Bluttat an Ansbacher Schule Amokläufer attackierte Schüler mit Axt und Messern

Ansbach steht unter Schock: Schwerbewaffnet hat ein Amokläufer das Gymnasium Carolinum in der Stadt gestürmt. Ein Lehrer und mehrere Schüler wurden verletzt, ein Mädchen schwebt weiterhin in Lebensgefahr. Die Polizei überwältigte den Jugendlichen noch in der Schule.
Bluttat an Ansbacher Schule: Amokläufer attackierte Schüler mit Axt und Messern

Bluttat an Ansbacher Schule: Amokläufer attackierte Schüler mit Axt und Messern

Foto: Matthias Schrader/ AP

Amokläufer

Ansbach - Es dauerte nur elf Minuten, da war der Ansbacher bereits überwältigt. Niedergestreckt von fünf Schüssen aus einer Maschinenpistole der bayerischen Polizei, festgenommen vor den Toiletten im dritten Stock des Ansbacher Gymnasiums Carolinum. Es war das Ende einer Irrsinnstat.

Bei dem Täter soll es sich um den Schüler Georg R. handeln. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE besucht auch seine jüngere Schwester das Gymnasium. Nach einem Bericht des "Bayerischen Rundfunks" war R. seit längerem in psychotherapeutischer Behandlung. In seinem Zimmer hätten die Ermittler außerdem Briefe gefunden, in denen von einer bevorstehenden "Apokalypse" die Rede gewesen sein soll, meldet der Sender.

Um kurz nach halb neun hatte der 18-Jährige, bewaffnet mit einer Axt, zwei Messern und drei Molotow-Cocktails, seine Schule gestürmt. Nach Angaben der Polizei warf der angehende Abiturient zwei Molotow-Cocktails in die Räume der Klassen 9 und 11, nur letzterer zündete.

Eine Schülerin der Klasse 11 trug laut Polizei schwere Brandverletzungen davon, eine ihrer Klassenkameradinnen erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma. Der Täter soll sie mit seiner Axt niedergeschlagen haben. Beide Jugendlichen werden stationär behandelt, auch der Amokläufer befindet sich im Krankenhaus. Sechs weitere Schüler und ein Lehrer wurden leicht verletzt.

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Ansbach: Amoklauf am Carolinum

Foto: Matthias Schrader/ AP

Nach der Attacke rannten zwei Schüler ins Direktorat und informierten die Schulleitung, die die Polizei alarmierte. Zudem setzte ein Schüler aus der 13. Klasse um 8.35 Uhr einen Notruf ab und begann, das ausgebrochene Feuer zu löschen.

Um 8.43 Uhr stürmten zwei Beamte - eine Frau und ein Mann - in die Schule. Statt sich zu ergeben, sei der 18-Jährige jedoch auf die Polizisten zugegangen, sagte ein Sprecher. Diese hätten daraufhin das Feuer eröffnet und den Täter getroffen. Die Staatsanwaltschaft beantragte Haftbefehl gegen den Amokläufer wegen versuchten Mordes.

Nach Augenzeugenberichten war die Tat offenbar genau geplant. Der Täter habe erst einen Molotow-Cocktail ins Klassenzimmer geworfen und dann vor der Tür mit einer Axt auf die flüchtenden Jugendlichen gewartet. Das sagte ein Schüler der zehnten Klasse dem Radiosender "Antenne Bayern". Den Täter selbst beschrieb er als Einzelgänger.

Schule vorsorglich geräumt

Zahlreiche Mannschaftswagen waren am Morgen zum Einsatzort gerast. Die Polizisten umstellten das Gymnasium. Obwohl sie nicht von einem weiteren Täter ausgingen, wurde die Schule vorsorglich geräumt und durchsucht. Die verletzten Schüler brachte man zunächst in der Turnhalle unter. Seelsorger und Psychologen betreuten auch die übrigen Kinder und Jugendlichen. "Die Schüler helfen sich gegenseitig vorbildlich", sagte Oberbürgermeisterin Carda Seidel.

