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Ansbach: Amoklauf am Carolinum

Foto: Matthias Schrader/ AP

Bluttat an Gymnasium Ansbach rätselt über die Motive des Amokläufers

Warum stürmte Georg R. mit Molotow-Cocktails, Messern und einer Axt in seine Schule? Der Abiturient gilt als Außenseiter, war in Therapie, phantasierte in Briefen über eine bevorstehende "Apokalypse". Die Ermittler hoffen bei der Suche nach den Ursachen des Amoklaufs auf die Aussagen des Täters.

Ansbach - Um halb zehn an diesem Donnerstagmorgen sollte es losgehen. Nach Rom. Schüler der Kollegstufe 13 des Ansbacher Carolinum-Gymnasiums wollten in Italiens Hauptstadt fahren, eine schon traditionelle Studienreise ihrer Schule. Unter ihnen: der 18-jährige Georg R.

Doch an Rom denkt er an diesem verregneten Ansbacher Morgen nicht. Georg R. plant anderes.

Mit einer Axt, zwei Messern und drei Molotow-Cocktails bewaffnet betritt er seine Schule, stürmt die Treppen hinauf in den dritten Stock. In eine neunte und eine elfte Klasse wirft er je einen Brandsatz, doch nur der letzte zündet. Die Schüler rennen aus den Zimmern, Georg R. wartet mit der Axt. Er trifft ein Mädchen mit einem Hieb auf den Kopf. Stundenlang schwebt sie in Lebensgefahr. Sieben Mitschüler und ein Lehrer ziehen sich schwere Verbrennungen zu.

Was ist in Georg R. vorgegangen? Warum wollte er töten?

"Was ihn letztendlich bewegt hat auszurasten, das wissen wir schlicht und einfach noch nicht", sagt Generalstaatsanwalt Klaus Hubmann. Georg R. sei nicht auffällig gewesen, keine Vorstrafen, nichts. Ratlos sind auch jene Schüler des Carolinums, die ihn kennen. Ein Einzelgänger sei er, ohne Freunde. Einer, mit dem niemand etwas zu tun haben wollte, heißt es.

In den Schulpausen und auf Klassenfahrten habe er meist abseits gestanden, berichtet der 19-jährige Tobias, der Georg R. von früher kennt, SPIEGEL ONLINE. Offenbar aber hatte dieser ein ganz anderes Bild von sich selbst: "Der wollte immer alles bestimmen, immer der Anführer sein - aber Freunde hatte der keine."

R. war in psychotherapeutischer Behandlung, skizzierte Endzeitszenarien

Auch R.s jüngere Schwester besucht das Carolinum. Die 17-Jährige ist in der elften Jahrgangsstufe. Über ihren Aufenthaltsort zur Tatzeit wollen die Behörden am Donnerstag keine Auskunft geben. R.s andere, zwei Jahre ältere Schwester hat früher ebenfalls das "Caro" besucht, wie sie das Gymnasium in Ansbach nennen.

Aus welchen Verhältnissen stammt R.? Die Eltern leben getrennt, der Vater hat ein Künstleratelier, malt Aquarelle. Es ist ein unscheinbares Einfamilienhaus direkt an einer der Einfallstraßen in die mittelfränkische Bezirkshauptstadt, an der Türklingel stehen auch die Namen von Georg und seinen beiden Schwestern. R. allerdings habe hauptsächlich bei seiner Mutter gelebt, sagen Mitschüler.

Der "Bayerische Rundfunk" berichtet, dass sich R. schon seit längerem in psychotherapeutischer Behandlung befinde. Im Zimmer des Täters hätten die Ermittler Briefe gefunden, in denen von einer bevorstehenden "Apokalypse" die Rede sei. Eine Polizeisprecherin sagte, bei der Durchsuchung von R.s Zimmer seien Schriftstücke gefunden worden, "die auf eine geplante Tat schließen lassen". Laptop und PC des Schülers seien sichergestellt worden.

"Zurückweisungen und persönliche Krisen"

Schulleiter Franz Stark steht am frühen Nachmittag ratlos am Rande einer eilig einberufenen Pressekonferenz im Landgericht, ein paar hundert Meter von seinem Carolinum entfernt. Es ist eine kleine Schulgemeinde, nur rund 650 Schüler besuchen das zweitälteste staatliche Gymnasium Bayerns. Natürlich kennt der Schulleiter jeden. Ob Georg R. irgendwie auffällig gewesen sei? Der Direktor schüttelt den Kopf. Ein Journalist fragt nach: Heißt dies, dass er nicht auffällig sei oder dass Stark nichts sagen wolle? "Ich sage dazu nichts."

So bleiben nur Mutmaßungen und Spekulationen. Amokläufer würden häufig von einer "Mischung aus kalter Wut und Verzweiflung" getrieben, sagt der Kriminalpsychologe Jens Hoffmann: "Wir sehen in solchen Fällen immer wieder Zurückweisungen von Mädchen und persönliche Krisen."

Derweil hofft der Kriminologe Christian Pfeiffer, dass die Vernehmung des Jungen Aufschluss über die Motive von Amokläufern gibt: "Das ist der erste überlebende Amokläufer, an den ich mich überhaupt erinnern kann", sagte er dem TV-Sender "n-tv". Georg R. habe die Chance, "uns Auskunft zu geben, was in ihm vorgegangen ist".

Schüsse der Polizei stoppten den Amoklauf

Inwieweit er das Geschehen erklären kann, bleibt abzuwarten. Fest steht, dass das schnelle Eingreifen der Polizei am Donnerstagmorgen Schlimmeres verhindert.

Ein Jahrgangskamerad von Georg R. setzt um 8.35 Uhr über das Handy einen Notruf ab, zwei andere Schüler laufen ins Direktorat, alarmieren Schulleitung und Polizei. Es wird Feueralarm ausgelöst.

Statt sich vor dem Amokläufer in den Klassenzimmern zu verbarrikadieren, strömen die Schüler auf die Flure. Es droht ein Amoklauf wie im schwäbischen Winnenden vor sechs Monaten. Zu diesem Zeitpunkt hat Georg R. noch einen letzten seiner insgesamt drei Molotow-Cocktails dabei - zwei hat er bereits in Klassenräume geworfen. Doch es geschieht, was Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) später als "wirklich mehr als vorbildlich" loben wird: Zwei Polizisten sind nach dem Notruf binnen Minuten am Tatort, finden Georg R. im dritten Stock vor den Toilettenräumen.

Er will nicht aufgeben, richtet seine Waffen gegen die Beamten.

Die Polizisten greifen zur Maschinenpistole. Um 8.46 Uhr liegt der Täter am Boden, getroffen und schwer verletzt von fünf Kugeln. "Nur elf Minuten hat das gedauert", sagt Generalstaatsanwalt Hubmann später, man möge "sich nicht ausmalen, was geschehen wäre, wenn es länger gedauert hätte".

Mit Material von dpa und AP

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