Prozess wegen sexueller Nötigung Die Frau, die Bill Cosby stürzte

Es war ein dramatischer Moment im Prozess gegen Bill Cosby: Das mutmaßliche Opfer des Entertainers, Andrea Constand, sagte überraschend aus - ein klarer und selbstbewusster Auftritt.

Aus Norristown, Pennsylvania, berichtet


Richter Steven O'Neill hasst Überraschungen. "Ich wurde nicht informiert, dass diese Zeugin jetzt aufgerufen werden soll", empört er sich vor dem vollbesetzten Verhandlungssaal. "Das wusste ich nicht." Immerhin, ergänzt er dann halb indigniert, halb stolz, sei dies "einer der größten Prozesse aller Zeiten".

Das mag übertrieben sein. Dennoch: Dieses Verfahren sorgt derzeit für Furore. Seit Montag steht TV-Ikone Bill Cosby, 79, wegen sexueller Nötigung vor Gericht. Und wer da nun bereits am zweiten Tag aussagen soll - sehr zum Ärger O'Neills und viel früher als erwartet - ist die Frau im Mittelpunkt dieses Falls: Andrea Constand - Cosbys mutmaßliches Opfer.

Die Zeugin der Anklage. Die einzige von 60 Frauen, deren Vorwürfe noch nicht verjährt waren, als sie sich zur Polizei wagte, und die Cosby tatsächlich noch eine lange Haftstrafe bescheren könnte. Die Frau, die Amerikas moralisches Gewissen jetzt schon gestürzt hat. Egal, wie das hier alles ausgeht.

Eigentlich sollte sie erst später auftreten, als Höhepunkt des Prozesses. Denn ihre Aussage ist entscheidend für das Schicksal Cosbys und der anderen Frauen in diesem Skandal um Starkult, Sex und Macht.

Kein Wunder, dass die Verteidigung sie vorab attackiert hat: Sie sei eine Lügnerin, Goldgräberin, eine rachsüchtige Ex-Geliebte. Jetzt ergreift Constand erstmals selbst das Wort.

Fotostrecke

15  Bilder
Prozess in Pennsylvania: Bill Cosby vor Gericht

Ein Raunen geht durch Saal A des Bezirksgerichts, als sie ohne Vorwarnung in den Zeugenstand gerufen wird. Selbstsicher schreitet die 44-jährige Kanadierin nach vorne, in hellem Blazer, weißen Sneakers und schwarzen Socken. Um den Hals trägt sie ein Amulett in Form eines Äskulapstabs, des Ärztesymbols. Sie lächelt in die Runde. Sie wirkt fröhlich, fast unbeschwert.

"Ich vertraute ihm"

Die Anklage hat Constands zentrale Aussage penibel choreografiert. Nichts darf schiefgehen. Vizebezirksstaatsanwältin Kristen Feden wärmt sie erst mal auf, beginnt mit Bagatellen, die aber über zwei Stunden Befragung langsam eskalieren, wie ein Krimi, der von Kapitel zu Kapitel an Spannung gewinnt, und die in die jene Nacht münden, die alles verändern würde - für Constand, für Cosby.

2004 war das. Constand arbeitete an der Temple University in Philadelphia als Managerin für das Frauenbasketballteam. Sie hatte selbst mal Basketball gespielt, doch für eine große Karriere war sie nicht gut genug gewesen.

Cosby war der berühmteste Absolvent der Uni und ihr spendabelster Mäzen. Sie habe ihn beim Arbeiten kennengelernt, berichtet Constand. Daraus sei mit der Zeit Freundschaft geworden. Sie war 30, er 66. "Ich sah darin wirklich kein Problem." Cosby habe sie häufiger in seine Villa bei Philadelphia zum Dinner eingeladen, meist um sie in beruflichen Fragen zu beraten. Er sei ein Mentor gewesen, eine Vaterfigur. "Ich vertraute ihm."

"Irgendwann schreckte ich auf"

Obwohl die Verteidigung sie immer wieder mit Einsprüchen aus dem Konzept zu bringen versucht, präsentiert sich Constand unerschrocken, unerschütterlich, als unabhängige Frau. Erst als die Sprache auf jene Nacht im Januar 2004 kommt, schluckt sie, hält sich an ihren Knien fest und dreht sich zu den Geschworenen, die ihr direkt gegenübersitzen.

Bill Cosby (Mitte)
AFP

Bill Cosby (Mitte)

Cosby habe ihr Wein gegeben und drei angebliche Kräuterpillen, um sie zu "beruhigen". Kurz darauf habe sie gelallt und doppelt gesehen. "Ich geriet etwas in Panik." Ihre Beine hätten sich "wie Gummi" angefühlt. Cosby habe sie auf eine Couch gebracht, wo sie das Bewusstsein verloren habe.

"Irgendwann schreckte ich auf, und ich spürte, wie Mr Cosbys Hand meine Brüste unter meiner Bluse begrapschte. Außerdem fühle ich seine Hand in meiner Vagina, sie bewegte sich rein und raus. Und ich merkte, wie er meine Hand nahm und sie an seinen Penis legte und sie hin- und herbewegte."

Cosby, der am anderen Ende eines Tisches neben seinen teuren Anwälten zuhört, dreht grimmig den Kopf zur Seite und versteckt das Gesicht in der Hand.

Es soll früher schon Annäherungsversuche gegeben haben

Constand beginnt still zu weinen. "Ich wollte, dass es aufhört." Doch sie sei zu schwach gewesen. Schließlich - "irgendwann zwischen vier und fünf Uhr früh" - sei sie aufgewacht. In der Küche habe Cosby ihr Tee und einen Muffin angeboten und gesagt: "Ich dachte, du hättest einen Orgasmus gehabt."

Ihr zufolge war es nicht der erste Annäherungsversuch. Einmal habe Cosby seine Hand auf ihren Oberschenkel gelegt - eine zweideutige Geste, die sie abgewiesen habe. Beim nächsten Mal sei er schon deutlicher geworden. "Ich spürte, wie er nach meinem Reißverschluss griff."

Damit endet Constands Aussage aber noch lange nicht. Der Rest des Tags entfällt auf die Wochen und Monate nach dem letzten angeblichen Vorfall: Wie sie vergeblich versucht habe, Cosby zur Rede zu stellen. Warum sie trotzdem weiter kommuniziert hätten. Warum sie sich erst ein Jahr später, nach einem Albtraum, ihren Eltern offenbart habe und zur Polizei gegangen sei.

Das Kreuzverhör wird unterbrochen

Auf diese augenscheinlichen Widersprüche stürzt sich auch die Verteidigung. Cosbys Anwältin Angela Agrusa nimmt Constand freundlich, aber hart ins Kreuzverhör. Habe sie der Polizei nicht die Unwahrheit erzählt? Sei sie nicht viel häufiger mit Cosby allein gewesen? Wie oft habe sie wirklich "sexuellen Kontakt" mit ihm gehabt? Fragen, die zumindest Zweifel streuen sollen.

Doch dann geht Agrusa die Zeit aus. Der Richter hatte den Geschworenen versprochen, spätestens um 17.30 Uhr Schluss zu machen. Auch ihn ärgert das: "Ich mag es nicht, wenn wir Zeugenaussagen auf zwei Tage strecken."

Nach vier Stunden wird Constand entlassen. Aber nur für die Nacht: An diesem Mittwoch geht ihr Kreuzverhör weiter. "Wir haben gerade erst angefangen", sagt Agrusa. Auch Cosby ruft den Reportern etwas zu, als er den Justizpalast verlässt - einen seiner alten TV-Slogans: "Hey, hey, hey!"

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.