Blacksburg Amokläufer schickte zwischen Mordtaten Drohbotschaft an TV-Sender

Immer mehr Details der Wahnsinnstat des Studenten Cho Seung-Hui werden bekannt: Zwischen den beiden tödlichen Attacken hat der Amokläufer von Blacksburg Fotos, Videos und ein mehrseitiges Schreiben an den US-Fernsehsender NBC geschickt.


Blacksburg - Der Datumsstempel weist nach Angaben von NBC darauf hin, dass der Täter das Paket während der Pause zwischen seinen beiden Bluttaten abgeschickt hat. Zwei Stunden waren zwischen den ersten Morden im Wohnheim von Blacksburg und dem Massaker an 30 Menschen im Uni-Gebäude vergangen - weil die Polizei zunächst einen falschen Verdächtigen verfolgte.

Der Todesschütze von Blacksburg: Zwischen den Bluttaten blieb Zeit für Post an NBC.
REUTERS

Der Todesschütze von Blacksburg: Zwischen den Bluttaten blieb Zeit für Post an NBC.

Auf der Internetseite veröffentlichte MSNBC . Das mehrseitige Schreiben enthalte nach Informationen der Nachrichtenagentur AP eine Hetzrede auf reiche Leute. Darin habe er gedroht "sich zu rächen", sagte ein Behördenvertreter, der nicht genannt werden wollte.

NBC habe das Material an die Behörden übergeben, teilte die Polizei mit. "Das dürfte eine ganz neue, kritische Komponente in die Ermittlungen bringen", sagte Steve Flaherty von der Polizei des Bundesstaates Virginia. Er äußerte sich nicht über Details des Materials. Die Ermittler seien dabei, die Dokumente auszuwerten. Nach Informationen von MSNBC News enthielt das Paket eine CD, auf der Cho sein "Manifest" liest.

Die Tat von Cho Seung-Hui geht als bisher blutigster Amoklauf in die Geschichte der USA ein. Schon vor seiner Tat war Cho Seung-Hui der Polizei bekannt. Zwei Studentinnen hätten sich im November und Dezember 2005 an die Behörden gewandt, weil sie sich von Cho Seung-Hui verfolgt gefühlt hätten, sagte der Polizeichef der Technischen Hochschule von Blacksburg Wendell Flinchum am Mittwoch. Aus Sorge vor einer Selbstmordgefährdung des Studenten hätten Beamte Cho Seung Hui damals in eine psychiatrische Klinik gebracht.

Der Südkoreaner habe beiden Frauen nicht gedroht, die Studentinnen hätten den Fall auf sich beruhen lassen. Lehrkräfte und Studenten der Universität in Blacksburg hatten berichtet, Cho sei seit langem auffällig gewesen.

"Er sprach so gut wie nie"

Chos Zimmergenossen sagten dem US-Fernsehsender Abc, ihr Mitbewohner habe eine imaginäre Freundin, ein Supermodell namens "Jelly", gehabt. Außerdem sei er ausgesprochen wortkarg gewesen. "Er sprach so gut wie nie", sagte der Student Joseph Aust. "Ich habe versucht, mit ihm zu plaudern, aber er antwortete einsilbig und schaute mich nie an."

Cho unterschrieb nur mit einem Fragezeichen, weil er seinen Namen hasste. In Seminaren trug er eine Sonnenbrille, fotografierte mit seinem Mobiltelefon Mitstudentinnen unter dem Tisch. Vieles deutete seit Jahren auf eine gestörte Persönlichkeit des Einzelgängers hin, dessen Gesicht nach Angaben von Mitstudenten stets leer und ausdruckslos blieb, der nie lachte und in seinem Zimmer endlos in die Leere starrte.

Nach dem bislang blutigsten Amoklauf in der Geschichte der USA mit 33 Toten räteselt die Polizei weiter über das Motiv von "Mr. Fragezeichen".

Die bei NBC aufgetauchten Dokumente erhöhen die Brisanz der Tatsache, dass Cho zwei Stunden Zeit hatte. Virginias Gouverneur Tim Kaine hat inzwischen Angekündigt, von einer unabhängigen Expertenkommission klären lassen, warum die Studenten so spät gewarnt wurden und warum alle Warnsignale, die der spätere Täter mit seinem auffälligen Verhalten ausgesandt hatte, nicht Ernst genommen wurden.

Lieber Job aufgeben als Cho unterrichten

Auch bei Dozenten war der Amokläufer bereits negativ aufgefallen. Die Englisch-Dozentin Nikki Giovanni hatte ihrer Vorgesetzten Lucinda Roy gesagt, dass sie lieber ihren Job aufgeben, als den Südkoreaner weiter unterrichten würde. Dessen Gedichte seien bedrohlich und Angst einflößend gewesen, sagte sie dem Nachrichtensender CNN. Die beiden Theaterstücke, die Cho Seung-Hui geschrieben hat, offenbaren verstörende Gewaltphantasien.Als sie in den Nachrichten gehört habe, dass ein asiatisch-stämmiger Mann der Amokläufer sei, habe es für sie keinen Zweifel mehr gegeben, dass Cho der Täter sei, sagt Giovanni.

Weil Giovanni das Verhalten des Südkoreaners nicht mehr ertragen wollte, schritt ihre Vorgesetzte Roy ein. Roy gab Cho ein Semester lang Einzelunterricht und versuchte, an ihn heran zu kommen.

"Ich habe nichts als Leere gespürt", sagte Roy. Der Südkoreaner sei so negativ gegenüber sich selbst gewesen. "Ich dachte, er könnte sich etwas antun, weil er sich so depressiv fühlte", so Roy sie. Sie ging zur Universitätsleitung und verständigte die Polizei.

Die Antwort habe gelautet, dass man wegen der Meinungsfreiheit nichts gegen makabre Gedichte machen könne, erinnerte sich Roy. Cho habe sich verteidigt, dass seine Werke reine Satire seien. Und die Polizei griff nach ihren Worten nicht ein, weil der Südkoreaner niemanden ausdrücklich bedroht hatte.

reh/AP/dpa

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