Blutbad in der Eisdiele Die Folgen einer Disconacht

"Du kommst hier nicht rein": Vielleicht waren es diese Worte, gesprochen vor einer Mainzer Discothek, die zu der Schießerei in Rüsselsheim geführt haben. Vieles deutet darauf hin, dass drei Menschen wegen Nichtigkeiten sterben mussten.

Aus Rüsselsheim berichtet


Rüsselsheim - Die Zahl der Blumengebinde wächst von Tag zu Tag mit der Anzahl der Schaulustigen, die sich um den Tatort vor der Eisdiele in der belebten Rüsselsheimer Fußgängerzone scharen. Doch es gibt hier kaum etwas zu sehen.

Wenige Kilometer entfernt, in der Kleinstadt Raunheim, trauert die Familie K. um ihren Erkan, der bei dem Blutbad ums Leben kam. Der 29-Jährige hinterlässt eine Frau und einen sechs Monate alten Sohn.

Seinen Vater Fahin hatte die Polizei vorübergehend festgenommen. Die Ermittler hielten ihn für einen Verdächtigen oder Zeugen. Im Zusammenhang mit der Schießerei wurden insgesamt sieben Personen gefasst, wie LKA-Sprecher Udo Bühler sagte. Drei Männer würden noch im Laufe des Donnerstags entlassen - vier Personen dem zuständigen Ermittlungsrichter vorgeführt.

Die Polizei hat inzwischen alle an der Rüsselsheimer Schießerei Beteiligten identifiziert. Nach Angaben des hessischen Landeskriminalamtes und der Darmstädter Staatsanwaltschaft waren es acht Personen. Neben den beiden getöteten Männern handele es sich um Personen im Alter von 23 bis 30 Jahren, die alle aus dem Rhein-Main-Gebiet kämen.

In der türkischen Gemeinde kursiert das Gerücht, einige der Männer seien gefasst worden, als Erkans Familie zusammensaß und um den Verstorbenen trauerte. Ein Mobiles Einsatzkommando der Polizei habe die Versammlung gestürmt, viele Angehörige vorübergehend gefesselt und einige abgeführt.

"Die Familie ist fassungslos und in tiefer Trauer über den Verlust des ältesten Sohnes und den unerwarteten Gewaltausbruch in unserer Heimatstadt, der zu dieser Bluttat geführt hat", so die K.s in einer Erklärung für SPIEGEL ONLINE. Zu der Polizeiaktion wollte man sich nicht äußern.

Nur so viel: "Auch wenn die Hintergründe der Gewalttat noch im Dunkeln liegen und die weiteren Ermittlungen der Polizei abgewartet werden müssen, legt die Familie K. Wert auf die Feststellung, dass Hintergrund dieser Tragödie unter keinen Umständen Wettschulden, sonstige Auseinandersetzungen um illegale Geschäfte oder eine Familienfehde gewesen sind."

Die K.s gelten im Rhein-Main-Gebiet als Autorität. Kaum ein Türke in der Region kennt sie nicht, die meisten zollen den unüberschaubar vielen Angehörigen tiefen Respekt. Die Ermittler vermuten, dass sich aber eine Gruppe anderer Türken mit dem Clan angelegt hatte, was zu der Auseinandersetzung am Dienstagabend geführt haben könnte, bei der zwei junge Männer und eine unbeteiligte Frau ums Leben gekommen waren.

"Es ist ein hohes Maß an Emotionen im Spiel", sagte der Vizechef des Landeskriminalamts, Roland Desch, SPIEGEL ONLINE. "Wir gehen davon aus, dass die Flüchtigen, nach denen wir fahnden, bewaffnet sind, und stufen sie als gewalttätig ein."

Alle acht Beteiligten der Schießerei sind der Polizei einschlägig wegen Körperverletzungen bekannt, sagte Soko-Leiter Stefan Müller. So auch die Brüder Deniz und Erdal E. aus dem Wiesbadener Stadtteil Mainz-Kastel. Der 26 Jahre alte Deniz verblutete auf dem Asphalt vor der Eisdiele, sein fünf Jahre älterer Bruder konnte durch eine Notoperation gerettet werden, er liegt schwerverletzt und stark bewacht in einer Frankfurter Klinik.

Ein dritter Bruder, Serdal, ist auf der Flucht. Sein kleines Lokal in der Heinrich-Zille-Straße wurde bereits wenige Stunden nach der Tat von Ermittlern durchsucht. Gerne trat das Trio zusammen auf. Es geht das Gerücht, sie hätten in einigen Lokalen der Region Schutzgeld erpresst. Bestätigt ist das nicht.

Streiterei vor der Disco

Einer der drei soll laut Ermittlern an heftigen Streitereien am vergangenen Wochenende in Mainz beteiligt gewesen sein. Sie sollen letztendlich zu der Schießerei in Rüsselsheim geführt haben, vermuten die Ermittler. Nach Aussage von Zeugen sei Serdal am Freitag vor dem Club "50 Grad" in der Mainzer Neustadt abgeblitzt.

Türsteher sollen ihm den Zugang verwehrt haben - darunter ein Türke aus Rüsselsheim, den Deniz und Erdal E. vor rund einem Jahr zusammengeschlagen haben sollen. Serdal und seine Kumpels hätten vor dem Lokal gewütet, bevor sie sich davonmachten, erzählt einer, der dabei gewesen sein will, SPIEGEL ONLINE.

Am Abend darauf, so berichten es Rüsselsheimer Türken, sollen sich Serdal, seine Brüder und Freunde vor dem "Starclub" in der Mainzer Holzhofstraße noch einmal mit Baseballschlägern und Eisenstangen für die Schmach gerächt haben. Niemand wird verletzt, nur die Ehre der Brüder E.

Darin vermuten die Ermittler das Motiv für die Schießerei mitten in der Fußgängerzone, bei der Anna K. als unschuldiges Opfer von einem Querschläger getötet wurde.

"Um Erkan trauern"

Erkan K. soll in der brutalen Auseinandersetzung die Rolle des "Vermittlers" gehabt haben, wie es Türken in Rüsselsheim und Umgebung erzählen. Der 29-Jährige jobbte als Türsteher in Mainz-Kastel, galt als kommunikativ und friedlich. Es bewahrte ihn nicht davor, Freunde auf die gleiche brutale Weise zu verlieren, wie er jetzt selbst ums Leben kam: Bei einer beispiellosen Mordserie in Wiesbaden in den vergangenen Jahren starben insgesamt sieben Türken, darunter angeblich auch Freunde von Erkan K.

"Seiner Familie ist es wichtig, dass sie jetzt erst einmal um Erkan trauern können", sagte Rechtsanwalt Oliver Wallasch SPIEGEL ONLINE. Daher bitte sie um Verständnis, dass "weitere Erklärungen gegenüber der Presse zum jetzigen Zeitpunkt nicht abgegeben werden können". Wallasch vertritt auch Erkans Vater, der mittlerweile wieder auf freiem Fuß ist.

Der wiederum erklärte gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Aus Sicht der Familie K. laufen die eigentlichen Veranlasser und Täter dieser Bluttat noch frei herum, was alle Angehörigen und Freunde der Familie nach wie vor in großer Angst und Sorge lässt." Man vertraue dabei jedoch "auf die Arbeit, Präsenz und Effizienz der zuständigen Polizeibehörden".



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