Blutbad in Finnland Polizei verhörte Amokläufer vor der Tat

Er hat zehn Menschen getötet - und sich dann selbst erschossen: Ein 22-Jähriger hat an der Berufsschule im finnischen Kauhajoki ein Blutbad angerichtet. Der Mann war offenbar der Polizei bekannt, weil er bedrohliche Videos im Internet veröffentlicht hatte. Trotzdem durfte er seine Waffe behalten.


Helsinki - Er durfte seinen Waffenschein behalten und auch seine Waffe: Laut Regierungsangaben ist die finnische Polizei nicht gegen Gewaltdrohungen des Amokläufers von Kauhajoki eingeschritten.

Innenministerin Anne Holmlund teilte in Helsinki wenige Stunden nach dem Amoklauf mit, dass noch am Montag ein Polizeibeamter mit dem Täter gesprochen, aber keine Veranlassung gesehen habe, dem Mann den Waffenschein oder seine Pistole vom Typ Walther P22 abzunehmen. Es war die erste Waffe des Mannes, sein Waffenschein war nach Informationen der Zeitung "Iltalehti" erst im August 2008 ausgestellt worden.

Wenige Stunden nach der Tat ist der Täter aus Kauhajoki seinen schweren Kopfverletzungen erlegen, sagten Polizeichef Urpo Lintala und der Direktor des Krankenhauses in Tampere, Matti Lehto.

Die Innenministerin bestätigte, dass der anfangs schwer verletzte 22-Jährige aus Kauhajoki auf dem Internet-Portal "YouTube" bei Schießübungen mit seiner Pistole auf Videos präsentiert hat.

Die Polizei habe diese Videos in der vergangenen Woche gesehen, den Urheber bis Freitag aber nicht erreichen können. Nachdem der Kontakt dann am Montag zustandegekommen war, habe der zuständige Polizeibeamte keinen Grund zum Einschreiten gesehen.

Nur wenige Stunden später stürmte der Mann mit seiner halbautomatischen Pistole in die Berufsschule und tötete zehn Schüler. Er schoss sich danach selbst in den Kopf, überlebte den Selbstmordversuch aber und wurde schwer verletzt in das Krankenhaus von Tampere gebracht.

Zum Zeitpunkt der Tat hielten sich rund 200 Menschen in dem Gebäude auf. In der Schule sei Panik ausgebrochen, als der vermummte Täter in das Gebäude eingedrungen sei. "Innerhalb kürzester Zeit wurden mehrere Dutzend Schüsse abgefeuert", sagte Pförtner Jukka Forsberg. Der Lehrer Raimo Kytälö berichtete im Rundfunk, etwa zehn Schüler seien von Schüssen getroffen worden.

Das YouTube-Profil des mutmaßlichen Täters wurde inzwischen vom Netz genommen; kurz vor dem Amoklauf hatte er sich noch eingeloggt.

Erst im vergangenen November hatte ein 18-jähriger Finne in einer Schule in der Ortschaft Tuusula sechs Schüler, die Rektorin, eine Krankenschwester und am Ende sich selbst erschossen.

In Finnland sind mindestens 1,6 Millionen Schusswaffen im Umlauf, in etwa jedem vierten Haushalt gibt es eine. Finnland liegt damit hinter den USA und dem Jemen an dritter Stelle. Jedes Jahr werden 80.000 neue Waffen an Jäger und Sportschützen ausgegeben, auch an Minderjährige ab 15 Jahren.

han/dpa/AP/AFP



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