Blacksburg-Tagebuch "Zum ersten Mal wieder ein Lachen gehört"

Nach dem Blutbad von Blacksburg probt die Universität einen neuen Alltag. "Doch für die Studenten ist der Alptraum noch lange nicht vorbei", sagt Torben Swart, der den Amoklauf auf dem Campus miterlebte. Auf SPIEGEL ONLINE erzählt er von den Tagen danach.

Langsam kehrt das Lachen auf den Campus zurück. Die Stimmung ist weit davon entfernt, gelöst zu sein, aber sie hat sich etwas gebessert. Ich habe heute wieder Studenten scherzen sehen, es war das erste Mal seit dem Amoklauf.

Trauerbekundungen an der Virginia Tech: "Es wird jeden Tag ruhiger"

Trauerbekundungen an der Virginia Tech: "Es wird jeden Tag ruhiger"

Foto: AP

Dennoch ist es hier sehr, sehr ruhig. Ich habe das Gefühl, es wird von Tag zu Tag ruhiger. Das liegt wohl daran, dass die meisten Studenten abreisen. Die Vorlesungen sind vorerst ausgesetzt und viele fahren nach Hause. Es ist eine bizarre Situation hier an der Virginia Tech. Mittlerweile lungern auf dem Uni-Gelände mehr Reporter herum als Studenten. Einige Journalisten hoffen offenbar immer noch auf News oder Interviews. Es geht nun schon soweit, dass Kommilitonen an einem Gebäude ein orangefarbenes Schild angebracht haben, darauf steht: "Hokies stay strong, media stay away."

Ich selbst war heute wieder in meinem Büro. Es hat gut getan, am Schreibtisch zu sitzen und sich mit mathematischen Formeln zu beschäftigen. In meinem Büro ist immer noch alles so, wie es vor einer Woche war. Doch auf den Fluren gibt es nur ein Gesprächsthema: Wie hast du das Verbrechen erlebt? Wie geht es dir jetzt? Hattest du Freunde unter den Opfern?

Ich glaube, es ist ein großer Unterschied, ob man während des Massakers am Campus war oder nicht. Mein Eindruck ist: All jene, die den Amoklauf am Unigelände miterleben mussten, haben besonders zu kämpfen.

Ich werde noch bis nächsten Mittwoch an der Virginia Tech bleiben, dann endet mein Austauschprogramm. Ich hatte eine gute Zeit hier, aber trotzdem: Blacksburg wird für mich immer der Ort sein, an dem dieser fürchterlicher Amoklauf geschah.

Ich hoffe, die Leute hier finden irgendwann zur Normalität zurück. Die Univerwaltung hat heute die Büros neu verteilt, weil die Norris Hall bis auf weiteres gesperrt ist. Die Suche nach Räumen – das war ein schönes Stück Alltag.

Mein Professor, der für die Zulassung der Studenten verantwortlich ist, hat mir erzählt, dass es bisher keine Abmeldungen gegeben hätte. Neue Studenten kommen also trotz des schrecklichen Ereignisses an die Virginia Tech. Ich habe mich sehr gefreut, als ich das hörte.

Torben Swart, 26, ist Mathematik-Doktorand aus Berlin. Er arbeitet für drei Monate an der Virginia Tech University in Blacksburg.

Protokoll: Maximilian Popp

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