Blacksburg-Tagebuch "Trauernde mussten sich verstecken"

Nach dem Blutbad von Blacksburg kämpft die Universität um Normalität. "Wir stehen alle unter Beobachtung", sagt der Mathematiker Torben Swart. Der Deutsche hat den Amoklauf auf dem Campus miterlebt. Auf SPIEGEL ONLINE erzählt er von den Tagen danach.

Es sind jetzt zwei Tage seit dem Amoklauf vergangen, und doch wirkt auf mich immer noch alles sehr, sehr unwirklich. Ich habe das Gefühl, im falschen Film zu sein. Heute bin ich über den Campus gelaufen und konnte nicht glauben, dass das der Ort ist, der zurzeit nonstop im Fernsehen zu sehen ist, 24 Stunden am Tag, auf allen Kanälen. Ich kann es immer noch nicht fassen, dass ausgerechnet an der Virginia Tech ein solch schreckliches Verbrechen geschehen ist.

Ich denke, meinen Kommilitonen geht es da ähnlich. Blacksburg ist ein Nest, tiefste Provinz, die nächste Großstadt ist 400 Kilometer entfernt. Das Aufregendste, mit dem die Polizei hier bisher zu tun hatte, waren betrunkene Studenten. Meine Nachbarn ließen die Tür offen stehen, wenn sie in den Urlaub fuhren. Plötzlich blickt die ganze Welt auf diese Stadt. Blacksburg wird wohl immer der Ort bleiben, an dem ein Wahnsinniger 32 Menschen und sich selbst umbrachte.

Wir stehen hier nun stark unter Beobachtung. Gestern während und nach der Gedenkfeier für die Opfer war es fast unerträglich. Überall lauerten Fotografen und Kameramänner. Trauernde, die nicht fotografiert werden wollten, mussten sich verstecken.

Heute hat sich die Lage etwas entspannt. Einige Journalisten sind abgezogen, für die meisten ist das Thema erledigt. Ich bin froh darüber, denn das macht es leichter, das Ereignis zu verarbeiten. Auch viele Polizisten haben Blacksburg mittlerweile wieder verlassen, die Helfer vom Roten Kreuz ebenso. Das alles ist ein Zeichen dafür, dass hier langsam wieder ein Stück Normalität einkehrt. Ein Stück freilich nur; denn hier wird nie mehr alles so sein, wie es war.

Auf dem Sportplatz hat die Uni-Verwaltung weiße Holztafeln aufgestellt. Die Tafel ist voll mit Botschaften, Erinnerung, Aphorismen. "We will never forget!", steht dort, und: "Wir werden euch vermissen!" Das Gelände um die Norris Hall, wo der Wahnsinnige Amok lief, ist noch immer abgesperrt. Studenten stehen davor, umarmen sich, weinen, beten. Auf dem Boden liegen Blumen und Kränze. An den Bäumen hängen Trauerflore in Schwarz - und Bänder in Kastanienbraun-Orange, den Farben der Universität.

Vorlesungen wird es diese Woche keine mehr geben. Viele Studenten sind deshalb abgereist; sie sind auf dem Weg nach Hause zu ihren Familien. Nach dem Trubel der letzen Tage ist es deshalb auf dem Campus vor allem eines: ungewöhnlich leer.

Torben Swart, 26, ist Mathematik-Doktorand aus Berlin. Er arbeitet für drei Monate an der Virginia Tech University in Blacksburg.

Protokoll: Maximilian Popp

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