Blutbad von Rüsselsheim "Jetzt ist alles anders"

Drei Tote, ein Verletzter, flüchtige Täter: Die Ermittler gehen davon aus, dass eine Fehde zwischen zwei Türken die Schießerei in Rüsselsheim ausgelöst hat. Die Polizei kämpft gegen schweigende Zeugen, mögliche Racheakte - und einen falsch verstandenen Ehrbegriff.

Aus Rüsselsheim berichtet


Rüsselsheim - Mehmet B. gibt vor, viel zu wissen, doch in Wahrheit sagt er nichts. Sein Cousin ist auf dem Asphalt der Rüsselsheimer Fußgängerzone verblutet. Wieso? "Erschossen oder erstochen - ich weiß es nicht."

B. erfuhr von einem Kumpel, was geschehen war. Die Nachricht von der Schießerei am Dienstagabend machte in der hessischen Kleinstadt schon nach wenigen Minuten die Runde. "Jetzt ist alles anders", sagt Mehmet.

Was meint er? Wird das Blutbad in der Eisdiele Konsequenzen haben? Wird jemand Rache nehmen wollen?

Mehmet zuckt mit den Schultern.

Die Ermittler des hessischen Landeskriminalamts (LKA) wollen Folgetaten weder ausschließen noch prophezeien. "Diese Frage kann man nicht beantworten", sagt Staatsanwalt Ger Neuber.

Die Blicke der Ermittler sind Antwort genug.

Fehden, rivalisierende Banden und Verbrechen aus verletzter Ehre - im Rhein-Main-Gebiet nichts Neues. "Wir haben mehrfach die Problematik von vermeintlichen Ehrverletzungen im türkischen Kulturkreis erlebt, die in einer Eskalation dieser Art enden", sagt Stefan Müller vom hessischen Landeskriminalamt, Leiter der 70-köpfigen Sonderkommission, zu SPIEGEL ONLINE.

Müde, aber kämpferisch

Seit 18 Stunden ist Müller im Einsatz, ein wenig müde sieht er aus, aber kämpferisch. Er lässt in dem komplexen Mordfall so viele Details wie möglich aus - aus ermittlungstaktischen Gründen, sagt er. Und weil es sein könne, dass sich andere durch eine zu genaue Schilderung der Tat herausgefordert fühlen.

Fest steht: Die Ermittler sind auf jeden Augenzeugenbericht, jede noch so scheinbar unwichtige Beobachtung angewiesen.

Nach den bisherigen Erkenntnissen hielten sich am Dienstagabend an einem Tisch des Eiscafés drei bis vier Personen auf, die von einer vier bis fünf Mann starken Gruppe angegriffen wurden. Dabei starben die völlig unbeteiligte Anna K., 55, ein 29-jähriger Türke aus Rauenheim und ein 26-jähriger Türke aus Wiesbaden. Dessen 31-jähriger Bruder wurde schwer verletzt. Letztere hätten zu den Angreifern gezählt, sagt Müller.

Der Verletzte wird an seinem Krankenbett in einer Frankfurter Klinik rund um die Uhr bewacht. Am Donnerstag soll er dem Haftrichter vorgeführt werden. Wie die beiden Toten ist auch er wegen Körperverletzungsdelikten polizeibekannt.

Viele Tatbeteiligte sind noch flüchtig - sowohl aus der Gruppe der Angreifer als auch der Angegriffenen. Nach ihnen werde intensiv gefahndet. "Ich bin mir sicher, wir haben noch lange nicht alle Zeugen vernommen", sagt Müller. Zwar durchsuchten rund 150 Polizisten noch in der Nacht viele Wohnungen in mehreren Orten des Rhein-Main-Gebietes. Sie nahmen außerdem einen 49-Jährigen sowie einen 28-Jährigen fest, die sich am Tatort aufgehalten haben sollen. Trotzdem ist die Polizei dringend auf Unterstützung aus der Bevölkerung angewiesen.

Verschworen und schweigsam

Die türkischen Gemeinden in der Region gelten als verschworene Einheit, auch wenn einige untereinander zerstritten sind. Probleme macht man gern unter sich aus.

Im Fall Rüsselsheim vermutet die Sonderkommission, dass zwei Auseinandersetzungen des vergangenen Wochenendes vor Discotheken in Mainz zur Schießerei geführt haben. Am Freitag waren zwei Männer dort wohl eher zufällig aneinandergeraten. Am folgenden Abend traf man sich - weniger zufällig - und geriet erneut in einen handfesten Streit. Es kam zu Strafanzeigen beider Seiten.

"Zwischen den beiden Personen besteht eine besondere Beziehung" - so nebulös formuliert es Müller. Der zugrunde liegende persönliche Konflikt zwischen den Beteiligten schwele offenbar schon mehrere Jahre. "Und einer jener Tatbeteiligten aus Mainz war nun auch in Rüsselsheim Tatbeteiligter", sagt LKA-Vizechef Desch vorsichtig.

Spekulationen, es gehe um ausstehende Wettschulden, dementieren die Ermittler zaghaft. Fakt sei, dass ein Tatbeteiligter ein Wettbüro besitze.

"Wir brauchen jeden"

In erster Linie scheinen sich die Ermittler auf die "verletzte Ehre" einiger Tatbeteiligter als Motiv zu konzentrieren. "In diesem Milieu wäre es nicht der erste Vorfall", sagt Müller und spielte damit auf eine Reihe von Tötungsdelikten im Jahr 2004 an: Damals kamen fünf Menschen in Wiesbaden, Oberursel und Mainz ums Leben. Im Jahr darauf ein Mann in Rüsselsheim. Die Ermittler sind sich aber sicher, dass der jetzige mit diesen Fällen definitiv nichts zu tun hat.

Im Fokus ihrer Arbeit steht nun vorerst das Finden weiterer Zeugen. Gerade weil sich die Tat in der Öffentlichkeit abgespielt habe, müsse es viele geben, die den Vorfall beobachtet hätten. "Wir brauchen jeden", sagt Soko-Leiter Müller.

Die Staatsanwaltschaft hat eine Belohnung von 10.000 Euro ausgesetzt, ein Callcenter für Hinweise eingerichtet. "Wir werden die Ermittlungen mit aller Konsequenz durchziehen", sagt LKA-Vizepräsident Desch. "Es kann nicht sein, dass es in einer Kleinstadt in Hessen nach solch einer Tat drei Tote und einen Schwerverletzten gibt - womöglich aus verletzter Ehre."

Auseinandersetzungen mit solchem Hintergrund seien kein Einzelfall, sagt Staatsanwalt Neuber. "Und damit meine ich auch, dass noch Dritte zu Schaden kommen. Aber was hier in Rüsselsheim passiert ist, war in keinster Weise abzusehen."

Mehmets Augen sagen etwas anderes.



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