Bluttat in belgischem Kinderhort Amoklauf im "Märchenland"

Schreckenstat in Belgien: Ein Amokläufer hat in einer Kindertagesstätte im ostflämischen Dendermonde zwei Kleinkinder und eine Betreuerin erstochen. Der Täter ist gefasst, seine Motive sind noch völlig unklar.

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Dendermonde - Auf dem Fahrrad sei er vorgefahren, das Gesicht weiß geschminkt, die Augen schwarz umrandet, die Haare rot gefärbt - auf den ersten Blick hat der Mann, der in einem Kinderhort in Derdermonde am Morgen ein Blutbad angerichtet hat, laut Augenzeugen einen bizarren Eindruck hinterlassen.

Unter einem Vorwand soll er sich gegen 10 Uhr Zugang zu den Räumen des Kindergartens "Fabeltjesland" (Märchenland) verschafft haben. Belgische Medien berichten, der Mann habe um eine Auskunft gebeten. Was dann genau geschah, ist auch Stunden nach dem Angriff noch unklar.

Eine "Hölle" für die Eltern

Fest steht: Der 28 Jahre alte Täter, den Augenzeugen als sehr hager beschrieben, ist mit einem Messer auf die Kinder und ihre Betreuerinnen los gegangen. Zwei Kleinkinder und eine Frau wurden getötet, elf weitere Kinder und zwei Betreuerinnen mit zum Teil schweren Verletzungen in Krankenhäuser der Umgebung eingeliefert. Die Kindergärtnerinnen sollen verletzt worden sein, als sie versuchten, die Kinder von dem Angreifer abzuschirmen.

Eine Beziehung zu der Kindertagesstätte soll der Mann, der aus Dendermonde stammt, nach Angaben einer Sprecherin der Regionalregierung nicht haben.

Zur Tatzeit hielten sich ersten Ermittlungen zufolge 18 Kinder im Alter von einigen Monaten bis drei Jahren und sechs Betreuerinnen im "Fabeltjesland" auf. Nur fünf Mädchen und Jungen sowie drei Betreuerinnen blieben unverletzt. Innenminister Guido De Padt sprach von einer "Hölle" für die Eltern.

"Alle Kinder haben zahlreiche Stichwunden an Armen, Beinen und am gesamten Körper", sagte der Chef des örtlichen Notdienstes, Ignace Demeyer. Die verletzten Kinder hätten alle operiert werden müssen, seien inzwischen aber außer Lebensgefahr.

"Überall war Blut"

Der stellvertretende Bürgermeister der Stadt, Theo Janssens, der als einer der ersten am Tatort war, sagte später gegenüber belgischen Zeitungen: "Der Täter ist sofort auf die Babys losgegangen." Die Kleinsten hätten zur Tatzeit in ihren Bettchen geschlafen. "Überall war Blut, unglaublich - ein richtiges Massaker."

Der Täter flüchtete zunächst auf einem Fahrrad, offenbar war er unverletzt. Die Polizei setzte einen Polizeihubschrauber und Spürhunde ein, um ihn zu suchen.

Rund eineinhalb Stunden später konnten Ermittler ihn fassen - in einem Aldi-Supermarkt im Nachbarort Lebbeke. In einem Sack habe er noch das blutige Messer bei sich gehabt, sagte Staatsanwalt Christian Du Four. Bei der Festnahme wurde der Täter verletzt, derzeit wird er im Krankenhaus von Aalst behandelt.

"Ich bin völlig fassungslos"

Belgische Medien rätseln nun über die Hintergründe der Tat. War der Mann in ambulanter psychiatrischer Behandlung? War er wegen anderer Delikte polizeibekannt? Stand er bei der Tat unter Alkohol- und Drogeneinfluss, wie die Zeitung "Het Laattste Nieuws" schreibt? Oder hat er gar Verbindungen zur rechtsextremen Organisation BBET (Bloed, Bodem, Eer en Trouw; deutsch: Blut, Boden, Ehre und Treue)? Das Innenministerium wollte sich bislang zu all den Spekulationen und Mutmaßungen nicht äußern.

In Belgien gibt es derzeit mehr Fragen als Antworten. Das Entsetzen über die Tat in der 40.000-Einwohner-Stadt 30 Kilometer nordwestlich von Brüssel ist groß.

Vor der Krippe fielen sich die Eltern am Mittag weinend in die Arme, in der Nähe zum Tatort wurde für sie ein psychologisches Betreuungszentrum eingerichtet. Am Abend sollten hier Prinzessin Mathilde und Kronprinz Philippe eintreffen. Bewohner aus Dendermonde legten vor der Krippe Blumen nieder.

Innenminister De Padt zeigte sich bestürzt und drückte den Angehörigen der Opfer sein Beileid aus. "Ich bin völlig fassungslos, und meine Gedanken gelten nun in erster Linie den Eltern, die diese Hölle mitmachen müssen."

Mehr Sicherheit?

Flanderns Ministerpräsident Kris Peeters sprach von einer "unglaublichen" Tat, die das Land mit "Horror und Trauer" erfülle. "Dieses Blutbad wird mit Sicherheit Spuren in unserer Gesellschaft hinterlassen."

Die staatliche Organisation "Kind en Gezin" ("Kind und Familie"), die auch für die Kontrolle vieler Kindertagesstätten zuständig ist, reagierte mit Entsetzen. "Wir müssen rasch untersuchen, wie der Mann in die Krippe gelangen konnte", zitierte der Rundfunksender VRT Leen Du Bois von "Kind en Gezin".

Nun will man ermitteln, ob die Sicherheitsvorkehrungen in Kindertagesstätten verschärft werden müssen.

Mit Material von dpa



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