Prozessbeginn gegen den TV-Star "Ich war extrem eingeschüchtert von Mr Cosby"

In Pennsylvania hat der Prozess wegen sexueller Nötigung gegen TV-Altstar Bill Cosby begonnen. Schon zum Auftakt zeigte sich, dass es übel wird - vor allem für die Frauen, die ihn des Missbrauchs beschuldigen.

AP

Aus Norristown berichtet


Eine Stunde lang bewahrt Kelly Johnson die Fassung. Sie grüßt die Geschworenen, lächelt, antwortet ruhig auf alle Fragen. Sie habe den Angeklagten verehrt, schon bevor sie ihn kennengelernt habe: "Ich bewunderte ihn sehr", sagt sie. "So wie Millionen andere Amerikaner, vor allem Afroamerikaner, auch."

Doch dann kommt die Rede auf jenen Tag Anfang 1996. Johnson beginnt zu schluchzen, als sie erzählt, wie der Angeklagte sie erst bedrängt, dann mit einer "großen weißen Pille" willen- wie wehrlos gemacht und schließlich missbraucht habe.

"Ich hatte solche Angst", bebt Johnson. "Ich fühlte mich machtlos."

Macht, Sex, Angst. Das sind die Schlüsselwörter dieses Sensationsprozesses, der am Montag im US-Bundesstaat Pennsylvania begonnen hat, begleitet von einem Medienrummel, der an das O.J.-Simpson-Drama erinnert. Denn der wegen sexueller Nötigung Angeklagte war mal der reichste, mächtigste Entertainer der Welt: Bill Cosby, Amerikas erster schwarzer TV-Held. Multimillionär, Ikone, Wohltäter, moralischer Kompass der Nation - und nun: mutmaßlicher Sexualstraftäter.

"Unschuldig bis zum Schuldbeweis", betont Richter Steven O'Neill zu Beginn zwar. Doch der Vorwurf ist einer der schlimmsten, den die Justiz kennt - erst recht dieser Tage, da er sowieso in aller Munde ist, bis in die hohe Politik. Schwer hängt er über dem hohen Verhandlungssaal und Cosby, 79, der vorne hockt, halb blind, fast taub und ein Schatten seiner einst imposanten Figur.

Zwei Frauen repräsentieren 60

Cosby habe "seine Macht und seine Prominenz" ausgenutzt, "um sich sexuell zu befriedigen", sagt Vizebezirksstaatsanwältin Kristen Feden in ihrem Eröffnungsplädoyer. Der Angeklagte senkt den Kopf. Dabei geht es eigentlich ja gar nicht um Kelly Johnson. Die Mittfünfzigerin aus Atlanta tritt nur als erste Belastungszeugin auf: Die Anklage will mit ihrer Aussage illustrieren, dass Cosby längst ein Serientäter gewesen sei, als er sich acht Jahre später an einer anderen vergangen habe, der heute 44-jährigen Andrea Constand.

Constand und Johnson sind zwei von nunmehr 60 Frauen, die behaupten, Cosby habe sie zwischen 1965 und 2005 sexuell missbraucht. Zugleich sind sie jedoch, so hat das Gericht beschlossen, die einzigen, die die Geschworenen nach all den Jahrzehnten zu sehen und zu hören bekommen - und nur die Vorwürfe Constands, die noch justiziabel sind, werden hier verhandelt.

Was das ganze Prozedere, gelinde gesagt, ziemlich bizarr macht.

Denn es lässt sich ja nie wegdenken, dass Constand und Johnson - die sich privat nicht kennen - so viele weitere Frauen repräsentieren, die sich späte Genugtuung erhoffen. Zudem entscheidet sich hier nicht nur das Schicksal Cosbys, dem bis zu 30 Jahre Haft drohen und das endgültige Karriereaus.

Im Hintergrund schwingen Leitmotive mit, die tief an den Kern der US-Gesellschaft reichen: Starkult, Scham, sexuelle Gewalt - und die Frage, wieso der erste Prominente, der deshalb vor Gericht steht, ausgerechnet ein Schwarzer ist, während andere Prominente solche Affären meist überstehen.