Nach Angaben von Schulleiter Franz Stark trugen Lehrer die verletzten Schüler aus der Schule und überprüften, ob alle die Klassenräume verlassen hatten. Die meisten der auf den Schulhof geschickten Jugendlichen hätten zuerst an eine Übung geglaubt, berichtete Stark. Zumal es erst der der dritte Tag nach den Ferien gewesen sei. "Es fällt mir schwer, dazu Stellung zu nehmen", fügte der Direktor hinzu. Für Freitag wurde der Unterricht abgesagt.

Dem lokalen Hörfunksender Radio 8 sagte eine Schülerin: "Wir waren total ahnungslos." Ein anderes Mädchen erzählte, dass das Gymnasium nicht wie eine andere Schule über einen speziellen Amoklauf-Alarm verfüge. "Wir haben nicht mal eine Sprechanlage, nur so ein Feueralarmteil, diese Glocke", sagte sie.

"Wir wurden sehr früh von den Ereignissen in der Schule informiert", sagte Joachim Stang, Elternratsmitglied am Carolinum und Gymnasiallehrer im 35 Kilometer entfernten Feuchtwangen, SPIEGEL ONLINE. "Das ist uns allen in die Glieder gefahren, zumal viele Kollegen selbst Kinder dort haben." Einige von ihnen hätten den Amokläufer als Außenseiter, "aber ansonsten ganz normalen Mitschüler aus intaktem Elternhaus" beschrieben. "Man hätte nicht auf ihn getippt", so der Lehrer.

Stangs eigene Tochter besucht die 10. Klasse am Carolinum, ist aber zurzeit glücklicherweise auf Studienfahrt in Griechenland. Der Lehrer bestätigte, dass es nach dem Amoklauf von Winnenden am Carolinum spezielle Fortbildungen zu Amoklauf-Situationen gegeben habe, ein Polizist habe die Lehrer entsprechend instruiert.

Der Ansbacher Julius Kramer erhielt am Morgen den Anruf eines Freundes, der berichtete, am Gymnasium Carolinum sei es zu einer Schießerei gekommen. Daraufhin habe es "ein großes Drama in der Familie" gegeben, sagte Kramer SPIEGEL ONLINE, weil seine jüngere Schwester dort die siebte Klasse besuche. Doch schnell kam die Entwarnung. Der Teil des Gebäudes, in dem sich das Mädchen befand, war bereits evakuiert, alle betroffenen Schüler zur Sammelstelle beim Arbeitsamt gebracht worden: "Gott sei Dank geht es ihr gut, sie steht unter Schock, aber das wird schon wieder", sagte Kramer.

Gewalttaten an deutschen Schulen

Das Carolinum mit seinen 650 Schülern ist das zweitälteste staatliche Gymnasium Bayerns. Gegründet wurde es im Jahr 1528. 1736 zog die Schule in das noch heute genutzte Gebäude mit seinem trutzigen Turm. Der Brandanschlag auf das Gymnasium weckt Erinnerungen an andere Gewalttaten an deutschen Schulen wie etwa in Winnenden oder in Erfurt. Erst im Mai wurde eine 16-jährige Schülerin an einem Brandanschlag auf ihr Gymnasium in Sankt Augustin bei Bonn gehindert. Mehrfach gab es Tote, wenn Jugendliche ihre Schule zum Tatort machten.

Innenminister Joachim Herrmann lobte das Vorgehen der Polizei als "vorbildlich". Er bedankte sich für das "schnelle und professionelle" Einschreiten der Einsatzkräfte. "Es ist das schrecklichste eingetreten, was einer Schulfamilie geschehen kann", sagte Kultusminister Ludwig Spaenle. Man habe die Lehren aus dem Amoklauf in Winnenden gezogen. "Deswegen konnte Schlimmeres verhindert werden."

jdl/han/dpa/ddp/AFP/AP
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