Bill Cosby muss ins Gefängnis Am Ende

US-Comedystar Bill Cosby wurde einst als "Vater der Nation" verehrt, nun muss er wegen sexueller Nötigung ins Gefängnis - als erster Prominenter in der #MeToo-Ära. Das Urteil sendet eine klare Botschaft.

Uncredited/Montgomery County Correctional Facility/DPA

Bill Cosby ist tief gestürzt: Als Cliff Huxtable stieg er in seiner "Cosby Show" zum Familienvater der Nation auf. Seit Dienstag sitzt er im Gefängnis. Cosby war bereits im April für schuldig befunden worden, im Jahr 2004 Andrea Constand unter Drogen gesetzt und sie sexuell genötigt zu haben. Nun wurde entschieden, dass er mindestens drei und höchstens zehn Jahre in einem Gefängnis absitzen muss; nach drei Jahren kann erstmals über eine vorzeitige Entlassung entschieden werden.

Mit der Verurteilung des 81-Jährigen ist der erste prominente Beschuldigte der #MeToo-Ära inhaftiert. Nach der Verkündung des Strafmaßes kritisierten Hollywoodstars wie Amber Tamblyn und Debra Messing den langen Weg zu dem Urteil und eine in ihren Augen milde Strafe. Cosbys Publizist Andrew Wyatt dagegen sprach von einem "Geschlechterkrieg" und nannte die Gerichtsverhandlung "rassistisch und sexistisch". Cosbys Anwälte wollen Berufung einlegen.

Mit Cosby wurde ein Mann verurteilt, der einst eine massenkompatible Idealvorstellung des Afroamerikaners in den Achtziger- und Neunzigerjahren verkörperte: ein liebenswert-sarkastischer Familienvater und Arzt, der verzweifelt versucht, seine als Anwältin erfolgreiche Frau und seine fünf Kinder zu domptieren. Die Huxtables waren Amerikas schwarze Vorzeigefamilie, ein gebildetes Ehepaar mit hochbezahlten Jobs und hinreißenden Kindern - eine Familie nicht zuletzt, mit der sich das weiße Amerika im Hinblick auf die Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen wohlfühlen konnte.

Die Serie krönte Cosbys frühere Erfolge mit Figuren wie "Fat Albert" und familienfreundlichen Filmkomödien, mit denen er sich den krasseren Blaxploitation-Filmen der Siebzigerjahre entgegengestellt hatte. Die "Bill Cosby Show" machte aus dem vormaligen Stand-up-Komiker einen Liebling der amerikanischen Popkultur.

Cosby, der einen Doktorgrad der Pädagogik besitzt, produzierte nach dem Ende der Serie 1992 erfolgreich weitere TV-Stücke, bekam Ehrendoktorwürden verliehen, schrieb Bücher über Kindererziehung und ermahnte seine afroamerikanischen Landsleute, sich aus eigener Kraft voranzubringen.

Sein Image wirkte wie ein Schutzschild, Cosby wirkte unantastbar. Bereits 2005 hatte Andrea Constand Anzeige gegen Cosby erstattet, doch die polizeilichen Ermittlungen wurden aus Mangel an Beweisen eingestellt. Constand strengte daraufhin eine Zivilklage an und präsentierte 13 weitere Zeuginnen mit ähnlichen Vorwürfen. Die Klage wurde außergerichtlich beigelegt, die Zeuginnen nicht gehört. Drei von ihnen gingen mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit, verschiedene Medien griffen die Vorwürfe auf, und es geschah: nichts.

Fotostrecke

33  Bilder
Entertainer zu Gefängnisstrafe verurteilt: Der Fall Cosby

Es brauchte einen Mann, den afroamerikanischen Komiker Hannibal Buress, um den Anschuldigungen der Frauen neues Gewicht zu geben. Buress bezeichnete Cosby 2014 bei einem Auftritt als Vergewaltiger, ein Video davon verbreitete sich im Internet rasend schnell.

Buress gewann damit indes nicht nur Freunde, denn viele Afroamerikaner zögerten, an Bill Cosbys Sockel zu rütteln. In der afroamerikanischen Community wird immerhin auch zu Missbrauchsvorwürfen gegen Superstars wie James Brown, Miles Davis und Michael Jackson ein komplizierter Diskurs über den "Verrat" gewalttätiger Männer geführt, die ihrerseits womöglich von einer rassistischen Herrschaftskultur brutalisiert worden seien. Zudem ist die Etikettierung schwarzer Männer als Sexualstraftäter ein Standardhandgriff rassistischer Angstmache. Insofern ist es nicht ohne Ironie, dass der erste Verurteilte der #MeToo-Ära ein Afroamerikaner ist.

Buress beklagte auf der Bühne "diese selbstgefällige Figur eines alten schwarzen Mannes", der junge Afroamerikaner ermahne, sich die Hosen hochzuziehen und auf ihre Ausdrucksweise zu achten - während er selbst Frauen vergewaltige. "Schalten Sie mal einen Gang runter, Bill Cosby!", sagte Buress, und endlich horchte man auf. Geplante Shows mit Cosby wurden eingestellt, Wiederholungen der "Cosby Show" gestoppt, Preise zurückgenommen. Und der Fall von Andrea Constand wurde neu aufgerollt.

Das Urteil ist eine klare Botschaft

Plötzlich verstummte eine Debatte, die hochrangige Hollywoodfiguren wie Woody Allen und Roman Polanski vor ihren Anklägern abschirmte, indem sie vorgab, einen Strich zwischen dem Genie des Künstlers und seinem Privatleben zu ziehen. Es war ein Anfang, eine Ermutigung der bisher Schweigenden, und #MeToo setzte dieser Debatte zwei Jahre später unmissverständlich ein Ende.

Weiße Männer mit enormer Macht stürzten über Vorwürfe des sexuellen Übergriffes, von dem inzwischen verstorbenen Fox-News-Chef Roger Ailes über den einstigen Hollywoodmogul Harvey Weinstein bis CBS-Chef Leslie Moonves.

Auch andere Männer, die bislang hoch in der Gunst des Publikums gestanden hatten - der Schauspieler Kevin Spacey etwa, der TV-Moderator Matt Lauer, der Talkmaster Charlie Rose - mussten ihren Hut nehmen. Einige andere, darunter auch Donald Trump, den 19 Frauen sexueller Übergriffe beschuldigen, konnten sich bisher halten. Aber die Verurteilung von Bill Cosby ist eine klare Botschaft: Niemand darf sich mehr vor rechtlichen Konsequenzen sicher fühlen.

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.