Eine Pille mit verheerender Wirkung

Cosbys hochkarätiges Anwaltsteam weiß also, was auf dem Spiel steht: Es versucht sofort, Johnsons Glaubwürdigkeit als Zeugin zu vernichten - und damit Johnson selbst. Vor Dutzenden Zuschauern im Saal sowie mehr als 120 Reportern ist es ein zynisches, kaum erträgliches Spektakel, das vorausahnen lässt, was auch auf Andrea Constand zukommen dürfte.

Unter behutsamer Anleitung von Staatsanwalt Robert Falin berichtet Johnson zunächst, wie sie Cosby Anfang der Neunzigerjahre kennengelernt habe. Sie arbeitete damals bei William Morris, einer der Top-Talentagenturen Hollywoods, als Assistentin für einen Agenten, der Cosby betreute. Cosby, seinerzeit auf der Höhe seines Ruhms, sei "der wichtigste Klient" der Firma gewesen.

Der Star der "Cosby Show", der einst erfolgreichsten US-Sitcom, habe bald angefangen, sich für sie zu interessieren, sagt Johnson. Er habe sie zu Hause angerufen, ihr zum Geburtstag teure Blumen geschickt, ihre Familie nach Las Vegas eingeladen, eine Behandlung für ihre kranke Großmutter arrangiert. 1996 habe er in seiner Villa erste Annäherungsversuche gemacht.

"Hatten Sie Interesse an ihm?", fragt Falin. "Nicht wirklich, nein", sagt Johnson.

Trotzdem habe sie ihn erneut besucht, diesmal im Luxushotel Bel-Air. Cosby, nur in "Bademantel und Schlappen", habe ihr eine Pille mit verheerender Wirkung aufgezwungen. "Ich fühlte mich wie unter Wasser." Wieso sie die Pille geschluckt habe? "Ich war extrem eingeschüchtert von Mr Cosby."

Sie sei in Cosbys Bett aufgewacht. "Er lag hinter mir, machte diese grunzenden Geräusche." Cosby habe sie gezwungen, "seinen Penis anzufassen". Sie habe ihn dennoch nicht angezeigt. "Er war zu der Zeit der größte Star der Welt. Ich war ganz alleine. Es war mein Wort gegen seines."

Attacke von Cosbys Anwalt

Im Kreuzverhör zerlegt Cosby-Anwalt Brian McMonagle sie gnadenlos. Er hält ihr Widersprüche zu früheren Aussagen vor. Er insinuiert, dass sie Teil einer durchorganisierten PR-Aktion der prominenten Anwältin und Opferaktivistin Gloria Allred sei, die im Gerichtssaal sitzt, im knallroten Blazer, und später draußen Interviews gibt.

Mit überschlagender Stimme wirft er Johnson schließlich vor, damals Drogen genommen zu haben, darunter mit dem Reggaesänger Maxi Priest, dem Vater ihres Sohnes. Schließlich setzt Richter O'Reilly der Attacke ein Ende.

Schwer zu sagen, wie die brutale Episode, die sich über Stunden hinzieht, auf die zwölf Geschworenen wirkt, von denen fünf Frauen sind, aber nur zwei schwarz. Die Behauptungen von Anklage und Verteidigung allein seien keine Beweise, mahnt der Richter. Doch diese Worte hallten lange nach im steinernen Justizpalast von Norristown, der viel zu pompös wirkt für diesen Bezirkssitz mit seinen nicht mal 35.000 Einwohnern - darunter Cosby.

Der wirkt - oder tut - gebrochen. Seine Ehefrau Camille ist nirgends zu sehen. Auf einen Stock gestützt humpelt Cosby langsam über die Freitreppe des Gerichts, begleitet nur von seinen Anwälten, einem Publizisten und Keshia Knight Pulliam, die in der "Cosby Show" einst seine Tochter spielte.

Viele Frauen, die ihn hinter Gittern sehen wollen, sind dagegen geschlossen angerückt. Sie tragen rosa Gladiolen und rosa Buttons mit der Aufschrift "We stand in truth". Lili Bernard, die Cosby der Vergewaltigung beschuldigt hat, kommt ihm zum Greifen nahe: "Ich fühlte nichts mehr", berichtet sie danach. "Deshalb sind wir hier. Wir sind stark. Wir sind eine Armee."

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