Bluttat Italienische Ermittler vermuten Mafia hinter Duisburger Morden

Die sechs in Duisburg erschossenen Italiener gehörten nach Angaben italienischer Fahnder der kalabrischen Mafia an. Die Morde am Hauptbahnhof seien eine "beispiellose Abrechnung", sagte der Polizeivize der Provinz Reggio Calabria.


Rom - Bei der Bluttat in Duisburg mit sechs Toten handelt es sich laut italienischen Medienberichten um eine Auseinandersetzung zwischen zwei rivalisierenden Clans des kalabrischen Mafia-Syndikats 'Ndrangheta. Dies habe die Polizeipräfektur der süditalienischen Provinz Reggio Calabria gemeinsam mit Interpol in Rom und der Duisburger Polizei ermittelt.

Nach Angaben der Zeitung "La Repubblica" sind die Opfer Angehörige der Familie Strangio-Nirta. Zunächst hatte das Blatt unter Berufung auf Ermittler berichtet, die Toten seien Mitglieder der Familie Pelle-Romeo.

Beide Sippen stammen aus dem Ort San Luca und führten seit 1991 eine blutige Fehde, schreibt das Blatt. Auf der Website des Restaurants "Da Bruno", vor dem die Schießerei stattfand, ist der Name "Strangio" als Geschäftsführung angegeben.

Laut "Corriere della Sera" geht die Auseinandersetzung auf ein Fest in der Karnevalszeit zurück, bei dem ein Jugendlicher aus der einen Familie einen Altersgenossen aus der anderen Sippe mit einem Ei beworfen haben soll. Aus dieser vermeintlichen Kleinigkeit sei eine blutiger Rachefeldzug, die "Vendetta von San Luca" geworden. Zwischenzeitlich hätten die Fahnder angenommen, die Fehde sei beigelegt. Seit acht Monaten allerdings hätten die Ermittler fünf neue Morde und acht Mordversuche aus dem Umfeld der beiden Clans registriert. Im vorigen Jahr um die Weihnachtszeit sei die Frau eines Anführers der Familie Strangio-Nirta umgebracht worden, und daran habe sich die Fehde wohl neu entzündet, schreibt die Zeitung.

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"Es ist eine beispiellose Abrechnung, auch deshalb, weil sie erstmals im Ausland stattfand", zitiert die Nachrichtenagentur Ansa den stellvertretenden Leiter der Polizei von Reggio Calabria, Luigi De Sena. "Die Präsenz von Kalabrern in Deutschland ist sehr stark, aber bislang haben sie sich immer zurückgehalten und versucht, nicht aufzufallen." Die italienischen Behörden haben kürzlich erklärt, dass die 'Ndrangheta in Italien davor stehe, mächtiger als die sizilianische Mafia zu werden.

Ein Sprecher der Duisburger Polizei sagte, in der Stadt habe es bisher keine Mafia-Aktivitäten gegeben. Dass die Morde mit Organisierter Kriminalität zusammenhängen könnten, schloss der Sprecher allerdings nicht aus. Bei der Bluttat wurden in der Nacht in der Nähe des Duisburger Hauptbahnhofs sechs Männer erschossen. Bei den Opfern handelt es sich nach Polizeiangaben um Italiener im Alter zwischen 16 und 39 Jahren.

Die tödlichen Schüsse waren mitten in der Nacht gefallen. Die Männer starben durch etliche Einschüsse im Kopf und Halsbereich. Fünf Opfer waren sofort tot, einer erlag auf dem Weg ins Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. Die Polizei entdeckte die Opfer in zwei Autos, die in der Nähe des Hauptbahnhofs abgestellt waren.

Die Opfer waren unbewaffnet

Möglicherweise wurde die Bluttat aufgezeichnet - durch Überwachungskameras an einem benachbarten Gebäude. Ob auf den Bändern etwas von der Tat zu sehen ist, konnte Polizeisprecher Reinhard Pape noch nicht sagen. Laut Pape wurden zwei Männer in der Nähe des Tatorts gesehen. Ob diese Unbekannten etwas mit den tödlichen Schüssen zu tun hatten, ist bislang nicht bekannt. "Es muss sich um mehr als einen Täter gehandelt haben", sagte Pape. Am Tatort seien zahlreiche Geschosshülsen gefunden worden. Die Opfer selbst seien offenbar unbewaffnet gewesen.

Die Tat ereignete sich offenbar kurz nach 2 Uhr morgens. "Eine Fußgängerin hat die Schüsse gehört und einen Streifenwagen angehalten, der zufällig in der Gegend war", sagte der Polizeisprecher. Die Beamten entdeckten gegen 2.30 Uhr die beiden Autos mit den Toten.

Bei dem einen Fahrzeug handelte es sich den Angaben zufolge um einen VW Golf mit Pforzheimer Kennzeichen, bei dem anderen um einen kleinen Lieferwagen aus Duisburg. Die Polizei sperrte den Tatort ab und begann mit der Spurensicherung. Es werde versucht, jede Spur zu sichern, auch wenn dies durch Regen erschwert werde, sagte Polizeisprecher Hermann-Josef Helmich. Am Morgen wurden die ersten Leichen mit Leichenwagen abtransportiert. Dabei schützen Rote-Kreuz-Helfer die Leichen mit hochgehaltenen Decken vor den Objektiven der Fotografen.

Der Tatort liegt nur 100 Meter vom Hauptbahnhof entfernt, direkt neben dem sogenannten "Klöckner-Hochhaus", einem der Wahrzeichen der Ruhrgebietsstadt, in einem Verbindungsweg zwischen zwei Bürogebäuden.

Einzelheiten will die Polizei auf einer Pressekonferenz um 14 Uhr bekannt geben. Die Opfer sollen noch heute obduziert werden. Dabei soll auch geklärt werden, in welcher Reihenfolge die tödlichen Schüsse fielen.

ffr/dpa/AP/AFP



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