Blutbad auf dem Campus Amokläufer stürmt Universität - Dutzende Tote

Der Amoklauf von Blacksburg ist der schlimmste in der US-Geschichte. Der Schütze erschoss zwei Studenten im Wohnheim, tötete in einem Lehrgebäude 30 Menschen und feuerte sich dann selbst in den Kopf. Es gibt erste Hinweise auf seine Identität - und Spekulationen zu Waffen und Motiv.


Blacksburg - Das Grauen an der Virginia Tech University in Blacksburg begann am frühen Morgen. Um 7.15 Uhr ging bei der Polizei der erste Notruf ein. Schüsse aus einem Wohnheim, West Ambler Johnson, und mehrere Opfer wurden gemeldet. In dem Wohnheim leben 895 Studenten. Vom Täter keine Spur.

Rund zwei Stunden später, noch während die Ermittlungen vor Ort liefen, meldete der Sicherheitsdienst Schüsse aus einem anderen Gebäude, Norris Hall, auf der entgegengesetzten Seite des Campus. Was dort geschah, beschreiben Augenzeugen als Blutbad. Der Täter hatte laut Polizei die Zugangstüren zum Gebäude mit Ketten verschlossen und versuchte dann, sich Zugang zu etlichen Seminarräumen zu verschaffen. Laut BBC schoss er sogar auf die Türen, während völlig verstörte Studenten den Raum von innen mit Möbelstücken verbarrikadierten.

"Er hat angeblich einfach in die Lehrräume gefeuert", sagte ein Student, David Jenkins, dem Fernsehsender Fox News. Einer seiner Freunde sei bei dem Amoklauf verletzt worden. "Er hatte großes Glück", sagte Jenkins. "Er erzählte, dass alle, die in diesem Raum waren, erschossen worden seien und auf dem Boden gelegen hätten." Er habe sich tot gestellt und so überlebt. Offiziellen Angaben zufolge gibt es 33 Todesopfer und mindestens 29 Verletzte.

Ein Student, der vor dem Gebäude stand, hielt die Szene um die Norris Hall herum mit der Kamera seines Mobiltelefons fest. Bewaffnete Sicherheitskräfte sind zu sehen, die hinter Bäumen in Deckung gehen. Im Hintergrund sind immer wieder Schüsse zu hören.

Ermittler suchen nun nach dem Motiv für die Bluttat. Laut CBS News könnte der junge Mann nach seiner Freundin gesucht haben. Nach Angaben von ABS News hatte der Amokschütze zwei halbautomatische Handfeuerwaffen bei sich. Möglicherweise habe er eine schusssichere Weste getragen. Die Identifikation gestalte sich schwierig, zitiert die "New York Times" einen Ermittler. Der Täter habe sich in den Kopf geschossen und keinen Ausweis bei sich gehabt.

Augenzeugen sagten laut der Website von MSNBC, der Schütze sei ein Mann zwischen 20 und 30 Jahren gewesen, mit asiatischen Gesichtszügen, gekleidet mit einer schwarzen Lederjacke und einer braunen Mütze. Die Polizei geht davon aus, dass es sich um einen Einzeltäter handelt.

Nach den ersten Schüssen hatte der Sicherheitsdienst die Studenten angewiesen, in den Gebäuden zu bleiben und sich von Fenstern fernzuhalten. Ein Augenzeuge sagte dem US-Fernsehsender CNN, die Studenten hätten sich in ihren Zimmern eingeschlossen und fieberhaft im Internet nach Nachrichten gesucht, was auf ihrem Campus vor sich geht. "Es war ein absolutes Chaos", sagte ein Student, Matt Waltron, CNN. Einige Studenten hätten sich unter den Tischen versteckt, draußen seien Schüsse zu hören gewesen.

Die Chefredakteurin der Campuszeitschrift, Amie Steele, sagte CNN, sie habe Kontakt zu Mitarbeiterinnen in beiden Gebäuden gehabt. Eine habe erzählt, dass "viele Studenten überall herumrannten, wie die Verrückten." Es habe eine Massenpanik gegeben. Laut Augenzeugen sind mindestens zwei Studenten vor Angst aus dem Fenster gesprungen, beiden haben sich dabei verletzt.

"Die Universität ist heute von einer Tragödie getroffen worden, die man wohl als monumental bezeichnen kann", sagte Rektor Charles Steger in einer Pressekonferenz. "Wir sind schockiert und entsetzt." Das Unigelände wurde abgesperrt, alle Kurse abgesagt. Bereits für morgen Mittag plant die Universität eine Vollversammlung, um, so wird es auf der Webseite der Virginia Tech angekündigt, "mit der Bewältigung der Tragödie zu beginnen".

US-Präsident George Bush zeigte sich in einer ersten Reaktion tief erschüttert und ließ den betroffenen Familien sein Mitgefühl übermitteln. Bushs Sprecherin Dana Perino fügte hinzu: "Der Präsident glaubt, dass Menschen ein Recht haben, Waffen zu tragen, aber dass alle Gesetze befolgt werden müssen." In einer Stellungnahme im Weißen Haus sagte er später: "Die Schule sollte ein Ort der Sicherheit, Geborgenheit, des Lernens sein." Diese Sicherheit sei durch die Ereignisse in Blacksburg erschüttert worden. Die Regierung werde alles tun, um bei der Aufklärung zu helfen. "Unser Land trauert mit den Opfern."

Schon früher war die Universität in Blacksburg Schauplatz von Gewalt. Nach US-Medienberichten hatte sich im August ein flüchtiger Gefängnisinsasse auf dem Campus versteckt. Ein Angestellter eines Sicherheitsdienstes und ein Polizist wurden getötet, bevor der Mann festgenommen werden konnte. Am 2. April und am 13. April war die Universität Opfer von zwei falschen Bombendrohungen. Die Universitätsleitung setzte gestern eine Belohnung von 5000 Dollar auf den oder die Täter aus.

Die Virginia Agricultural and Mechanical College, Virginia Tech University genannt, ist eine staatliche Universität in Blacksburg, Virginia. Sie gehört zu den 20 Top-Adressen der Ingenieursausbildung in den USA und zeichnet sich durch eine internationale Ausbildung aus. Partneruniversität ist die technische Universität Darmstadt.

Die Virginia Tech wurde 1872 gegründet. Sie befindet sich in Montgomery County am Fuße der Appalachen, etwa viereinhalb Autostunden südwestlich von Washington DC entfernt. Auf dem Campus stehen inzwischen über hundert Gebäude. Die Universität verfügt über einen eigenen Flughafen. Den Studenten werden 60 Bachelor- und 140 Master- und Doktorenprogramme angeboten. Auf 16 Studenten kommt ein Professor, dadurch soll eine gute Betreuung garantiert werden. Insgesamt sind rund 26.000 Studenten an der Universität eingeschrieben.

ffr/AFP/AP/dpa/Reuters



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