Prozessbeginn gegen TV-Star Bill Cosby Ende Legende

TV-Altstar Bill Cosby muss sich ab Montag vor einem US-Gericht wegen sexueller Nötigung verantworten. Doch bei dem Verfahren geht es noch um viel mehr: Geld, Macht, Prominenz - und Amerikas Justiz.

AFP

Von , New York


Die "Cosby Show" war in den USA mal allgegenwärtig, selbst nach ihrem Ende vor einem Vierteljahrhundert. Doch heute sind Wiederholungen der Serie nur noch schwer zu finden. Der New Yorker Kabelanbieter Time Warner versteckt sie auf Kanal 1280, bei einem Sender namens Bounce TV.

Der Grund dafür zeigt sich ab kommender Woche in einem Gerichtssaal bei Philadelphia: In Norristown im Bundesstaat Pennsylvania muss sich das frühere Fernsehidol Bill Cosby - einst der reichste Entertainer der Welt - wegen schwerer sexueller Nötigung verantworten. Und das ist beileibe keine Sitcom mehr.

Nach fast zweijährigem Gerangel und zäher Geschworenensuche beginnen am Montag die Eröffnungsplädoyers dieses Sensationsprozesses. Bei dem Verfahren geht es jedoch um viel mehr als eine einzige mutmaßliche Straftat von 2004.

Es geht um Geld, Macht und Prominenz. Es geht um das Aufbegehren gegen sexuelle Gewalt, ob in amerikanischen Studentenheimen oder im Showbusiness. Und es geht um die bis heute ungleichen Messlatten der US-Justiz für Schwarze und Weiße: Letztere kamen mit solchen Vergehen bisher oft ungeschoren davon.

Der American Dream in Person

Bill Cosby, 79, hatte alles. Er war der erste schwarze US-Serienheld. Mit seiner "Cosby Show", in der er einen exzentrisch-smarten Familienvater porträtierte, personifizierte er den American Dream und nahm den Weißen alte Schuldgefühle. Er war Multimillionär, Kunstsammler, Wohltäter, Vorbild für Generationen und moralischer Kompass der Nation. Sprich: unangreifbar.

Wohl auch deshalb dauerte es so lange, bis die Vorwürfe gegen ihn haften blieben. Cosby, seit 1964 verheiratet, habe sich immer wieder jüngeren Frauen aufgedrängt, wurde nicht nur in Hollywood getuschelt. Doch kaum jemand wagte ihn anzugreifen. Die, die es taten, wurden still und großzügig abgefunden.

Zum Beispiel Andrea Constand. Die damals 30-Jährige arbeitete 2004 fürs Frauenbasketballteam der Temple University in Philadelphia. Eines Tages lud der mehr als doppelt so alte Cosby - der spendabelste Mäzen der Uni - Constand auf sein Anwesen ganz in der Nähe ein. Was dort geschah, ist nun, 13 Jahre später, Gegenstand des Prozesses.

Constand behauptet, Cosby habe sie mit Pillen betäubt und sich dann an ihr vergangen. Cosby hält dagegen, der Sex sei einvernehmlich gewesen.

Immer mehr Frauen erhoben Vorwürfe

Als die Staatsanwaltschaft 2005 strafrechtliche Schritte ablehnte, legte Constand Zivilklage ein. Bei der Beweiserhebung meldeten 13 Zeuginnen ähnliche Vorfälle. Cosby gab zu, sich Frauen mit Drogen gefügig gemacht zu haben, stellte das aber als eine Art Kavaliersdelikt dar. Das Verfahren endete in einer außergerichtlichen Einigung, die Aussagen Cosbys und der Frauen kamen unter Verschluss, und die Affäre verschwand aus den Schlagzeilen.

Bis zum 16. Oktober 2014. Da bezichtigte der schwarze Komiker Hannibal Buress Cosby bei einem Auftritt offen als Vergewaltiger. Diesmal fassten die Vorwürfe Fuß: Das gesellschaftliche Klima hatte sich gewandelt, sexuelle Gewalt war zum Thema geworden - und das Internet besorgte den Rest.

Immer mehr Frauen meldeten sich zu Wort und beschuldigten Cosby - darunter die Ex-Supermodels Janice Dickinson und Beverly Johnson. 35 mutmaßliche Opfer offenbarten sich im "New York Magazine". Die Agentur CAA feuerte Cosby, NBC strich eine neue Serie, Netflix ein Comedy-Special. Schließlich gab ein Gericht die Aussagen aus dem Verfahren von 2005 frei. Der Skandal wurde wieder justiziabel: Kurz vor Ablauf der Verjährungsfrist erhob ein neuer Staatsanwalt Klage im Namen Constands.

Ist Cosby Täter - oder Opfer unglaubwürdiger Anschuldigungen?

Schon die Prozessvorbereitungen gerieten zum Medienspektakel. Zunächst war es unmöglich, zwölf unbefangene Geschworene zu finden, sie mussten aus dem 500 Kilometer entfernten Pittsburgh importiert werden. Nur zwei der Juroren sind schwarz, ein Vorteil für die Anklage. Der gebrechliche Cosby wohnte der Auswahl bei, mit einer dunklen Brille - angeblich ist er erblindet.

Die Staatsanwaltschaft hofft, Constands Darstellung mit anderen Zeuginnen zu untermauern. Flankiert werden diese Bemühungen von Staranwältin Gloria Allred, die Dutzende Frauen vertritt. Die Verteidigung dagegen will Cosby als Opfer darstellen und Constand als unglaubwürdige "Goldgräberin". So wird sie erklären müssen, warum sie ein Jahr wartete mit ihrer Anzeige.

Cosby sieht sich zu Unrecht verfolgt von Rassismus, Neid und Profitgier. Nach dem Prozess will er wieder auf Tournee gehen, als sei nichts gewesen: "Damit", sagte er dem afroamerikanischen Nachrichtendienst "Black Press", "beginnt das nächste Kapitel meiner Karriere."

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