

Schmeken: Unser Land hat eine Vergangenheit, an der die ganze Welt immer noch leidet. Die Nationalsozialisten haben mit ihren Kriegen, ihrem Rassismus, ihrer Vernichtungsmaschinerie unglaubliches Leid über die europäischen Nachbarn, die jüdische Bevölkerung und Deutschland gebracht. Und die Täter, die nun in den Nullerjahren all diese Menschen perfide, brutal und zynisch ermordet haben, kopierten eben jenes Denken. Daher auch der gewagte Titel des Buchs "Blutiger Boden" - er spielt an auf die Blut-und-Boden-Ideologie der Nationalsozialisten.

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SPIEGEL ONLINE: Bei dem Titel schwingen auch Eindrücke mit, mit denen Ihre Schwarz-Weiß-Bilder spielen: Wasser, Schatten, Unebenheiten im Asphalt sehen aus wie Blutspuren.

Schmeken: Das war nicht meine Intention. Ich fotografiere immer Schwarz-Weiß. Das ist meine Bildsprache. Die Pfütze an der Liegnitzer Straße, die auch auf dem Buchcover ist, war übrigens jedes Mal da, als ich dort vorbeischaute. Ich finde Reflektionen einfach immer schon interessant, etwa beim Tatort in Kassel, wo sich in den schwarzen Scheiben die Bäume des gegenüberliegenden Friedhofs spiegeln. Der Rest ist reiner Zufall und liegt an der Fantasie der Betrachter.

SPIEGEL ONLINE: Dazu kommt, dass Sie in vielen Bildern eine Bodensicht zeigen, sich auf Straßenlevel begeben haben - als wären es die letzten Blickwinkel der Opfer.

Schmeken: Stimmt, ich habe die Perspektive immer mehr nach unten verlagert. Dabei habe ich oft gar nicht mehr durch den Sucher geschaut, viele Aufnahmen sind nach dem Gefühl entstanden. Ich wollte die Bodennähe fühlbar machen. Denn genau so wurden die Opfer aufgefunden: Man hat sie hingerichtet, sie sind gefallen - und lagen in ihrem Blut. Mir ging es um ihre letzten Momente.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie vor Ort auch mit Anwohnern ins Gespräch gekommen?

Schmeken: In Dortmund habe ich mit einem kleinem Jungen gesprochen, der auch auf einem der Bilder mit dem geschlossenen Kiosk von Mehmet Kubasik zu sehen ist. Er beobachtete mich, also fragte ich ihn, ob er wisse, was dort passiert sei. Er sagte: Ja, hat man mir erzählt. Besonders anrührend war eine Begegnung bei meinem zweiten Besuch in der Liegnitzer Straße: Da stand auf einmal ein kleiner Lieferwagen, ein Blumenverkäufer. Der Mann kannte Enver Simsek, wusste über alles Bescheid. Er zeigte mir einen Din-A4-Bogen mit den Bildern der Opfer, den er aus seinem Auto holte. Er schien ihn dort griffbereit aufzubewahren und war auch nach so vielen Jahren immer noch bestürzt über diese Vorfälle und fragte: Wie konnte das alles nur passieren?

SPIEGEL ONLINE: Was sagen die Angehörigen der Opfer zu Ihrer Arbeit?

Schmeken: Bisher gibt es noch keine Reaktion. Es ist mir sehr wichtig, dass die Angehörigen damit umgehen können. Denn eine bildnerische Arbeit über dieses Thema ist nicht ohne Risiko. Ich konnte nicht wissen, ob ich seiner Komplexität und dem Leid der Familien der Ermordeten auf diese Weise gerecht werde.

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