BKA-Präsident Ziercke Abgang des Chefermittlers

Er war der Marathon-Mann unter den BKA-Chefs: Nach zehn Jahren geht Deutschlands erster Detektiv Jörg Ziercke in den Ruhestand. Sein Ruf ist nahezu untadelig - nur die Edathy-Affäre hängt ihm nach.
BKA-Präsident Ziercke: "Wir dürfen nichts für unmöglich halten"

BKA-Präsident Ziercke: "Wir dürfen nichts für unmöglich halten"

Foto: Hannibal Hanschke/ picture alliance / dpa

Er sehe dem Moment gelassen entgegen, sagt Jörg Ziercke, jenem Moment, in dem für ihn ein neues Leben beginnt. Innenminister Thomas de Mazière (CDU) wird ihn am Mittwoch verabschieden, zwei Wochen später wird Ziercke nicht mehr Chef des Bundeskriminalamts (BKA) sein.

Zehn Jahre dauerte seine Amtszeit, so lange hielt sich zuvor nur der legendäre Horst Herold an der Spitze des BKA. Kein Thema trieb Ziercke derart um, wie die Bedrohung durch den islamistischen Terror. Elf Anschlagsversuche unternahmen vermeintliche Gotteskrieger bislang in Deutschland, nur einer konnte nicht verhindert werden: 2011 erschoss der Kosovo-Albaner Arid Uka am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten.

"Wir werden uns mit dem islamistischen Terrorismus, der erst am Anfang einer Globalisierung steht, noch lange befassen müssen", prognostiziert Ziercke im Gespräch mit dem SPIEGEL. (Lesen Sie das vollständige Interview hier.) Gleichwohl wird das nicht mehr Zierckes Aufgabe sein, der Bremer Staatsrat Holger Münch, 53, übernimmt die Ermittlungsbehörde im Dezember.

"Nichts für unmöglich halten"

"Deutschlands Hauptkommissar", wie ihn die "Financial Times Deutschland" einmal nannte, verlässt das Amt mit dem Gefühl, seine Aufgabe erfüllt zu haben. "Ich hätte sie nicht anders machen können", sagt Ziercke. Gleichwohl hadert er mit manchen Verfahren. Zum Fall des "Nationalsozialistischen Untergrunds" und zu den jahrelangen erfolglosen Ermittlungen offenbarte Ziercke SPIEGEL ONLINE: "Das schmerzt mich."

Das BKA hätte es damals "nicht für möglich gehalten, dass eine Gruppe aus einer so inhumanen und absonderlichen Motivation heraus Menschen erschießen könnte", so Ziercke. Seine Lehre aus dem Ermittlungsdesaster ist ein Appell an die Fantasie der Ermittler: "Wir dürfen nichts für unmöglich halten."

Jörg Ziercke wurde in den Sechzigerjahren Polizist, als sich viele seiner Altersgenossen kaum etwas weniger vorstellen konnten, als der Staatsmacht zu dienen. "Ich habe die dunkle Seite der Gesellschaft gesehen", erklärte der gebürtige Lübecker der "Zeit" seine damalige Entscheidung. Noch heute faszinieren ihn soziologische Aspekte der Kriminalität: Weshalb begehen Menschen Straftaten? Wie soll die Gesellschaft darauf reagieren? Welchen Sinn haben Gefängnisse?

Höchstes Ansehen

Ziercke ist in seinem Amt kein Paragrafenreiter und Statistikhöriger geworden, was nicht unbedingt selbstverständlich war. Ebenfalls ungewöhnlich: Der BKA-Chef genießt sowohl in Fachkreisen als auch bei seinen Mitarbeitern höchstes Ansehen.

"Ziercke war nie ein Mensch, der sich weggeduckt hat", sagt der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter im BKA, Andy Neumann. "Er hat für seine Überzeugungen gekämpft und sich notfalls auch mit denen gemessen, deren Schuhe - zumindest formell - noch etwas größer waren als seine eigenen." Auch daran wird sein Nachfolger Münch gemessen werden: Ob er dem Innenminister die Stirn bieten wird, wenn es nötig ist.

Als Präsident des BKA wurde Jörg Ziercke nicht müde, die grundsätzliche Bedeutung von Vorratsdaten für die Arbeit von Polizeibehörden zu betonen. Auf der Herbsttagung seines Hauses im vergangenen Jahr mahnte er, dass Ermittlungen gegen die organisierte Kriminalität bis zu 70 Prozent von einer funktionierenden Telekommunikationsüberwachung abhängig seien. Fehle diese Möglichkeit, würden zahlreiche schwere und schwerste Straftaten nicht verfolgt.

2004 hatte Otto Schily (SPD) den Genossen Ziercke aus dem Kieler Innenministerium als Präsidenten ins BKA geholt, in der Folge diente der auch Wolfgang Schäuble, Hans-Peter Friedrich und Thomas de Maizière. Dabei verteidigte Ziercke das Amt mit seinen 5500 Mitarbeitern erfolgreich gegen Reformpläne aus Berlin. Weder musste das BKA vollständig in die Hauptstadt umziehen, noch wurde es mit der Bundespolizei fusioniert.

Doch die Aufgeregtheiten und Absurditäten des Berliner Politikbetriebs haben dem BKA-Chef zuletzt noch ziemlich zugesetzt. In der Edathy-Affäre wurde erkennbar, wie dünnhäutig selbst ein ansonsten gelassener Hanseat wie Jörg Ziercke im Innenausschuss werden kann. Die Vorwürfe und Verdächtigungen, seine Behörde habe Edathy womöglich vor drohenden Ermittlungen gewarnt, es seien Dinge vertuscht worden, sie trafen ihn persönlich, das war deutlich zu sehen.

Doch sämtliche Rücktrittsforderungen wies Ziercke beharrlich zurück. "Das Bundeskriminalamt hat sich in diesem Verfahren nichts zuschulden kommen lassen", sagte er. Inzwischen reagiert er schmallippig auf Nachfragen zur Causa Edathy. Dennoch wird Ziercke im Untersuchungsausschuss des Bundestages noch Rede und Antwort stehen müssen. Um sich vorzubereiten und Akten zu wälzen, will der pensionierte Präsident vorerst ein Büro beim BKA behalten.

Mit Material von dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.